Geh oder stirb


6 Millionen Roller- und Mopedfahrer. Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, hat offenbar einen zweirädrigen, fahrbaren Untersatz. In Hanoi wirkt jede Kreuzung wie der Startpunkt einer Rennstrecke. Dicht gedrängt stehen sie da wie Stiere, die mit den Hufen scharren, um endlich loszufahren – natürlich nicht bei grün, sondern dann, wenn es einer nicht mehr aushält und hupt. Wer hupt, fährt zuerst. Alle hupen, und zwar ständig – was das Überqueren einer Straße zum echten Erlebnis macht. Beim ersten Mal stehen wir ratlos da. Es gibt zwar einen Hauch von Zebrastreifen, aber ans Anhalten denkt hier niemand. Im Gegenteil: sobald wir einen Fuß auf die Straße setzen, werden wir mit lautem Hupen zurückgescheucht. Alles fährt kreuz und quer, eine Lücke im Gewusel des Verkehrs tut sich nicht auf. Das bedeutet, es gibt nur eine Lösung: einfach gehen. Luft anhalten, geradeaus schauen und losgehen. Alle Fahrzeuge ausblenden. Zögern wird bestraft, nicht nur mit weiterem Hupen, sondern auch mit Nichtvorankommen, im schlimmsten Fall mit körperlichen Schäden. Nicht zögern, einfach gehen und alles an einem vorbei ziehen lassen. Solange man beweglicher Teil des Ganzen ist, scheinen sie sich hupend den Weg an einem vorbei zu suchen. Wer steht, kann nicht eingeordnet werden.

Wir werden besser darin, die Straßen zu überqueren, ein Adrenalinkick bleibt es. Und wir können genau sehen, welche Touristen gerade erst in Hanoi angekommen sind: die, die stehen. Ratlos stehen und staunen.

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Der Duft von Hanoi


Die Dusche bleibt kalt, weil das Wasser einfach nicht warm wird. Zehn Minuten nachdem der Strom eingeschaltet ist, sollte es warm werden, sagte die Dame, haben wir zumindest so verstanden – tatsächlich sind es eher so 20 Stunden.

Egal, kaltes Wasser ist gut fürs Bindegewebe. Hauptsächlich wollen wir sowieso endlich was essen.

Wir verlassen unser Hotel mitten in einer kleinen Gasse in der Altstadt – und da stehen wir. Umgeben von Menschen, die auf der Straße stehen und sitzen. Sie kochen, braten, hacken Fleisch und Fisch, zupfen Gemüse zurecht, schälen Obst, und drum herum verpesten die Mopeds und Autos die Luft mit ihren stinkenden Abgasen. Die Gerüche sind, gelinde gesagt, dramatisch. Hunger, geschweige denn Appetit, ist wie weggeblasen. Es mischt sich der Geruch von getrocknetem Fisch, Dieselgestank und bei 20 Grad mehrere Stunden ungekühltem Fleisch. Die Garküchen, von denen ich noch drei Stunden zuvor dachte, dass ich sie testen werde, entpuppen sich als Woks auf Bunsenbrennern am Boden, Essen serviert auf ungewaschenen Plastiktellern, das mir schon beim Anblick auf den Magen schlägt. Nein. Heute keine Garküche. Der Tag war zu lang, die Reizüberflutung zu groß, alles so laut. Vielleicht morgen. Vielleicht an einem anderen Tag in den nächsten zwei Wochen.

Wir wandern noch zweimal um den See, bis wir die Gerüche soweit aus der Nase haben, dass die Nahrungsaufnahme möglich scheint. Es wird ein kleines Lokal, wenige Plätze, aber bebilderte Karte. Das Essen ist vietnamesisch und gut, das Bier schenkt uns die nötige Bettschwere. Ein anstrengender Tag. Ein aufregender Tag. Ich freue mich, hier zu sein.