Mein erster Schultag


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Achherrje. Wie damals. Die Tasche gepackt, was zum Schreiben und einen Block dabei, und los geht’s. Der Fußweg zur Schule beträgt ziemlich genau 45 Minuten (bei meinem Tempo, bei den Einheimischen vermutlich 12 bis 18 Minuten länger). Ich könnte auch mit dem Bus fahren, aber ich bin sowieso früh dran und habe Lust zu laufen.

In der Schule trifft man auf alle möglichen Nationen, in meiner Klasse ist ein Herr, schon Mitte vierzig, aus Seattle, ein Mädchen aus Holland, eine Schweizerin und noch ein Deutscher.

Und glücklicherweise sind sie alle auch nicht besser als ich. Und der Herr aus Seattle sogar derart ‚lost in translation‘, daß er einem schon leid tut, denn wer erinnert sich nicht an die Schultage, an denen man an die Tafel mußte und von Tuten und Blasen einfach keine Ahnung hatte.

Vier Stunden. Ganz schön intensiv.
Aber so langsam nähere ich mich den Geheimnissen der Sprache.
Das Spanisch, das hier gesprochen wird, ist nämlich ziemlich anders als das in Spanien. Man vergesse zunächst die zweite Person Plural (die gibt es hier nicht), tausche das spanische tú gegen vos, ersetze y und ll durch ein scharf gesprochenes sch und verschlucke auf dem Weg dorthin möglichst viele Exemplare des Buchstaben s. Fertig!

Und nur weil die Lehrerin freundlicherweise so langsam und verständlich spricht, heißt das noch nicht, daß man in der echten Welt irgendwen versteht. Aber ich bin frohen Mutes, morgen ist ein neuer Tag mit lernen, lernen, lernen!
Aber das heißt ja nicht, daß die Nacht davor nicht noch interessant werden könnte…

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Bein bitte


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Die Uhren ticken hier anders. Wenn man zum Abendessen verabredet ist, heißt das, man trifft sich gegen halb zehn irgendwo, geht seeeehr langsam und gemütlich los und isst gegen elf. Um diese Uhrzeit sind die Restaurants voll. Man ist dann dementsprechend lange wach, um das Ganze zu verdauen. So zumindest am Wochenende.

Auch ein Sonntag beginnt gemüüütlich. Und in meinem Fall mit einem ASADO!

Asado ist grillen. Bitte jetzt keine Gedanken an Gasgrill und ein paar Würstchen! Nein, gegen elf lagen Huhn und Rind (pollo y carne! Laut Sprachgebrauch ist ein Huhn tatsächlich nur ein Huhn und nicht ‚carne‘, also übersetzt Fleisch) auf dem ‚parrilla‘ im Garten (einem gemauerten Grill, der Größe eines Kamins) und haben es sich so langsam warm gemacht. Gegen zwei war es dann soweit. Und auch wenn man hier mit den Augen rollt, wenn sich jemand als Vegetarier outet- den Salat und die Guacamole essen sie dann doch ziemlich gern.

Und nun die große Frage: hat sie oder nicht?

Klar, hat sie! Das erste Stück Fleisch, das ich probiert habe… Fürchterlich!!! Ich dachte, es sei Huhn, soll aber Rind gewesen sein. Fett und komplett durchgebraten. Das war ein Stück aus der Bauchgegend, sagt man mir. Ja, laßt es am Bauch. Stand der Kuh bestimmt gut!

Das Huhn hat mich einfach nicht angelächelt. Federvieh eben. Gackert, pickt, legt Eier, aber essen… kein Bedarf. Da habe ich weder Mitleid noch Gelüste.

Aber dieses eine Stück… Ohne Fett, ganz zart und durch und durch mit Geschmack! Ich hab’s aufgegessen. War gar nicht konsistenzgestört, fad oder ‚wird mehr, wenn man darauf kaut‘. Es war das Bein! Liebe Kuh, ich danke Dir für dieses schmackhafte Stückchen Bein, und ich würde es wieder tun!

Nicht, daß jemand denkt, ich hätte Massen verdrückt. Ich habe auch die Blutwurst missachtet. Das wäre ein bißchen viel für den Anfang. Aber es war ein Stück, und trotzdem fühle ich mich immer noch sehr fleischlos. Vielleicht, weil ich mir beim essen die Wiese, auf der das Rind wohnte, so lebhaft vorstellen konnte. Und die Gräser, die es gefuttert hat. Ich glaube, das Rind, von dessen Bein ich heute ein Stück gegessen habe, war sehr glücklich.

Aber bin ich jetzt eigentlich noch Vegetarier?