Norwegen Tag 3


  
Der zweite Tag endet noch vorm Polarkreis und das heißt, dass wieder eine Nacht ohne Dunkelheit auf uns wartet. Diesmal reißen sogar kurz die Wolken auf, und die Mitternachtssonne scheint rosa aufs Meer. Irgendwie ein magischer Moment. 
Heute habe ich keine besonderen Ausflüge. Ich kann mich also auf die Menschen an Bord konzentrieren und ihnen mein Mikrofon unter die Nase halten. Die meisten reagieren überaus positiv und freuen sich, Auskunft über ihre Reise zu geben. 

Auch der Reiseleiter, einer der wenigen norwegischen Crew-Mitglieder, die genug Deutsch sprechen, um Rede und Antwort zu stehen, erzählt bereitwillig von seinen Erfahrungen an Bord. Und es zeigt sich wieder einmal, dass die Norweger stolz auf ihr Land sind. Magisch, sei die Landschaft, wirklich magisch. Und das immer aufs Neue. 

Und ob ich nicht doch noch mal einen Ausflug machen möchte. Heute gehe es zu einem Archipel in der Nähe. 

Na klar. Umso mehr ich sehe, umso mehr kann ich an Eindrücken verarbeiten. 
Ich steige also direkt ins nächste kleine Ausflugsboot. Mit mir so ziemlich die gleichen Leute wie bei der Adlersafari. Ziel ist das Vega Archipel. UNESCO Weltkulturerbe.
Wir fahren durch zahlreiche flache und karge Inselchen, und die Reiseleiterin erzählt, dass diese einst bewohnt waren. Menschen, die gegen Kälte, Wind und Wasser trotzten, mit nicht viel mehr als den Fischernetzen und den Materialien, die das Wasser ans Land spülte, um daraus ihre Häuser zu bauen. Fast unvorstellbar. 
Heute ist hauptsächlich die große Hauptinsel Vega bewohnt, und diese ist auch unser Ziel. 
Wir legen an einem idyllischen Fleckchen Land an. Kleine Holzhäuser, umrahmt von lila und gelben Blumen. 

  
Zu uns gesellen sich zwei weitere Touristenführer, die uns in eine der Hütten bringen. Wir bekommen Kaffee, Tee und jeder einen von der örtlichen Bäckerin gebackenen Keks und dann geht die Show los. 

Wir lernen erst die einzelnen Bewohner namentlich kennen. Die Frau, die im Sommer die Kayaktouren macht und deren Name ich vergessen habe, ist zum Beispiel im Winter die Friseurin der Insel. (Ich verkneife mir die Frage, ob die Bewohner dann nur im Winter Haare schneiden.)
Die Norweger sind auf eine sympathische Art ziemlich verrückt. Dass sie stolz auf ihr Land sind, merkt man überall. Dass sie sich entlang der Küste noch so viel Ursprünglichkeit bewahrt haben, ist bemerkenswert. Aber das, was auf diesem Archipel passiert, ist ziemlich schräg!

Hier dreht sich alles um… Eine Ente!
Also, nicht um eine einzige Ente, sondern um eine Enten-Art. Die Eiderente. 

Wir bekommen einen kleinen Werbefilm über Vega zu sehen, inklusive der mehrfachen Erwähnung des einzigen Hotels, und dann ein paar Bilder der Enten. Bis dahin war mir nicht klar, was es eigentlich mit dem Federvieh auf sich hat. Vermutlich eine Delikatesse. 
Deshalb stelle ich am Ende auf die Frage, ob jemand Fragen hat, die Frage, ob die denn anders schmecken als andere. 

Ein Blick der Verachtung trifft mich seitens des Reiseführers! 

Nun, es solle wohl schon Leute gegeben haben, die sie gegessen haben, aber er habe schließlich Respekt vor dem Tier. 

Ich unterlasse den Versuch, meine Unschuld zu erklären. Schließlich bin ich Vegetarier. Aber in seinen Augen bin ich ein potentieller Entenkiller. 
Aber was hat es denn nun auf sich mit den Enten, dass eine komplette Inselregion völlig durchdreht?! 

Wir erfahren es in der nächsten Hütte. Einem kleinen Museum rund um die Ente. Und es geht…ausschließlich um die Daunen. 

Der Reiseführer gibt eine ca. kopfgroße Wolke an Superflausch herum. So ziemlich das Leichteste und Kuscheligste, das ich je in der Hand hatte. Und diese Wölkchen an Superhelden-Stoff sind der Grund, warum die Eiderenten regelrecht heilig sind. 
Wenn sie im Frühjahr zum Brüten kommen, bauen die Bewohner ihnen kleine Häuser aus alten Booten, Kisten und was sie sonst finden. Die Katzen werden angeleint oder eingesperrt oder gleich entsorgt, die Kinder werden zu Bekannten ans Festland geschickt, damit es keinen Lärm gibt, und Touristen dürfen in der Zeit sowieso nicht in das Brutgebiet. 

Man kann sogar eine Ausbildung als Entenwächter machen. Ich denke kurz über eine neue Karriere nach. 
Wenn die Entlein mit ihrem Nachwuchs fertig sind, hauen sie ab und hinterlassen die feinen Federn in den Nestern. 

Jedes Jahr werden daraus ca. 20 Bettdecken hergestellt, eine für ungefähr 5000€. Ich hoffe, dass ich mich hier verhört habe, oder die Reiseleitung sich versprochen hat, denn das ist zwar viel Geld für eine Decke, aber 20 Decken sind wenig für eine ganze Gemeinde, die ihr Leben auf den Entenwahnsinn ausrichtet. 
Nun, jeder wie er braucht. 

Ich brauche auf jeden Fall jetzt so eine Decke. Eines Tages möchte ich unter einer solchen Wolke schlafen. Ich fang dann mal an zu sparen. 

Norwegen Tag 2 – Teil 2


  
Die Seeadler-Safari also. Ich bin wirklich gespannt. In einer Gruppe von ca. 40 Personen werden wir in den Fahrzeugraum des Schiffes gebracht. Hier, wo normalerweise die Autos ein- und ausschiffen, dockt ein kleines Ausflugsboot an. Wir steigen ein und schon geht die Fahrt los. 

Die Gegend um die Lofoten ist wohl bekannt für das zahlreiche Vorkommen von Seeadlern. 

Auf dem Boot gibt es eine kleine Plattform, auf die die Mitarbeiter Fischstücke auslegen. Ein bisschen locken wollen wir die lieben Adler schließlich schon. 
Aber der Plan sieht anders aus: Die Möwen sollen angelockt werden, um die Adler dann auf uns aufmerksam zu machen. 

Und die Möwen lassen nicht lange auf sich warten. 
Nun ist es leider so, dass ich Möwen nicht ausstehen kann (außer das Geschrei in der Ferne, wenn man am Meer ist). Möwen stehen für mich auf einer Stufe mit Affen, Rosinen und Marzipan – und wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. 

Sie sind überall und kreischen uns an. 

  
Erst, als wir tatsächlich in den Trollfjord einfahren, gibt es eine Futterpause, und die Vögel ziehen sich etwas zurück. 
Im Fjord herrscht eine seltsame Atmosphäre. Es ist warm, windstill. Dichtes Grün wächst an den schroffen Steilfelsen. Vereinzelte schmale Wasserfälle stürzen die hohen Wände entlang in die Tiefe. 

Es ist ein bisschen wie in einer anderen Welt. Am Ende des Fjords steht ein kleines Haus. Wohnt hier wirklich jemand? 

  
Auch unser Schiff fährt in den schmalen Gang zwischen den Felsen ein. Vom Ausflugsboot beobachten wir, wie es auf dem engen Raum wendet. Beeindruckend, und ich denke an den Kapitän aus dem Museum, der sagte: „Alles ist leicht, wenn man nur weiß, wie es geht.“
Kaum sind wir aus dem Trollfjord draußen, geht die Möwenfütterei weiter. Ich fühle mich an Alfred Hitchcocks ‚Die Vögel‘ erinnert und hoffe inständig, den ständig runterfallenden Möwenhinterlassenschaften zu entgehen. 

Aber der Trick scheint zu wirken. 

Plötzlich kreist am Himmel ein dunkler Fleck. Direkt über uns dreht er seine Runden. Viel höher und doch deutlich größer als die Möwen. Die werden stiller. Ein Gefühl von Ehrfurcht macht sich breit. Und dann schwingt sich der Seeadler hinab und schießt auf das Wasser zu. 
Bei einer Augenhöhe von 1,60m, umringt von kamerawütigen 1,80m-Männern, sehe ich den Adler erst wieder, als er mit einem Fisch zwischen den Krallen Richtung Felsen verschwindet. Der Mann neben mir ist wahnsinnig stolz: „Got him!“, ruft er und zeigt mir sein Kameradisplay, wo ein verschwommenes, gefiedertes Etwas zu sehen ist. Ich bestätige seinen tollen Schuss und er strahlt. 

Und schon kommt der nächste Adler. Diesmal richte ich mich auf und kann ihn ganz sehen: wie er das Ziel anpeilt, kurz in der Luft innehält um dann in einer fließenden, perfekten Bewegung durch die Wasseroberfläche zu brechen und seine Beute davon zu tragen. ‚Got him!‘ denke ich. Mit meinen eigenen Augen. 
Wir sehen noch einige Seeadler. Wie sie auf den Felsen sitzen oder mit nur wenigen Flügelschlägen hinter den Hügelketten verschwinden. 
Irgendwann ist es vorbei. Die Möwen verziehen sich mit dem letzten Brocken, den man ihnen hinwirft, und das Boot prescht durch die leichten Wellen in Richtung des nächsten Dorfes. Es ist kalt und sehr windig. Aber irgendwie stehe ich einfach da und genieße es. Die kühle Luft, die durch meine Jacke zieht, die Salzperlen, die das Wasser auf die Lippen spritzt. Ich fühle mich frei. ‚Got him!‘. 

Noch mehr Wasser


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Nachdem mich die Wasserfälle auf der brasilianischen Seite ja schon extrem beeindruckt haben, erwartete mich auf der argentinischen Seite trotzdem noch eine Steigerung.

Man sieht nicht nur ein wunderschönes Panorama, wie am Tag zuvor, nein, die Wege führen direkt über die Wasserfälle.
Direkt unter uns stürzen die Wassermassen in die Tiefe, umsäumt von tropischen Wäldern und tausenden von Schmetterlingen.
Betäubend laut und atemberaubend.

Schließlich erreichen wir den oberen Teil des sogenannten Teufelsrachen.
Dem größten und reißendsten Wasserfall von allen hier. Das Gefühl ist so überwältigend, dass es mir die Tränen in die Augen treibt. Unglaublich.
Das Wasser schießt mit solcher Kraft über die Klippen, dass alles rundherum nass wird. Inklusive der staunenden Menschen.
80 Meter hoch ist der Wasserfall, und man schätzt, dass seine Kraft den Grund bereits bis auf 40 Meter Tiefe abgetragen hat. Schätzungen. Denn bis heute gibt es keine Möglichkeit, die tatsächliche Wassertiefe dort zu messen. Gegen so eine Naturgewalt ist der Mensch und seine Technik machtlos.

Am Nachmittag dann ein weiteres Highlight.
Ich habe das ‚Große Abenteuer‘ gebucht. Wenn schon, denn schon.
Und das bedeutet, mit einem Boot direkt unter einigen der Fälle durchzufahren.
Der Druck ist gewaltig. Natürlich sind wir alle mit Schwimmwesten ausgestattet und halten uns brav fest.
Aber abgesehen davon, dass man bis auf die Knochen pitschnass wird, verliert man in dem Moment unter dem Wasserfall die Orientation.
Wasser einfach überall. Was für ein Spaß. Danach schießt das Boot über Stromschnellen und rast den Fluss entlang, bis wir schließlich wieder an Land kommen.

Alle glücklich, alle nass.
Was für ein Tag!

Tigre, die Dritte


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Klar, daß ich als bekennender Tigre-Fan meinen Eltern das hübsche Flussdelta nördlich von Buenos Aires zeigen möchte.

Mein Vater will mit dem Zug fahren.
Eigentlich will er schon seit der Ankunft in Buenos Aires mit dem Zug fahren. Seine Konstante, an der er sich zu orientieren versucht (leider vergeblich, sorry Papa), ist der Hauptbahnhof, auch, wenn der nicht mal in der Nähe von dort, wo ich wohne, liegt.
Der Bahnhof und jegliche Form von Gleisen (neben einem guten Steak) scheinen eine magische Anziehungskraft auf ihn auszuüben.
Nur mal ein Stück will er fahren. Von einer Station zur nächsten. Warum auch immer…

Nun, da bietet sich der Ausflug an den Tigre an. Der Zug braucht etwa eine Stunde. Zwar fahren wir nicht vom Hauptbahnhof ab, aber mein Vater ist erfreut, lobt sogar das digitale Anzeigen-System am Bahnsteig, während meine Mutter im Zug ungläubig auf die uralten und verkratzen Sitze starrt. Manchmal gehen die Vorstellungen von Abenteuer eben auch nach über 30 Jahren Ehe noch auseinander. Aber kein Grund für Misstimmung. Im Gegenteil!

Der Tag ist herrlich sonnig, und am Tigre angekommen, spazieren wir am Fluß entlang, vorbei an den schönen Kolonialbauten, drehen eine Runde durch den kleinen Frachthafen und machen schließlich noch eine Bootsfahrt mit.

Diesmal nicht, wie bei meinem ersten Mal, in einem kleinen vier Mann Boot. Da hätten wir meine Mutter nicht hinein bekommen.
Aber auch, wenn das etwas größere Boot nicht in die Seitenarme fahren kann, kriegen wir einen schönen Einblick in das Leben am Rande des Tigres.

Und meine Eltern scheinen mit diesem weiteren Ausflug, inklusive heiß ersehnter Zugfahrt, rundum zufrieden zu sein.
Ich bin es auch.

Und so ein Wochenendhäuschen am Tigre…

Keine Zeit


Momentan ist es zeitlich gar nicht so einfach, etwas zu schreiben.
Freizeitstress!
Es gäbe genug, aber da ich den Morgen mit Wäsche machen, den Tag planen und mich selbst in einen vorzeigbaren Zustand bringen beginne, ihn mit Ausflügen zusammen mit meinen Eltern fortsetze und schließlich nach einem guten Abendessen und Konversation totmüde im Bett beende, habe ich einfach gerade nicht viel Zeit.

Morgen kann ich wahrscheinlich auch nichts schreiben, denn es steht eine Bootsfahrt nach Uruguay an. Keine Zeit!

Und daß das bitte niemand falsch versteht: ich beschwere mich darüber nicht im Geringsten! Diese Art von Stress kann ich sogar bedenkenlos weiterempfehlen.

El Tigre


Mit dem Bus nach Tigre. Fast zwei Stunden Fahrt, aber für nur etwa 2,50€.
Und plötzlich ist man ganz woanders.

Die Häuser am Flussufer erinnern an Kolonialzeiten, Palmen recken sich gen Himmel und der Fluß trägt die großen Ausflugsboote, voll mit Touristen, geduldig auf seinem Rücken.
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Eine Bootstour. Klar! Ich liebe sowieso Boot fahren. Aber lieber mit einem kleineren Boot.
An der Ecke auf der Brücke steht Fernando. Dunkelbraun gebrannt, Hose dreckig, aber mit einem breiten Lächeln. Er habe ein Boot, ein kleines, und er fahre abseits der großen Wasserstraße hinein ins Delta des Flusses. Für einen Preis, der leider das Budget sprengt. Na gut, dann nur eine ganz klitzekleine Tour, zu Werbezwecken. Bezahlung soll eine gute Bewertung seiner Tour im Internet sein. Deal!

Fast drei Stunden lenkt Fernando sein kleines Motorboot durch die schmalen Wasserwege des Deltas.

El Tigre.

Da ist er. Der wirkliche, der echte Tigre.
In der Luft liegt der Duft abertausender Blüten, das Wasser kräuselt sich sanft, und die Vögel zwitschern und singen von Freiheit.
Der Wind in den Haaren und die langsam untergehende Sonne im Nacken.
Vorbei an den kleinen Häusern der Einheimischen, an scheinbar unbewohnten Ufern und unsichtbaren Blicken.

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El Tigre.

Es wird dunkel.
Fernando macht sein kleines Boot am Steg fest.
Der Bus fährt zurück in die Stadt. Noch einmal einatmen. Und den Duft mitnehmen.
Und eines Tages wiederkommen.