All that Jazz


Es ist schon echt erstaunlich, was hier so geboten wird. Jeden Tag kann man irgendeiner Veranstaltung beiwohnen, wenn man möchte, und normalerweise kostenlos.
Viele Events werden direkt von der Stadt organisiert.
Vielleicht ist es in Berlin, Hamburg, Frankfurt und Co genauso, und es ist mir nur nie aufgefallen, weil man einfach so seinen Trott hat.

Also studiere ich den Veranstaltungskalender, und es steht an: Festival de Jazz!
Und das auch noch bei mir in der Nähe. In dem Park, der mir normalerweise dazu dient, daß ich schweißgebadet ein paar Runden jogge, in der Hoffnung, daß sich an meinem Körper wieder Konturen bilden, die nicht aus Speck bestehen.

Zwei Tage hintereinander finden im Park Konzerte statt, jeweils abends um 19, 20 und 21 Uhr. Und wieder einmal kostenlos.

Klar, daß ich hingehe. Am ersten Abend ziehe ich mir etwas Schickeres an. Man weiß ja nie, was so genau passiert. Das Konzert ist toll! Qualitativ hochwertig und das schönste: die Arena vor der Bühne ist voll! Die Leute wissen das Angebot offenbar zu schätzen.

Am zweiten Abend bemerke ich die Problematik, die sich mir jetzt stellt. Normalerweise würde ich um die Uhrzeit um den Park laufen und nicht drin sitzen. Gestern war ich ja schon nicht joggen, also müsste und will ich heute.
Naja, gestern hatte ich was Schickes an, dann tun es doch heute die Sportsachen, oder?

Das Konzert ist wesentlich anspruchsvoller, aber offensichtlich genießen die Porteños schwere Kost nicht nur, wenn es ums Essen geht. Ich bin froh, daß ich hingegangen bin! Und daß ich in Trainingshose und Schlabbershirt dasitze, stört auch niemanden. Direkt danach, um zehn, laufe ich noch zweieinhalb Runden um den Park. Es ist immer noch heiß, aber ich bin zufrieden.

Ich hab alles unter einen Hut gekriegt, und der Abend ist noch lange nicht vorbei…

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Tango ist ein Arschloch


Da klappt es jetzt endlich mit der Sprache, zumindest im Großen und Ganzen, da stellt sich mir das nächste Verständigungsproblem. Das auf der Tanzfläche.
Ich hatte erst fünf Stunden, das ist quasi gar nichts. Aber es ist genau wie bei einer Sprache, wenn man nicht rausgeht und sich in freier Wildbahn versucht, nützen auch die besten Unterrichtsstunden nichts.
Und Tango hat tatsächlich was von einer Sprache. Der Mann markiert, im besten Falle verständlich, welche Bewegung als nächstes folgen soll, und die Frau versteht, im besten Falle, was der Mann ihr markiert.

Bei mir ist es so: ich verstehe beim Tango noch nicht viel. Deshalb ist es nett, wenn jemand langsam und deutlich „spricht“.

Beim Spanisch lernen war das viel einfacher. Da sind alle entgegenkommend und hilfsbereit, beim Tango will man lieber einfach tanzen und zeigen, was man kann.
Einige wenige gibt es, die sich Zeit nehmen und erklären. Und dann passiert es tatsächlich…
Dieser Moment, in dem man tanzt, ist als würde man fliegen.

Aber gestern hat mich einer aufgefordert, der genau wußte, daß ich Anfängerin bin. Nach einem halbem Lied wollte er dann auch schon nicht mehr. Und das ist sehr, sehr unhöflich! Und macht einen sehr, sehr unsicher!

Manchmal ist Tango ein Arschloch, und in dem Fall der Typ auch!
Weitertanzen werde ich trotzdem…

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Schnell mal was essen


Man weiß ja nie. Deshalb habe ich mittlerweile immer meine Zahnbürste in der Handtasche.
Die brauchte ich gestern zwar nicht, aber spontan war trotzdem mal wieder alles.

Ein gemütlicher Samstag. Spätes Frühstück (dafür aber auch Frühstück, nicht so wie hier eigentlich üblich Mate plus Keks und fertig) und gegen eins meldet sich ein Freund: wir wollen Mittagessen bei Dir in der Gegend. Kommst Du dazu?
Klar.
Ok, dann holen wir Dich ab. In zehn Minuten Ecke Soundso.

Na, dann aber schnell. Ich gehe direkt los zum Treffpunkt und bin pünktlich. Etwa eine Viertelstunde später ein Anruf: ach, an der Ecke ist es doch schlecht, kannst Du zwei Straßen weiter laufen, da sind wir jetzt?

Zwei Straßen weiter und nochmal eine Viertelstunde später kommt ein Auto angedüst. Ich denke mir, daß ich in der Zeit auch bestimmt direkt in das Café hätte laufen können. Aber Pustekuchen. Nach ca. zehn Minuten Fahrt sind wir auf der Autobahn.
„Wir fahren ein bißchen raus aus der Stadt zum Essen, ok?“

Etwa eine Stunde später sind wir außerhalb der Stadt auf einem Privatgrundstück mit angrenzendem Restaurant.
Es ist ruhig, die Luft ist frisch. Das Essen ist nicht besonders, die Landschaft auch nicht, aber trotzdem war alles die Fahrt wert.

Gegen sechs Uhr sind wir wieder in Buenos Aires.
Der Tag ist noch nicht zu Ende!

Man weiß eben nie, was so passiert.

Mein zweiter Geburtstag


Der Tangotanzlehrer hat Geburtstag. Seinen 31. Also haben wir nach dem Unterricht gefeiert. Wie es sich gehört wieder mal mit einem Asado.

Diesmal in kleiner Runde. Nur das Pärchen, das mit mir Unterricht nimmt, zwei Bekannte und die beiden Tanzlehrer.
Das heißt aber nicht, daß es dann weniger zu Essen gibt. Wiedereinmal landeten Kiloweise Fleisch auf dem Grill, dazu Brot, etwas Salat und viel Wein.

Wiedereinmal gab es anschließend auch Nachtisch in Form einer tollen Schokotorte.

Und wiedereinmal habe ich schlicht und einfach zu viel gegessen. Mein Magen war erst am späten Nachmittag des Folgetags wieder aufnahmefähig, und ich muß endlich lernen, daß es keine gute Idee ist, alles zu probieren, wenn man bestimmte Dinge nicht gewohnt ist.

Also: Das nächste Mal muß ich die Schokotorte unbedingt weglassen!

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El Ron de Buenos Aires


Ich besuche Puerto Madero, weil ich dort tagsüber noch nicht war.
Ich laufe am Fluß entlang, spaziere über die berühmte Brücke Puente de la Mujer und setze mich auf der anderen Seite auf eine Bank, um das Treiben der Geschäftsleute und Touristen zu beobachten.

Neben mir hält ein Mann an, etwa 80, schätze ich. Ob mir sein Hund gefällt, fragt er mich unvermittelt.
Wie bitte?
Achja, an der Leine hat er einen gepflegt aussehenden Wuschel Marke Golden Retriever, der mich zusammen mit dem Herrchen anblickt, in Erwartung einer positiven Antwort auf die Frage.
Ja, hübscher Hund.

Ob ich auch einen habe.
Nein, hab ich nicht.
Warum nicht? Ob ich denn keine Hunde mag?
Doch, mag ich. Aber ich habe eben keinen.

Und dann erzählt mir der Mann alles Mögliche. Daß er mal zwei Monate in Hamburg gelebt und viele deutsche Freunde habe.
Daß es in Berlin keine Polizei gebe, und Buenos Aires deshalb viel sicherer sei (interessant, das wußte ich gar nicht. Vielleicht wäre das eine Marktlücke: Polizei in Berlin…), daß alle Deutschen, die er kennt, Anna heißen und beim Fernsehen arbeiten, weil sie alle blond sind, und daß sein Hund eine große Berühmtheit ist, weil er ein Filmstar sei und sogar eine Facebookseite hat.

Der Hund heißt Ron. Also Rum. Wie das Getränk.
Ron trägt eine Büchse mit Tütchen am Halsband. Damit ist er wahrscheinlich der einzige Hund in Buenos Aires, dessen Hinterlassenschaften nicht auf dem Bürgersteig liegenbleiben. Vielleicht macht Ron sie sogar selber weg, weil er ja sehr begabt ist.

Aber Ron hat offenbar heute Pause vom berühmt und wichtig sein. Er pinkelt lieber gegen die Straßenlaterne, während sein Herrchen Loblieder auf ihn singt.

Ich stehe auf und wünsche den beiden Glück. Er (der Mann) lächelt mich an und erwidert meinen Wunsch.

Wenn Ihr also einen Film mit einem wuscheligen Golden Retriever seht, dann könnte es Ron sein.
Eine lebende Legende in Buenos Aires.