Norwegen Tag 2 – Teil 2


  
Die Seeadler-Safari also. Ich bin wirklich gespannt. In einer Gruppe von ca. 40 Personen werden wir in den Fahrzeugraum des Schiffes gebracht. Hier, wo normalerweise die Autos ein- und ausschiffen, dockt ein kleines Ausflugsboot an. Wir steigen ein und schon geht die Fahrt los. 

Die Gegend um die Lofoten ist wohl bekannt für das zahlreiche Vorkommen von Seeadlern. 

Auf dem Boot gibt es eine kleine Plattform, auf die die Mitarbeiter Fischstücke auslegen. Ein bisschen locken wollen wir die lieben Adler schließlich schon. 
Aber der Plan sieht anders aus: Die Möwen sollen angelockt werden, um die Adler dann auf uns aufmerksam zu machen. 

Und die Möwen lassen nicht lange auf sich warten. 
Nun ist es leider so, dass ich Möwen nicht ausstehen kann (außer das Geschrei in der Ferne, wenn man am Meer ist). Möwen stehen für mich auf einer Stufe mit Affen, Rosinen und Marzipan – und wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. 

Sie sind überall und kreischen uns an. 

  
Erst, als wir tatsächlich in den Trollfjord einfahren, gibt es eine Futterpause, und die Vögel ziehen sich etwas zurück. 
Im Fjord herrscht eine seltsame Atmosphäre. Es ist warm, windstill. Dichtes Grün wächst an den schroffen Steilfelsen. Vereinzelte schmale Wasserfälle stürzen die hohen Wände entlang in die Tiefe. 

Es ist ein bisschen wie in einer anderen Welt. Am Ende des Fjords steht ein kleines Haus. Wohnt hier wirklich jemand? 

  
Auch unser Schiff fährt in den schmalen Gang zwischen den Felsen ein. Vom Ausflugsboot beobachten wir, wie es auf dem engen Raum wendet. Beeindruckend, und ich denke an den Kapitän aus dem Museum, der sagte: „Alles ist leicht, wenn man nur weiß, wie es geht.“
Kaum sind wir aus dem Trollfjord draußen, geht die Möwenfütterei weiter. Ich fühle mich an Alfred Hitchcocks ‚Die Vögel‘ erinnert und hoffe inständig, den ständig runterfallenden Möwenhinterlassenschaften zu entgehen. 

Aber der Trick scheint zu wirken. 

Plötzlich kreist am Himmel ein dunkler Fleck. Direkt über uns dreht er seine Runden. Viel höher und doch deutlich größer als die Möwen. Die werden stiller. Ein Gefühl von Ehrfurcht macht sich breit. Und dann schwingt sich der Seeadler hinab und schießt auf das Wasser zu. 
Bei einer Augenhöhe von 1,60m, umringt von kamerawütigen 1,80m-Männern, sehe ich den Adler erst wieder, als er mit einem Fisch zwischen den Krallen Richtung Felsen verschwindet. Der Mann neben mir ist wahnsinnig stolz: „Got him!“, ruft er und zeigt mir sein Kameradisplay, wo ein verschwommenes, gefiedertes Etwas zu sehen ist. Ich bestätige seinen tollen Schuss und er strahlt. 

Und schon kommt der nächste Adler. Diesmal richte ich mich auf und kann ihn ganz sehen: wie er das Ziel anpeilt, kurz in der Luft innehält um dann in einer fließenden, perfekten Bewegung durch die Wasseroberfläche zu brechen und seine Beute davon zu tragen. ‚Got him!‘ denke ich. Mit meinen eigenen Augen. 
Wir sehen noch einige Seeadler. Wie sie auf den Felsen sitzen oder mit nur wenigen Flügelschlägen hinter den Hügelketten verschwinden. 
Irgendwann ist es vorbei. Die Möwen verziehen sich mit dem letzten Brocken, den man ihnen hinwirft, und das Boot prescht durch die leichten Wellen in Richtung des nächsten Dorfes. Es ist kalt und sehr windig. Aber irgendwie stehe ich einfach da und genieße es. Die kühle Luft, die durch meine Jacke zieht, die Salzperlen, die das Wasser auf die Lippen spritzt. Ich fühle mich frei. ‚Got him!‘. 

Norwegen Tag 2


  
Auch in der Nacht legt das Schiff ab und zu an. Ich wache immer kurz auf, wenn die Motoren etwas lauter werden und das Schiff wieder den Pier verlässt. Witzig, dass man immer leicht hin und her rollt, wenn es eine Kurve fährt. 

Ich beschließe, dass Kaffee zum Frühstück vollkommen ausreichend ist und drehe mich noch einmal um, bevor ich den Tag in Richtung Restaurant beginne. 

Schließlich muss ich mich eh erstmal an meinem neuen Aufenthaltsort orientieren und deshalb ist der erste Gang nach dem Kaffee (das Frühstücksbüffet sieht allerdings so gut aus, dass ich es in den nächsten Tagen testen muss) der an Deck. 
Ich strecke meine Nase in den Wind, die Haare flattern mir wild um den Kopf. Noch ist der Himmel bedeckt, und wir fahren vorbei an schemenhaften Bergriesen, einzelnen, schneebedeckten Spitzen, dunkelgrün schimmernden Hügeln und kleinen, niedlichen Holzhäusern, die wie eine Puppenstube wirken. 

Unter uns das dunkle Wasser, das hinter dem Schiff, da wo es aufgewühlt wurde, zu einem eisigen Türkisblau wird. 

Ich finde durchaus, dass man so in den Tag starten kann.  
Ich schaue mich an Bord um, komme mit einigen Menschen ins Gespräch. Alle sind entspannt. „Entschleunigung“, sagt mir einer, „bekommt hier eine neue Bedeutung.“ Viele sind schon seit über einer Woche dabei und wirken weder gelangweilt noch abgestumpft. Im Gegenteil. Immer wieder strömen die Gäste an Deck, um eine Felsformation zu betrachten, Fotos von den kleinen Dörfern und gelegentlichen Brücken zu machen oder um einfach den Fahrtwind zu genießen. 
Nach dem Mittagessen gibt es einen Stopp in Stokmarknes. Hier besuche ich das kleine Museum, das über die Entstehung der Postschiffroute Auskunft gibt. Ich spreche den Museumsdirektor an. Er spricht zwar kaum Deutsch, aber auf Englisch ist er bereitwillig dabei, mir ins Mikro zu erzählen, wie viel ihm diese Geschichte bedeutet. Er war selbst einst Kapitän, hat die engen Fjorde passiert und den Wind bezwungen. „Halten Sie Ausschau nach Trollen im Trollfjord“, sagt er mir mit einem Lachen. 

Die Norweger scheinen mir ein offenes Volk zu sein. Sowohl am Flughafen, im Pub, hier in diesem kleinen Ort; sie strahlen eine Ruhe aus, eine Verbundenheit zu Ort und Zeit. Vielleicht will ich aber auch einfach nur meine Begegnung mit dem alten Kapitän ein wenig verklären, der mit einem Leuchten in den Augen von seiner Geschichte und seiner jetzigen Aufgabe erzählt hat. 
Auf mich wartet tatsächlich noch der Trollfjord. Am Nachmittag werde ich nämlich eine Seeadler-Safari mitmachen. Ich bin gespannt.