Willkommen


Nach dem Generalstreik am Tag zuvor scheinen nun alle einen Tag später fliegen zu wollen. Dementsprechend herrscht am Flughafen leichtes Chaos, und mein Flug verspätet sich um etwa zwei Stunden.
Halb so wild, ich bin schließlich gut angekommen, und nach einer Viertelstunde brav in der Schlange anstehen, bekomme ich auch ein Taxi (die Argentinier lieben es einfach, sich irgendwo anzustellen und Schlangen zu bilden).

Und als ich zur Tür hereinkomme, schwebt mir schon der Duft nach frischen Empanadas entgegen. Hausgemacht natürlich.

Und die Empanadas ála Fernando sind nun mal die besten. Willkommen zurück!

Koka, Salz und noch mehr Lamas


Sei es das Lama von gestern oder die Hitze; um fünf Uhr morgens befinde ich mich brechend über dem Klo, Durchfall gibt’s inklusive. Wunderbar!

Heute steht mir der längste Ausflug bevor, zu den Salzebenen, den Salinas Grandes, und den möchte ich nicht verpassen.
Ich presse also Zähne und Arschbacken zusammen und steige in den Bus.
Noch bevor wir Salta verlassen, muss ich schonmal um einen kleinen Stopp bitten. Auf der Toilette eines Hostels… Naja, keine weiteren Erklärungen.

Heute werden wir die 4000 Meter überschreiten. Kopfschmerzen und Übelkeit seien normal, sagt die Reiseführerin, allerdings nicht schon bei 1000 Metern.

Nachdem ich mich noch einmal in die Pampa (und da ich in Argentinien bin, kann ich das wirklich behaupten) übergebe, geht es mir erstmal besser.
Wir fahren überwiegend über Schotterstraßen. Nicht so bunt wie gestern, aber nicht weniger interessant.

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Es ist erstaunlich frisch, viel kühler als in den Tagen zuvor.
Meine persönliche Frische hält nicht lange an. Eingewickelt in des Fahrers massive Jacke (er wiegt bestimmt über 100kg, und seine Jacke ist eine Decke für mich), döse ich vor mich hin. Mein Kreislauf irgendwo zu meinen Füßen.

Irgendwann verteilt die Reiseleiterin Kokablätter an alle. Auch, wenn ich schon alle Symptome von Höhenkrankheit habe, schiebe ich mir die Blätter in die Wangentasche. Was soll’s! Kann ja nicht schlimmer werden.
Während die anderen im Restaurant Lama essen (ich hatte wirklich keine Kraft, irgendwen zu warnen), liege ich auf der Rückbank des Busses und schlafe.

Die Landschaft, die wir passieren, nehme ich nur halb war, und so habe ich auch kein Foto von den vielen lebendigen Lamas, die auf den Hochebenen rumrennen, mit ihren bunten Wollknäueln in den Ohren, die zeigen, wem sie gehören. Nur darauf wartend, den nächsten harmlosen Vegetarier zur Kloschüssel zu befördern.

Immerhin muss ich nicht mehr brechen. Mein Magen hat sich in jeder Hinsicht beruhigt, vielleicht durch das Koka, aber müde und fertig bin ich nach wie vor.

Aber ich habe es geschafft. Irgendwann erstreckt sich vor uns die Salzebene. 200 km im Quadrat, in der Ferne schneebedeckte Berge. Entstanden ist dieses Salzgelände durch vulkanische Aktivitäten. Mehr konnte ich nicht aufnehmen. Doch die Fahrt hat sich gelohnt. Es ist eine andere Welt.

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Zurück geht es auf der Strecke, die ich gestern schon gesehenen habe, inklusive des kleinen Dorfes Pumamarca.
Aber natürlich muss noch was dazwischen kommen…

Schon am ersten Abend in Salta wurde auf dem Platz vorm Rathaus groß demonstriert. Für mehr Bildung und bessere Konditionen im Ausbildungssystem.

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Und nicht nur in Salta, sondern auch in Jujuy wird demonstriert. Deshalb konnten wir gestern nicht die Innenstadt besuchen, zu gefährlich, und heute sind Straßen rund um die Stadt gesperrt. Wir müssen also einen Umweg fahren, der uns etwa eineinhalb Stunden mehr kostet. Wenn man nichts mehr will, als ins Bett, um zu schlafen, muss ja sowas passieren.

Nun denn, um zehn Uhr abends falle ich halbtot in die Kissen.
Und trotzdem werden mir letztendlich bestimmt die schönen Bilder dieses Tages in Erinnerung bleiben.

Lama in 3000 Meter Höhe


Neuer Tag, neuer Ausflug. Wieder früh.
Heute geht es in den Norden nach Humauaca. Einem Ort in etwa 3000 Meter Höhe in der angrenzenden Provinz Jujuy.

Die Felder sind teilweise noch mit Nebel bedeckt, und diesmal sehen wir sie wirklich, die Anden. Wie sie sich in der Ferne parallel zu unserer Straße erstrecken. Kilometerweit begleiten sie unsere Sicht, während wir langsam aufwärts in die Berge fahren.

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Die Landschaft wechselt von tropischen Wäldern bis hin zu kakteengesäumter Wüste.

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Es ist heiß. Sehr heiß und trocken. Ganz anders als in Buenos Aires oder Iguazu.

Auf dem Weg halten wir in Pumamarca, einem kleinen Dorf, in dem die Einheimischen allerhand Decken, Keramik und sonstigen Kram verkaufen. Eine Decke wechselt auch in meinen Besitz. Kleines Andenken. Abgesehen davon muß man einfach etwas von den Farben mitnehmen.

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Und auch die Landschaft bietet wieder alle Farben. Sogar noch mehr als gestern leuchten die Felsen in Rottönen, Violett, Gelb, Grün und Grau. Unglaubliche Eindrücke, und man weiß gar nicht, was man zuerst fotografieren soll.

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Schließlich erreichen wir das Bergdorf Humauaca.
Ich habe auf dem Weg dahin brav meinen Koka Tee getrunken. Die Variante erschien mir sympathischer, als die Blätter als Ball im Mund zu haben. Auf jeden Fall
fühle ich mich gut. 3000 Meter seien aber auch noch nicht so hoch, sagt man uns. Allerdings gibt es im Bus Sauerstoff für Notfälle.

Koka ist übrigens in Argentinien legal und hat recht wenig mit Kokain zu tun. Natürlich wird es aus den Blättern gewonnen, aber für ein Gramm Kokain braucht man ein Kilo Blätter. Verkauft werden in der Regel Tüten mit 20 Gramm. Und in den Mund kriegt man vielleicht fünf.
Weit entfernt von einer halluzinogenen Wirkung also. Die Wirkung liegt lediglich darin, den Magen zu beruhigen und die Sauerstoffaufnahme zu verbessern.

In Humauaca gibt es Mittagessen. Wir können wählen zwischen Huhn, Salat und Lama. Angeblich eine Delikatesse.
Als Vegetarier sollte ich mich eigentlich für den Salat entscheiden, aber die Neugier ist zu groß. Lama soll extrem gesund sein, hat so gut wie kein Fett und Cholesterin.
Lama in Weissweinsoße. Klingt doch toll!
Schmeckt nur leider nicht. Trocken wie Staub. Und die Soße hatte mehr von Brühwürfel als von Wein. Dieses Lama hat vorher nochmal alle Muskeln angespannt, um so zäh wie möglich zu sein. Zum Glück gibt’s Salat dazu und eine Empanada mit Käse. Lama kann ich wirklich nicht weiterempfehlen.

Das Dorf ist unglaublich niedlich, aber auch unglaublich voll mit bettelnden Kindern. Da leider alles geschlossen ist, bleibt uns nichts weiter übrig, als auf dem kleinen Marktplatz unsere Runden zu drehen und uns die angebotenen Waren anzuschauen.

Am Nachmittag geht es dann wieder zurück. Wieder vorbei an all den Farben.

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Mein Ausflug morgen wird wohl etwas weniger farbig, denn es geht in eine Salzwüste. Ich bin gespannt.

Heim


Fernando, der Hausherr, hat mal wieder wunderbar gekocht, und wir sitzen beim Mittagessen.
Ich gehöre mittlerweile zu den Trompetern vom Dienst, was mein Geschnaube in Sachen Schnupfen angeht.
Und leider kann ich es auch während des Essens nicht vermeiden, meine Nase zu schneuzen.
Ich drehe mich vom Tisch weg und entschuldige mich anschließend, weil es wirklich nicht schön ist.

„Bitte nicht um Entschuldigung in Deinem zu Hause“, sagt Fernando. „Das hier ist Deine Station ‚Heim‘ in Argentinien.“

…er hat recht. Zu Hause ist überall da, wo geliebte Menschen sind.

Gewohnheitstiere


Ich liebe meine Eltern! Kein Zweifel! Und daß sie mich in Buenos Aires besuchen, finde ich großartig, wir haben eine tolle Zeit.

Und außerdem sind da die (liebenswerten,) kleinen Marotten, die mir mehr als vorher auffallen.

Mein Vater zum Beispiel mag gutes Fleisch, rustikale Restauranteinrichtungen und Irish Pubs. Für ihn bedeutet das, daß wir zum Essen in rustikal eingerichtete, ausschließliche Steakrestaurants gehen, und zum Bier trinken in ein Irish Pub, von denen es hier tatsächlich einige gibt. Alternativen ausgeschlossen!
Gleich am ersten Tag führe ich meine Eltern in ein Restaurant, das genau den Vorlieben meines Vaters entspricht. Warum sollten wir also am nächsten Tag woanders hingehen?

Meine Mutter und ich hatten eher die Idee, verschiedene Lokalitäten auszuprobieren. Schließlich haben wir fast zwei Wochen Zeit.
Nein, am zweiten Abend gehen wir ins gleich Restaurant.
Am dritten Abend hätte ich ja gerne mal Mexikanisch gegessen, aber mein Vater hat keinen Hunger, deshalb will er nur in einen Pub. Und schon gar nicht zum Mexikaner!
Aber ich habe ja auch meine Marotten, und bin ganz gut im ‚in den Nahrungs- und Getränkeaufnahme und gute Laune Streik‘ treten. Und das verhungernde, unglückliche Kind sorgt dafür, daß die Löwin ihre Krallen ausfährt, und wir Familienrat halten. Der Papa Löwe kriegt die Mähne gewaschen, auch wenn er der festen Überzeugung ist, er würde sich grundsätzlich immer nach uns richten, und ab da ist alles geklärt.

Und siehe da…
Es gibt viele gute Steakrestaurants in Buenos Aires. Nicht nur das eine.
Einen Abend gehen wir sogar zum Vietnamesen (was natürlich von heftiger und andauernder Kritik begleitet wird, mit dem Schlussatz, daß es doch ganz gut war).

Während mein Vater also ab und zu daran erinnert werden muß, daß es viele Möglichkeiten gibt, muß man meine Mutter manchmal daran erinnern, nicht verloren zu gehen.

Sie bleibt nämlich gerne einfach stehen.
Entgegen der landläufigen Meinung, Frauen seien alle Multitasking-fähig (was ich für mich auch nicht immer bestätigen kann), gilt für meine Mutter: gehen oder gucken. Im Gehen gucken, geht nicht. Damit meine ich natürlich gucken im Sinne von anschauen.
Und in einer Stadt wie Buenos Aires reiht sich ein interessantes Haus ans andere, ein Restaurant, Geschäft ans nächste.
Sehr viel Grund, um einfach stehen zu bleiben also. Nur manchmal fällt mir erst 50 Meter später auf, daß meine Mutter noch irgendwo steht, mit dem Rücken zu mir, und irgendein Gebäude anschaut oder ein Geschäft.
Bis jetzt konnte ich sie zum Glück immer wieder einsammeln.

Eltern entwickeln manchmal eine interessante Eigendynamik und machen einfach so Sachen. Und ich meine das wirklich liebevoll.