Norwegen Tag 5


  

  

Der letzte Tag an Bord bricht an. Um 10 Uhr sollen alle Koffer vorm nächstgelegenen Aufzug stehen und die Kabinen geräumt sein. 
Beim Frühstück treffe ich den Kapitän. Er begrüßt mich freundlich und fragt, ob ich schon lange wach sei. Seit acht sage ich. Er sieht mich erstaunt an. Da habe ich aber lang geschlafen. 

Wenn ich ihm noch gesagt hätte, dass ich um eins das Licht ausgemacht habe, hätte er sicher gesagt: So früh!

Tja. Möglichst wenig schlafen, ist eben nicht bei mir.
Da ich nun keinen Platz mehr zum Schneiden habe, befrage ich lediglich noch ein paar Gäste zu ihrem Aufenthalt und dann packe ich das Mikro weg. Genug jetzt. 

Der Himmel reißt auf und zum ersten Mal seit Tagen kann ich selbst wirklich entschleunigen. Ich sitze an Deck und halte mein Gesicht in die Sonne, blinzele ab und zu und erhasche einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. Schroffe Felsküsten mit Nadelhölzern bewachsen. Manchmal lässt eine Lücke im Fels oder Waldstück eine satt grüne Wiese dahinter erahnen. Als wolle die Natur alles schützen, was im Land dahinter liegt. 

Das Wasser liegt wie schwarzes Glas unter uns, und ein sanfter Wind weht mir durch die Haare. 
Für etwa eine Stunde bin ich ganz allein. Nur selten läuft ein Gast an mir vorbei, und ich genieße die Stille und die wärmende Sonne. 
Selbstverständlich habe ich die Uhr immer ein bisschen im Blick. Ich darf das Mittagessen nicht verpassen. Wer weiß, ob ich auf den Flügen wieder hungern muss. Ich bin ja schließlich klug geworden. 
Und dann löse ich das Versprechen des Kapitäns ein. Obwohl ich in seinen Augen extrem lange geschlafen habe, lässt er mich widerstandslos auf die Brücke.

Er freut sich sogar regelrecht. Willkommene Abwechslung, sagt er. 
Zunächst sitze ich einfach so da und genieße die grandiose Aussicht. 

Dann fängt er an, mir zu erklären, was wir sehen. 

Er erzählt, was ihm das Land bedeutet, dass er versucht, seine Umwelt zu schützen und nachhaltig zu leben. Dass er sich auf seine Familie freut, seine beiden Kinder, die er bald wieder sehen wird: Nach 22 Tagen an Bord hat er 22 Tage frei. 

Die werde er aber auch zum Angeln nutzen. Nur er und die Natur, die Angel und die Lachse. 
Dann berichtet er mir noch freudig, dass er für seine Rückreise zwei Boxen von seinem Lieblingseis ‚getrockneter Fisch‘ bestellt hat. 

„Komisch“, meint er, „das war die billigste aller Sorten.“

Ich kann mir kaum erklären, wieso…
Und dann steuern wir Bergen an. Der erste Offizier lenkt das Schiff gekonnt rückwärts an den Pier, die Motoren verstummen, und die Gäste werden gebeten, das Schiff zu verlassen. 

Ich verabschiede mich. Es ist irgendwie ein seltsamer Abschied. Von einem Menschen, den ich kaum kenne, bestimmt nicht wiedersehen werde und der mir doch für eine Stunde das Gefühl gegeben hat, Teil einer anderen Welt zu sein. Ein schönes Erlebnis. Er nickt mir zu, und ich verlasse das Schiff. 
Die Reise ist noch nicht vorbei!
Alle strömen zu den Bussen. Ich bin mit meinem Voucher bewaffnet und halte Ausschau nach dem Unternehmen, das auf dem Zettel steht. Alle Busse sind mit anderen Firmennamen bedruckt. Ich frage den Busfahrer von einem, auf dem ‚Flughafen‘ steht, ob das der richtige Bus sei. Um ehrlich zu sein, habe er keine Ahnung. Egal. Ich solle einsteigen. Besser, als nach irgendwo da hinten oder irgendwo da unten gehen zu müssen. 
Wir kommen zwei Stunden vor Abflug am Flughafen an. Genug Zeit zum Einchecken, und ich investiere mein letztes Norwegisches Geld in Süßigkeiten für die Kollegen. Bamse Mums. Irgendwelche Bärchen mit Schokolade überzogen, die ich, zugegeben, ausschließlich wegen des lustigen Namens kaufe. 
Und dann haben wir noch mehr Zeit: Der Flug verspätet sich. 

Und noch mehr Zeit. Der Flug verspätet sich weiter. 

Insgesamt fast eine Stunde. 

Na Bravo. 

Umsteigen mit Zeitlimit kenne ich ja schon. 

Beim Anflug auf Amsterdam sagt die Stewardess, dass man den Anschlussflug nach Hamburg vielleicht noch bekommt, wenn man rennt und sich überall durchdrängelt. 
Wenigstens muss ich meinen Koffer nicht abholen. Der ist durchgecheckt bis Hamburg. 
Ich verfluche also die Laptoptasche, Mikrofon und Aufnahmegerät, die mir wie Blei auf den Schultern hängen, während ich über den Flughafen renne. Von Gate B bis ganz hinten bei Gate D. 

Vielleicht kann ich bei Olympia mit einer neuen Sportart antreten: Airport-Running. Übung hätte ich jetzt. 
Pünktlich zum Boarding komme ich an. Was? Da hätte ich mir ja regelrecht Zeit lassen können. Es sind immerhin noch zehn Minuten bis Abflug!

Ich sitze also im Flugzeug. 

Wie sich später herausstellt, war ich schneller als das Flughafenpersonal. Mein Koffer kommt nicht in Hamburg an, sondern verweilt noch in Amsterdam. 

Ich hoffe, er genießt seinen Aufenthalt und kommt dann – ganz entspannt – zu mir zurück. Ich renne ihm bestimmt nicht hinterher!

Norwegen Tag 4


  
Es ist ziemlich unwahrscheinlich, bei Vollpension zu verhungern, aber nicht unmöglich. Das weiß ich spätestens seit dem Vortag. Da ich nicht der große Frühstücker bin, hatte ich mich morgens auf Kaffee und Knäckebrot mit einer Scheibe Käse (diesen Käse muss ich unbedingt importieren) beschränkt. Mein Plan allerdings, mittags ordentlich zu essen, wurde durch meinen plötzlichen Aufbruch zum Eiderenten-Paradies vereitelt. 
Wir waren gegen fünf zurück vom Archipel und das bedeutete, dass ich mich noch bis acht gedulden musste. Abends wird ein Drei-Gänge-Menü serviert, und meine Tischzeit lautet 20 Uhr. 

Ohne Essen bin ich kein besonders friedlicher Mensch, und selbst wenn ich den Ärger des gesamten Vega-Archipels auf mich gezogen hätte; Eiderente wäre jetzt bestimmt super gewesen. 

Es wurde dann aber doch Bulgur mit Gemüse. Und das gerade noch rechtzeitig, um die Sicherheit der Mitreisenden zu bewahren. 

Diesen Fehler würde ich nicht wiederholen. 
Klug, wie ich also nun gerade geworden bin, esse ich zum Frühstück mehr als ein Knäckebrot und schaffe es auch zum Mittagessen. 

Ansonsten ist der Tag überwiegend mit Schnittarbeit am Laptop ausgefüllt. Kabine anstatt Deck. 
Am Nachmittag steht noch ein Interview mit dem Chefkoch aus. Der Arme schwitzt vor Aufregung und fühlt sich am Mikrofon nicht besonders wohl. 
Ganz im Gegenteil dazu der Kapitän. Den treffe ich um 18 Uhr. Ob ich mal mit auf die Brücke will, fragt er. Na klar! 

Und da bin ich. Die Offiziere sitzen in ihren Sesseln an einem Pult voller Technik und Bildschirme, vor ihnen das riesige Panorama-Fenster. Die allerbeste Sicht an Bord und der absolut coolste Platz hier. 
Für das Interview gehe ich mit dem Kapitän in die Cafeteria. Er will Kaffee trinken. Meinetwegen gern. Dazu erzählt er über seine Arbeit, seine Familie, und sein heißer Tipp für das beste Erlebnis an Bord: so wenig Schlaf wie möglich, damit man nichts verpasst. 

Nun, folgte ich seinem Rat, würde ich wahrscheinlich sogar im Sommer Nordlichter sehen, denn Schlaf ist für mich ähnlich wie Essen: zu lange ohne – und damit meine ich, weniger als acht Stunden pro Nacht – löst bei mir existenzielle Grenzerfahrungen aus, die ich nicht positiv bewerten kann. 
Er erzählt weiter vom regionalen Essen, das er so liebt. Hier an Bord gibt es Eiscreme direkt von der Küste. Ob ich das nicht probieren wolle. 

Klar will ich! Ich liebe Eis! 

Er freut sich und steht auf, um mir eins zu holen. „Ich bringe Dir meine Lieblingssorte: getrockneter Fisch!“
Wie bitte?? Haben wir nicht gerade von Eis gesprochen? Ich versuche noch irgendetwas von Vegetarier zu murmeln, aber es ist zu spät. Er kommt zurück mit – gnädigerweise einem sehr kleinen Löffel – Eis. 

Ich schnuppere vorsichtig. Nichts. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Augen zu und durch. 
Er schaut mich erwartungsvoll an, vielleicht auch damit rechnend, dass sich gleich meine Gesichtsfarbe in leichtes Grün verändert. 

Ich schiele auf meine Kaffeetasse. Leer. Nichts zum Nachspülen. 

Aber so schlimm ist es auch gar nicht. Ich bin erstaunt. Es schmeckt eigentlich einfach wie Sahneeis. Als ich ihm das sage, fängt er an zu schwärmen: es gebe auch Erdbeer- und Blaubeereis von der gleichen Firma, aber getrockneter Fisch sei die beste Sorte. Und während er das sagt, entfaltet sich in meinem Mund die volle Fischexplosion. Ich versuche, an Erdbeere und Blaubeere zu denken und wünsche mir meine Zahnbürste. Zum Glück hält sich der Geschmack nur kurz, und in seinen Augen scheine ich die Probe bestanden zu haben: „Du kannst morgen jederzeit zu uns auf die Brücke kommen, wenn Du Zeit und Lust hast.“
Na, das war es doch wert. 
Und dann sind es auch nur noch eineinhalb Stunden bis zum Abendessen. Das halte ich gut aus. 
Zur Auswahl stehen für mich an diesem Abend Pilz-Risotto oder… Fisch. Wenigstens nicht getrocknet. Ich weiß, dass ich keine Pilze mag und kein großer Risottofan bin. Also probiere ich den Fisch?
Ist das ein sehr fischiger Fisch, frage ich den Kellner. Er guckt mich mit großen Augen an. Was ich damit meine, will er wissen. 

Ja. Klar. Blöde Frage für jemanden, der in einem Land mit einer kulinarischen Fischkultur aufgewachsen ist. Er hätte mich fragen können, ob eine Tomate sehr tomatig ist. 

Liebes Norwegen, ich entschuldige mich hiermit für alle Eiderenten- und Fisch-Faux-Pas. 
Aber immerhin habe ich mich für den Fisch entschieden. Wenn ich Eis mit getrocknetem Fisch überlebe, dann wohl auch frischen, gekochten Fisch. 

Und es war gar nicht mal so schlecht. 

Norwegen Tag 3


  
Der zweite Tag endet noch vorm Polarkreis und das heißt, dass wieder eine Nacht ohne Dunkelheit auf uns wartet. Diesmal reißen sogar kurz die Wolken auf, und die Mitternachtssonne scheint rosa aufs Meer. Irgendwie ein magischer Moment. 
Heute habe ich keine besonderen Ausflüge. Ich kann mich also auf die Menschen an Bord konzentrieren und ihnen mein Mikrofon unter die Nase halten. Die meisten reagieren überaus positiv und freuen sich, Auskunft über ihre Reise zu geben. 

Auch der Reiseleiter, einer der wenigen norwegischen Crew-Mitglieder, die genug Deutsch sprechen, um Rede und Antwort zu stehen, erzählt bereitwillig von seinen Erfahrungen an Bord. Und es zeigt sich wieder einmal, dass die Norweger stolz auf ihr Land sind. Magisch, sei die Landschaft, wirklich magisch. Und das immer aufs Neue. 

Und ob ich nicht doch noch mal einen Ausflug machen möchte. Heute gehe es zu einem Archipel in der Nähe. 

Na klar. Umso mehr ich sehe, umso mehr kann ich an Eindrücken verarbeiten. 
Ich steige also direkt ins nächste kleine Ausflugsboot. Mit mir so ziemlich die gleichen Leute wie bei der Adlersafari. Ziel ist das Vega Archipel. UNESCO Weltkulturerbe.
Wir fahren durch zahlreiche flache und karge Inselchen, und die Reiseleiterin erzählt, dass diese einst bewohnt waren. Menschen, die gegen Kälte, Wind und Wasser trotzten, mit nicht viel mehr als den Fischernetzen und den Materialien, die das Wasser ans Land spülte, um daraus ihre Häuser zu bauen. Fast unvorstellbar. 
Heute ist hauptsächlich die große Hauptinsel Vega bewohnt, und diese ist auch unser Ziel. 
Wir legen an einem idyllischen Fleckchen Land an. Kleine Holzhäuser, umrahmt von lila und gelben Blumen. 

  
Zu uns gesellen sich zwei weitere Touristenführer, die uns in eine der Hütten bringen. Wir bekommen Kaffee, Tee und jeder einen von der örtlichen Bäckerin gebackenen Keks und dann geht die Show los. 

Wir lernen erst die einzelnen Bewohner namentlich kennen. Die Frau, die im Sommer die Kayaktouren macht und deren Name ich vergessen habe, ist zum Beispiel im Winter die Friseurin der Insel. (Ich verkneife mir die Frage, ob die Bewohner dann nur im Winter Haare schneiden.)
Die Norweger sind auf eine sympathische Art ziemlich verrückt. Dass sie stolz auf ihr Land sind, merkt man überall. Dass sie sich entlang der Küste noch so viel Ursprünglichkeit bewahrt haben, ist bemerkenswert. Aber das, was auf diesem Archipel passiert, ist ziemlich schräg!

Hier dreht sich alles um… Eine Ente!
Also, nicht um eine einzige Ente, sondern um eine Enten-Art. Die Eiderente. 

Wir bekommen einen kleinen Werbefilm über Vega zu sehen, inklusive der mehrfachen Erwähnung des einzigen Hotels, und dann ein paar Bilder der Enten. Bis dahin war mir nicht klar, was es eigentlich mit dem Federvieh auf sich hat. Vermutlich eine Delikatesse. 
Deshalb stelle ich am Ende auf die Frage, ob jemand Fragen hat, die Frage, ob die denn anders schmecken als andere. 

Ein Blick der Verachtung trifft mich seitens des Reiseführers! 

Nun, es solle wohl schon Leute gegeben haben, die sie gegessen haben, aber er habe schließlich Respekt vor dem Tier. 

Ich unterlasse den Versuch, meine Unschuld zu erklären. Schließlich bin ich Vegetarier. Aber in seinen Augen bin ich ein potentieller Entenkiller. 
Aber was hat es denn nun auf sich mit den Enten, dass eine komplette Inselregion völlig durchdreht?! 

Wir erfahren es in der nächsten Hütte. Einem kleinen Museum rund um die Ente. Und es geht…ausschließlich um die Daunen. 

Der Reiseführer gibt eine ca. kopfgroße Wolke an Superflausch herum. So ziemlich das Leichteste und Kuscheligste, das ich je in der Hand hatte. Und diese Wölkchen an Superhelden-Stoff sind der Grund, warum die Eiderenten regelrecht heilig sind. 
Wenn sie im Frühjahr zum Brüten kommen, bauen die Bewohner ihnen kleine Häuser aus alten Booten, Kisten und was sie sonst finden. Die Katzen werden angeleint oder eingesperrt oder gleich entsorgt, die Kinder werden zu Bekannten ans Festland geschickt, damit es keinen Lärm gibt, und Touristen dürfen in der Zeit sowieso nicht in das Brutgebiet. 

Man kann sogar eine Ausbildung als Entenwächter machen. Ich denke kurz über eine neue Karriere nach. 
Wenn die Entlein mit ihrem Nachwuchs fertig sind, hauen sie ab und hinterlassen die feinen Federn in den Nestern. 

Jedes Jahr werden daraus ca. 20 Bettdecken hergestellt, eine für ungefähr 5000€. Ich hoffe, dass ich mich hier verhört habe, oder die Reiseleitung sich versprochen hat, denn das ist zwar viel Geld für eine Decke, aber 20 Decken sind wenig für eine ganze Gemeinde, die ihr Leben auf den Entenwahnsinn ausrichtet. 
Nun, jeder wie er braucht. 

Ich brauche auf jeden Fall jetzt so eine Decke. Eines Tages möchte ich unter einer solchen Wolke schlafen. Ich fang dann mal an zu sparen. 

Norwegen Tag 2 – Teil 2


  
Die Seeadler-Safari also. Ich bin wirklich gespannt. In einer Gruppe von ca. 40 Personen werden wir in den Fahrzeugraum des Schiffes gebracht. Hier, wo normalerweise die Autos ein- und ausschiffen, dockt ein kleines Ausflugsboot an. Wir steigen ein und schon geht die Fahrt los. 

Die Gegend um die Lofoten ist wohl bekannt für das zahlreiche Vorkommen von Seeadlern. 

Auf dem Boot gibt es eine kleine Plattform, auf die die Mitarbeiter Fischstücke auslegen. Ein bisschen locken wollen wir die lieben Adler schließlich schon. 
Aber der Plan sieht anders aus: Die Möwen sollen angelockt werden, um die Adler dann auf uns aufmerksam zu machen. 

Und die Möwen lassen nicht lange auf sich warten. 
Nun ist es leider so, dass ich Möwen nicht ausstehen kann (außer das Geschrei in der Ferne, wenn man am Meer ist). Möwen stehen für mich auf einer Stufe mit Affen, Rosinen und Marzipan – und wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. 

Sie sind überall und kreischen uns an. 

  
Erst, als wir tatsächlich in den Trollfjord einfahren, gibt es eine Futterpause, und die Vögel ziehen sich etwas zurück. 
Im Fjord herrscht eine seltsame Atmosphäre. Es ist warm, windstill. Dichtes Grün wächst an den schroffen Steilfelsen. Vereinzelte schmale Wasserfälle stürzen die hohen Wände entlang in die Tiefe. 

Es ist ein bisschen wie in einer anderen Welt. Am Ende des Fjords steht ein kleines Haus. Wohnt hier wirklich jemand? 

  
Auch unser Schiff fährt in den schmalen Gang zwischen den Felsen ein. Vom Ausflugsboot beobachten wir, wie es auf dem engen Raum wendet. Beeindruckend, und ich denke an den Kapitän aus dem Museum, der sagte: „Alles ist leicht, wenn man nur weiß, wie es geht.“
Kaum sind wir aus dem Trollfjord draußen, geht die Möwenfütterei weiter. Ich fühle mich an Alfred Hitchcocks ‚Die Vögel‘ erinnert und hoffe inständig, den ständig runterfallenden Möwenhinterlassenschaften zu entgehen. 

Aber der Trick scheint zu wirken. 

Plötzlich kreist am Himmel ein dunkler Fleck. Direkt über uns dreht er seine Runden. Viel höher und doch deutlich größer als die Möwen. Die werden stiller. Ein Gefühl von Ehrfurcht macht sich breit. Und dann schwingt sich der Seeadler hinab und schießt auf das Wasser zu. 
Bei einer Augenhöhe von 1,60m, umringt von kamerawütigen 1,80m-Männern, sehe ich den Adler erst wieder, als er mit einem Fisch zwischen den Krallen Richtung Felsen verschwindet. Der Mann neben mir ist wahnsinnig stolz: „Got him!“, ruft er und zeigt mir sein Kameradisplay, wo ein verschwommenes, gefiedertes Etwas zu sehen ist. Ich bestätige seinen tollen Schuss und er strahlt. 

Und schon kommt der nächste Adler. Diesmal richte ich mich auf und kann ihn ganz sehen: wie er das Ziel anpeilt, kurz in der Luft innehält um dann in einer fließenden, perfekten Bewegung durch die Wasseroberfläche zu brechen und seine Beute davon zu tragen. ‚Got him!‘ denke ich. Mit meinen eigenen Augen. 
Wir sehen noch einige Seeadler. Wie sie auf den Felsen sitzen oder mit nur wenigen Flügelschlägen hinter den Hügelketten verschwinden. 
Irgendwann ist es vorbei. Die Möwen verziehen sich mit dem letzten Brocken, den man ihnen hinwirft, und das Boot prescht durch die leichten Wellen in Richtung des nächsten Dorfes. Es ist kalt und sehr windig. Aber irgendwie stehe ich einfach da und genieße es. Die kühle Luft, die durch meine Jacke zieht, die Salzperlen, die das Wasser auf die Lippen spritzt. Ich fühle mich frei. ‚Got him!‘. 

Norwegen Tag 2


  
Auch in der Nacht legt das Schiff ab und zu an. Ich wache immer kurz auf, wenn die Motoren etwas lauter werden und das Schiff wieder den Pier verlässt. Witzig, dass man immer leicht hin und her rollt, wenn es eine Kurve fährt. 

Ich beschließe, dass Kaffee zum Frühstück vollkommen ausreichend ist und drehe mich noch einmal um, bevor ich den Tag in Richtung Restaurant beginne. 

Schließlich muss ich mich eh erstmal an meinem neuen Aufenthaltsort orientieren und deshalb ist der erste Gang nach dem Kaffee (das Frühstücksbüffet sieht allerdings so gut aus, dass ich es in den nächsten Tagen testen muss) der an Deck. 
Ich strecke meine Nase in den Wind, die Haare flattern mir wild um den Kopf. Noch ist der Himmel bedeckt, und wir fahren vorbei an schemenhaften Bergriesen, einzelnen, schneebedeckten Spitzen, dunkelgrün schimmernden Hügeln und kleinen, niedlichen Holzhäusern, die wie eine Puppenstube wirken. 

Unter uns das dunkle Wasser, das hinter dem Schiff, da wo es aufgewühlt wurde, zu einem eisigen Türkisblau wird. 

Ich finde durchaus, dass man so in den Tag starten kann.  
Ich schaue mich an Bord um, komme mit einigen Menschen ins Gespräch. Alle sind entspannt. „Entschleunigung“, sagt mir einer, „bekommt hier eine neue Bedeutung.“ Viele sind schon seit über einer Woche dabei und wirken weder gelangweilt noch abgestumpft. Im Gegenteil. Immer wieder strömen die Gäste an Deck, um eine Felsformation zu betrachten, Fotos von den kleinen Dörfern und gelegentlichen Brücken zu machen oder um einfach den Fahrtwind zu genießen. 
Nach dem Mittagessen gibt es einen Stopp in Stokmarknes. Hier besuche ich das kleine Museum, das über die Entstehung der Postschiffroute Auskunft gibt. Ich spreche den Museumsdirektor an. Er spricht zwar kaum Deutsch, aber auf Englisch ist er bereitwillig dabei, mir ins Mikro zu erzählen, wie viel ihm diese Geschichte bedeutet. Er war selbst einst Kapitän, hat die engen Fjorde passiert und den Wind bezwungen. „Halten Sie Ausschau nach Trollen im Trollfjord“, sagt er mir mit einem Lachen. 

Die Norweger scheinen mir ein offenes Volk zu sein. Sowohl am Flughafen, im Pub, hier in diesem kleinen Ort; sie strahlen eine Ruhe aus, eine Verbundenheit zu Ort und Zeit. Vielleicht will ich aber auch einfach nur meine Begegnung mit dem alten Kapitän ein wenig verklären, der mit einem Leuchten in den Augen von seiner Geschichte und seiner jetzigen Aufgabe erzählt hat. 
Auf mich wartet tatsächlich noch der Trollfjord. Am Nachmittag werde ich nämlich eine Seeadler-Safari mitmachen. Ich bin gespannt. 

Norwegen Tag 1 – Teil 2


   
Ich war also endlich in Tromsø. 

Jetzt habe ich viel Zeit! Natürlich ist aber diesmal mein Koffer einer der ersten, die aufs Band fallen. Na gut. Er ist zumindest wirklich mitgekommen. 

In Tromsø soll ich den Bus-Transfer zum Hafen nehmen. Dafür habe ich einen Voucher. Flybussen heißt der Bus. 

Ich schaue in den Unterlagen nach: ‚es ist der offizielle Flughafentransfer‘. 

Alles klar. Ich verlasse das Flughafengebäude und da steht auch schon ‚Flybussen Haltestop‘ (oder sowas ähnliches auf Norwegisch). Ich warte. Und warte. Dann kommt nach Ca 15 Minuten ein Bus, auf dem Flybussen steht. Prima. 

Ich zeige dem Busfahrer meinen Voucher und er entschuldigt sich. Er könne mich nicht mitnehmen. Das sei eine andere Gesellschaft. 

???

Aha. Und wo fährt dann der richtige Bus ab? „Irgendwo da hinten“, zeigt er. 

Ich laufe also mit meinem Gepäck nach irgendwo da hinten. Da ist aber nur eine verlassene Tankstelle und ein halb voller Parkplatz. 

Ein älterer Herr spricht mich an, ob ich Hilfe bräuchte. Ich erkläre ihm meine Bussuche.

„Nein“, sagt er. „Das ist nicht hier sondern da vorn, wo der Bus steht. Dann kommt bestimmt gleich der Richtige. Von einer anderen Gesellschaft.“

Ich gehe also von irgendwo da hinten zurück nach da vorn. Und vorsichtshalber frage ich mal im Flughafengebäude jemanden, der offiziell aussieht. Der fragt einen Kollegen. Der fragt dann einen Kollegen. 

Also, die Busgesellschaft habe gewechselt, und die alte – die auf meinem Voucher – hat die Haltestelle irgendwo da unten. 

Aha. 

Ich gehe also raus, um mich auf den Weg nach irgendwo da unten zu machen, da begegne ich wieder dem Busfahrer von vorhin. „Ok. Kannst mitfahren“, sagt er. „Mein Bus ist eh nicht voll.“ 

Na, geht doch. Und als wir vom Flughafen die Straße hinab fahren, frage ich mich wirklich, wo da eine Haltestelle irgendwo da unten hätte sein sollen. 
Ich komme also endlich am Hafen an. Es ist etwa halb fünf nachmittags, und das Schiff, auf dem ich mitfahren soll, kommt gegen halb zwölf nachts.

Zunächst sitze ich noch ein bisschen in der Sonne. Aber dann wird es ziemlich kühl und windig. Klar, ich bin quasi in der Arktis. 
Ich laufe ein paar Runden durch die Innenstadt, aber mit Koffer und schwerem Handgepäck macht das nur mäßig Spaß. Das, was ich von Tromsø sehe, ist allerdings sehr hübsch. 

Trotzdem; mir ist kalt, ich bin müde und ich habe Hunger! Schließlich gab es auf keinem der drei Flüge auch nur einen Cracker und Zeit zwischendurch blieb mir ja nicht. 

Die norwegischen Preise auf den Speisekarten sind angsteinflößend. 

Das hilft aber jetzt alles nichts. Ich suche mir einen Pub direkt am Hafen, bestelle mir eine kleine Pizza und ein Bier. Das teuerste Bier, das ich je hatte. Schmeckt nicht mal besonders gut. Doch ich habe es mir verdient!
Was macht man nun fast fünf Stunden in einem Pub? Nein, in diesem Fall ist Trinken keine Antwort. Erstens ist es zu teuer, zweitens bin ich auf Dienstreise. Ein Bier zum Essen ist ok, aber mehr lässt mein Pflichtgefühl nicht zu. 

Die anderen Gäste sind eher älter und die zwei Jungs, die dort noch sitzen, sehen ungewaschen aus und müffeln. 

Zum Glück gibt es WLAN. 

Warum habe ich eigentlich kein Buch mitgenommen? Achja. Weil mein Handgepäck schon tausend Kilo wiegt. 

Meine erste offizielle Amtshandlung im Sinne der Dienstreise wird der Besuch eines Mitternachtskonzertes sein um anschließend Interviews dazu zu führen. Ich hoffe aufrichtig, dass ich nicht währenddessen einschlafe. 
Die Leute kommen und gehen. Der Pub füllt sich. Gegen halb elf beginnt Livemusik, und ich bin mittlerweile wirklich müde. 

Es ist kurz nach elf. Nicht mehr lang. 

Ich schaue aus dem Fenster und da ist sie: die Nacht, die nicht dunkel wird.

Es ist so wie ganz früh am Morgen draußen. Vielleicht wäre es noch heller, wenn der Himmel nicht wolkenverhangen wäre. 
Um viertel nach elf verlasse ich den Pub. Draußen steht schon der Bus, der uns zum Mitternachtskonzert bringen soll. Ich erbitte mir verfrühten Einlass, weil es wirklich kühl ist. Der Busfahrer spricht zwar nur norwegisch, aber er lässt mich einsteigen. Mit norwegischen Busfahrern kann ich ja jetzt ganz gut. 

Pünktlich um viertel vor zwölf läuft das Schiff ein, die anderen Gäste sitzen im Bus und los geht’s. 
Meine Angst, dass ich einschlafen könnte, war unbegründet. Das Konzert in der Eismeerkathedrale ist bezaubernd. Norwegische Flöten-Klänge und Gesang in einer kleinen Kirche mit toller Akustik. Das helle Licht der Mitternachtssonne fällt durch die bunten Glasscheiben. 

Und willige Gesprächspartner habe ich nach dem Konzert auch noch. 
Als wir rauskommen, haben sich doch noch ein paar Wolken verzogen. Es ist taghell. Fühlt sich völlig verrückt an. Hinter der Hügelkette liegt ein leichter orange-roter Schimmer. 
2 Uhr morgens. Endlich an Bord und endlich im Bett. Ich brauche nicht lange zum Einschlafen. Zum einen bin ich todmüde, zum anderen wiegt mich das Schiff sanft in den Schlaf. Was für ein Tag. 
 

Norwegen Tag 1


Arbeit kann ja manchmal wirklich cool sein. Wenn man auf eine Schiffsreise nach Norwegen geschickt wird zum Beispiel. 
Ich bin am Abend vorher tatsächlich etwas aufgeregt. Klappt alles? Ist der Anschlussflug von Oslo nach Tromsø nicht zu knapp gebucht worden? Irgendwann schlafe ich dann doch ein. 

Um halb fünf klingelt mein Diensthandy. Das klingelt nicht allzu oft und schon gar nicht nachts. Ich schaue aufs Display: eine mir unbekannte Nummer mit dem Hinweis „aus Rumänien“. Ich nehme nicht an. Es klingelt wieder. Ich drücke weg. Auf so was lasse ich mich gar nicht erst ein. Zwei Nachrichten auf der Mailbox, beides Mal Rauschen. Ich kopiere die Nummer und gebe sie in die Google-Suche. Kein Treffer, nur Foreneinträge über Betrugsanrufe aus Rumänien. Prima. Das ist genau das, was ich um die Uhrzeit brauche. Die Nacht ist quasi vorbei, ohne weiteren Schlaf stehe ich um 6 auf. 

Das Taxi ist pünktlich. Der Flug nach Kopenhagen auch. Von Kopenhagen nach Oslo auch kein Problem. Und dann Oslo – Tromsø. 

Planmäßige Ankunft 12.55 Uhr, nächster Abflug 14 Uhr. Und ich muss dort meinen Koffer vom Band holen, durch den Zoll, neu einchecken und durch die Sicherheitskontrollen. 

Der Flug ist etwas zu spät, und auf dem Kofferband sind viele Koffer, nur nicht meiner. Die Zeit tickt. Nur noch 25 Minuten. Noch kein Koffer. Ich bin nicht die Einzige, die wartet, aber offenbar die Einzige mit einem solchen Kamikaze-Anschlussflug. 

Noch 20 Minuten. Noch 15 Minuten. 

Mein Koffer kommt. Ich renne wie eine Irre durch den Zoll, wo genau niemand steht, den es interessiert. Treppe hoch, Koffer abgeben. „Nein“, sagt die Dame. „Das schaffen Sie nicht. Sie müssen Ihren Flug umbuchen.“

Ich gehe also zum Serviceschalter. Und die Dame dort macht einen Anruf und sagt dann zu mir: „Das schaffen Sie.“ 

Sie rennt voraus. Genau genommen dackelt sie voraus, denn sie hat einen lustig vorgebeugten Gang. Sie schummelt meinen Koffer aufs nächste freie Band und weg ist er. Aber ich bin noch da. Es ist zehn vor. 

Sie bringt mich zur Security und gibt mir einen Fast Lane Pass, und zum Glück nehmen die Norweger mich nicht wie die Hamburger auseinander. Wobei das mit einer kompletten Ausrüstung mit Mikro, Aufnahmegerät, Fotokamera mit mehreren Objektiven und Laptop irgendwie verständlich wäre.  

Ich renne. Und renne. Mit gefühlten 20 Kilo auf den Schultern. Und verdurste nahezu. Natürlich ist das Gate weit hinten. Laut keuchend, schweißgebadet und völlig fertig komme ich an. Wo ist mein Applaus? Wo ist das Empfangskomitee? Ich schiebe mich schnell durch die Ticketkontrolle. Rein ins Flugzeug. Tür zu. Es ist zwei vor Zwei. 

Ich falle in meinen Sitz während die Stewardess die Sicherheitsregeln erklärt und mir wird klar, dass ich noch nicht mal die Hälfte dieses Tages geschafft habe. 

Aber immerhin: Tromsø, ich komme!