Und weg


Es ist unser letzter Tag in Vietnam. Wir sind so entspannt, wie man es sich wünscht, im Urlaub zu sein. Erstmal in Ruhe Kaffee, dann noch eine Kokosnuss für unterwegs. Wir wandern durch die Stadt und schauen uns alles an, was der Reiseführer empfiehlt. Uns geht es nur noch darum, einen Eindruck zu bekommen. Heute kein Sightseeing extrem mehr, alles in Ruhe. Nach ein paar Stunden kehren wir erhitzt zurück ins Hotel. Bei 38 Grad ist eine Dusche fällig.

Der verwirrte Junge im Eingangsbereich ist gerade nicht da. Gut so. Nach zwei Stündchen Pause zum Runterkühlen beschließen wir, dass es bereits beer O‘ Clock ist. Wir setzen uns wieder an die Straße und schauen dem, noch ruhigen, Treiben zu.

Dann noch einmal Abendessen. Diesmal haben wir richtig Glück. Direkt in unserer Straße bietet ein Restaurant auch vegetarische Speisen an. Wir bestellen fast alles und sind begeistert.

Am Abend steht noch der Besuch einer Sky-Bar an. An sich nicht so mein Ding. Sowas ist zwar hübsch, aber wenn man nicht weiß, was man da so sieht an bunten Lichtern, finde ich es nicht so spannend. Aber ich reise ja nicht allein und lasse mich sowieso gerne auf Dinge ein.

Die Sky-Bar ist schick und teuer und bietet Aussicht auf die ganze Stadt. Wir bleiben für ein Getränk, aber mich zieht es wieder auf die Straße. Ins Geschehen. Ich möchte beobachten und mitten drin sein. Vor allem am letzten Abend. Zum Glück bin ich mit meinen Gedanken nicht allein und so sitzen wir kurze Zeit später wieder mit unserem Bier auf Kinderstühlen am Straßenrand.

Ein Wegbier ist noch drin. Zurück im Hotel treffen wir auf unseren verwirrten Freund. ‚Wieso wir Bier hätten?‘ ‚Wieso denn nicht?!‘ Er habe uns doch gestern auf ein Bier einladen wollen und wir hätten gesagt, dass wir das nicht mögen. Jetzt reißt mir aber wirklich der Geduldsfaden. Schluss jetzt mit dem wilden Zeug! ‚Tomorrow. 6 O‘ Clock. Airport. Ok?‘ Das ist alles, was mich interessiert.

Schlaf finde ich wieder nicht. Aber diesmal muss ich wenigstens kein nächtliches sackhüpfen spielen.

Um viertel vor sechs stehen wir unten im Eingangsbereich auf der Matte. Außerdem noch eine bezaubernde indonesische Familie, die ebenfalls zum Flughafen will.

Der Kerl vom Hotel sitzt auf dem Sofa und reibt sich die Augen.

Wo ist der Shuttle, frage ich ihn. Er schaut mich erstaunt an. Oh, Shuttle. Moment.

Dann geht er raus und telefoniert. Und telefoniert. Und telefoniert.

Dann kommt er wieder und sagt, wir sollten uns vorne an die Straße stellen, da würde dann jemand kommen. Nein, mein Freund. Du kommst mit! Bis der Shuttle da ist.

Ihm bleibt keine Wahl. Er begleitet uns und die indonesische Familie an die Straße. Tatsächlich wartet ein Wagen. Einer. Für die Familie. Und wir?

Jaaaaa, kommt gleich. Wir sollen warten. Aber Du bleibst hier!

Dann fängt er wieder an mit Geld. Plötzlich nennt er uns den doppelten Preis von dem, was wir bereits bezahlt haben.

Ich bin kurz davor, ihn zu schütteln, um seine verknäulten Hirnwindungen irgendwie zu entwirren. Da kommt tatsächlich ein Auto und hält vor uns. Ein älterer, sehr freundlicher Fahrer steigt aus, lädt unsere Koffer ein. ‚Wir haben schon bei ihm bezahlt. Das ist ok, oder?‘, frage ich ihn. ‚Ja, das Geld hole er sich bei ihm wieder.‘ Sehr gut.

Und dann fährt er uns tatsächlich zum Flughafen.

Vietnam. Ich würde wieder kommen.

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Auf nach Saigon


Unsere letzten beiden Nächte verbringen wir in Ho Chi Minh City, ehemals Saigon. Wir haben eine Unterkunft gebucht, die wohl mitten im Geschehen liegt. Was auch immer das heißt, aber zumindest in Hanoi haben wir damit gute Erfahrungen gemacht.

Vom Flughafen zum Hotel sind es nur acht Kilometer. Der Taxifahrer will aber trotzdem einen horrenden Preis (für vietnamesische Verhältnisse) haben. Dann nehmen wir eben den Bus. Der kostet fast nichts und hält direkt vor unserer Zielstraße, wie wir erfahren. So sehen wir auch schon einiges von Saigon, denn der Bus fährt natürlich ein paar Schlenker (was der Taxifahrer aber vermutlich auch mit uns gemacht hätte).

Wie Hanoi ist Saigon laut und voller Roller und Mopeds, aber insgesamt deutlich westlicher. Die Straßen sind breiter, weitaus mehr Gebäude zeugen von der einstigen Anwesenheit der Franzosen. Zum ersten Mal in Vietnam sehen wir auch bettelnde Menschen, wenn auch nicht viele.

Unser Hotel liegt in einer winzigen Seitenstraße der Hauptschlagader des Nachtlebens. Mittendrin ist nicht untertrieben.

Wir zahlen bei Ankunft, der junge Mann – wieder mal kleiner als wir – lässt es sich nicht nehmen, unsere insgesamt 40 Kilo Gepäck auf einmal die zwei Etagen über die enge Treppe hochzutragen.

Das Zimmer hat Jugendherbergsflair; ein Hochbett und Dusche und Toilette sind ein ungetrennter, einziger kleiner Raum – praktisch: beim Duschen wäscht man immer automatisch die Toilette mit.

Wir sind zufrieden, nur die Bettdecke ist nicht so sauber, aber wir haben ja unsere Sleeping Bags.

Noch am selben Abend wollen wir natürlich ein bisschen von der Stadt sehen. Und was essen müssen wir auch. Wir haben uns vorher ein vegetarisches Restaurant ausgeguckt. Heute keine Anstrengungen mehr, bitte. Auf dem Weg dahin lassen wir uns aber dann doch noch von einem Streetfood-Stand verführen. Es gibt verschiedene Farben von Reis mit Kokosmilch und Salz. Irgendwie schräg. Ich weiß nicht, ob ich es als süß oder herzhaft einstufen soll, aber schlecht war es nicht.

Als wir zurück in unsere Straße kommen, sind wir baff. Mittlerweile hat sie sich in einen regelrechten Hexenkessel verwandelt. Sie ist brechend voll mit Menschen jeder Nation, aus jeder Bar schallt andere, laute Musik, die knapp bekleideten Damen stehen teilweise davor und bieten ihre persönlichen Vorzüge an. Dazwischen schlängeln sich Händler auf ihren Fahrrädern hindurch und bieten Eier und getrockneten Fisch an.

Wer die Große Freiheit in Hamburg kennt, hat eine Ahnung, nur gleichzeitig inklusive Reeperbahn und das Mal zehn auf nur einer, relativ kurzen Straße.

Wir setzen uns auf die alt bewährten Kinderstühle am Straßenrand vor einem kleinen Imbiss, bestellen uns ein Bier und schauen dem Treiben einfach nur zu.

Wir sitzen da sicher drei Stunden bis uns irgendwann die Müdigkeit übermannt.

Aber das war besser als Kino!

Auf der Jagd


Mein Highlight am Strand ist die Dame, die mit ihrer Schultertrage vorbeikommt, die Körbe voller Obst. Sie ist die einzige, glücklicherweise ist der Strand nicht voll mit Menschen, die ihre Sachen anpreisen. Immer wieder haben wir den Abschnitt, an dem wir liegen, ganz für uns allein.

Ich taufe sie Miss Coconut und ab jetzt erwarte ich sie bei unseren Strandbesuchen sehnlich. Sie schneidet uns eine Ananas auf in Scheiben, die wie kleine Windräder aussehen, Mangos, für jeden eine Kokosnuss zum Trinken und als Bonbon gibt es noch eine Maracuja für jede. Während mir der süße Ananassaft auf die Beine tropft und mir irgendwann vor lauter Fruchtsäure die Mundwinkel einreißen und die Zunge brennt, bin ich hochgradig glücklich. So stelle ich mir einen Strandtag vor. Und ich bin erstaunt, wie durstlöschend eine Kokosnuss ist. Eine einzige der noch grünen, voll gefüllten Nüsse bringt mich über den Nachmittag. So eine tolle Erfindung der Natur, denke ich. Sie bringt ihren eigenen Behälter und auch noch einen Henkel zum Tragen mit. Je nach Reifegrad kann man sie danach auch noch aufbrechen und das Kokosfleisch essen. Ich bin begeistert. Zugegeben; das sind Gedanken, die man sich macht, wenn man bei 35 Grad, leichtem Wind, herrlicher Sonne, Meer und Palmenschatten an nichts anderes denken muss.

Das Essen am Abend gestaltet sich leider nicht so einfach. Auf der Insel sind Fisch und Meeresfrüchte in fast jedem Restaurant die dominierenden Zutaten. Naheliegend, wenn das Meer vor der Haustür liegt. Überall sehen wir Meeresfrüchte-Barbecues. Neben den Grills liegen auf Eis die frischen Meerestiere, die dann auf dem Rost mariniert und mit Soßen gereicht werden. Es sieht wirklich gut aus, riecht sogar gut. Aber bei Meeresfrüchten hört bei mir leider die Probierfreudigkeit auf – jeder Versuch ist bisher in einer Gänsehaut vor Ekel geendet. Hauptsächlich wegen der Konsistenz.

Alle Restaurants bieten mehr oder weniger das gleiche an. Also spazieren wir ein wenig herum, bis wir auf ein thailändisches Restaurant stoßen. Das könnte doch auch gut sein. Thai esse ich sehr gern und hier sind wir, räumlich gesehen, ja nicht mal weit weg.

Leider entpuppt sich das sogar relativ teure Essen als Reinfall. Es schmeckt nach Tiefkühlgemüse in Kokosmilch ohne weitere Gewürze. Schade. Der Hunger treibt es rein, aber wir beschließen, dass wir irgendwo wieder Streetfood oder Garküchen finden müssen. Das war bisher mit am Besten.

Am nächsten Abend laufen wir also nach Duong Dong. Dort soll es einen Nachtmarkt geben. Gibt es auch. Aber auch hier nur Meeresgetier. Und es ist alles sehr teuer.

Wir laufen also durch die Seitenstraßen auf der Jagd nach Nahrung und mittlerweile habe ich wirklich großen Hunger.

Dann entdecken wir wieder einen der kleinen Mini-Wägen an der Straße. Daneben stehen die schon bekannten bunten Kinderstühle und passende Tischchen. Die Dame hinter dem Wagen bietet Pizza an. Ich schlage vor, uns hier eine kleine Pizza zu teilen, damit wir in Ruhe weitersuchen können. Wir bestellen bei ihr die Veggie-Version – sie hat Bilder der Pizzen, die sie machen kann – und sehen ihr zu: auf den fertigen Rohling haut sie etwas Tomatensoße, viel Mais, viele Zwiebeln, viel Paprika und dann Mayonnaise, dann Käse, dann Mayonnaise und nochmal Käse. Sie hat zwei kleine, elektrische Backöfen, die von einem anderen Mädchen bewacht werden. Wir nehmen Platz auf einem der Kinderstühle zwischen den anderen vietnamesischen Frauen und warten.

Man schaut uns mit großen Augen an. Keiner hier scheint auch nur ein Wort englisch zu sprechen, aber das macht auch nichts. Ein Lächeln sagt mehr als tausend Worte. Das Interesse der anderen ‚Restaurantbesucher‘ bekunden wir mit einem ebensolchen und stoßen damit offensichtlich und Wohlwollen. Und dann kommt das gute Stück. Doppelt Käse und doppelt Mayonnaise. Wir hauen noch ordentlich Chilisoße drauf und beschließen, dass wir doch eigentlich gar nicht weitersuchen müssen. Wir bestellen eine zweite Pizza hinterher. Die Mädels um uns herum lachen und wir sind anschließend wirklich satt.

Gut, dass wir noch zwei Kilometer Heimweg haben.

Ab an den Strand


Eigentlich haben wir gar nicht so schlecht geschlafen. Zum einen haben die Oropax das Dröhnen der Discomusik gemildert und zum anderen waren wir wirklich müde. Schauen wir also mal, was die Umgebung bei Licht bringt.

Zu allererst bringt der Tag ein reichhaltiges Frühstücksbüffet. Das erste, das uns auf unserer Reise begegnet. Sonst wurden wir immer gefragt, was wir essen möchten oder haben, wie in der letzten Unterkunft, einfach Baguette und Omelette bekommen.

Hier gibt es vietnamesische Pho, Reis, Gemüse, Eier und andere Köstlichkeiten und alle, wirklich alle mit Fleisch. Selbst im puren Reis liegen Brocken Schweinefleischs.

Na toll. Für mich gibt es also erstmal Kaffee.

Die Suppe sieht einfach so gut aus, aber die Brocken, die darin schwimmen, lachen mich wirklich nicht an. Vielleicht kann ich ja nur die Einlagen haben, die in kleinen Schälchen da stehen und von den Angestellten für jeden frisch in den Sud gegeben werden. Leider habe ich meinen schlauen Zettel mit dem vietnamesischen Hinweis auf mein vegetarisches Essverhalten nicht dabei. Dann muss ich es eben mit Händen und Füßen versuchen. Ich zeige auf die Nudeln und das Gemüse und mache mit Wedeln und Kopfschütteln deutlich, dass ich es nicht begrüßen würde, wenn es in der Fleischbrühe landet. Große Blicke.

‚No meat, no fish.‘ Große Blicke. ‚Chay‘, sage ich, in der Hoffnung in die Nähe der korrekten Betonung und Aussprache gekommen zu sein, was im Vietnamesischen für jeden Europäer offenbar eher Glückssache ist.

Aber siehe da, sie guckt mich an, nimmt eine Schüssel mit Nudeln und verschwindet damit. Etwa zehn Minuten später kommt sie mit einer dampfenden Suppe zurück: klare Brühe, kein Fleischgeruch oder -geschmack. Glücklich haue ich mir noch Sojasoße, Limette und Chili rein und finde, dass diese Art Frühstück auch in Deutschland etabliert werden sollte.

Wir haben uns überlegt, am Folgetag die Insel anzuschauen. Da wir mit Ausflügen insgesamt bisher gute Erfahrungen gemacht haben, haben wir uns für eine Rundfahrt durch den Norden entschieden. Hier soll es die schönsten Strände geben. Außerdem ist der Pfeffer auf der Insel bekannt für seine Qualität und wird dort angebaut. Wir buchen und machen uns dann auf zum Strand.

Dazu müssen wir die Straße überqueren, vorbei an den offenen Mülltonnen. Wenigstens schlafen die Ratten wohl gerade. Schön ist es auch bei Tag nicht, aber auch nicht mehr ganz so schlimm wie im Licht unserer Ankunft.

Ein kleiner Pfad durch eine urwaldähnliche Anlage führt uns zum Strand. Die Anlage besteht aus einzelnen kleinen Bambushütten, die offenbar einst Domizil Reisender waren. Wirklich hübsch. Jetzt ist alles verlassen und verwittert. Den Grund können wir uns vorstellen: direkt daneben hat man einen riesigen Hotelklotz hingebaut. Dessen Klimaanlagen an der Hauswand zeigen zu der hübschen Anlage und dröhnen so laut, dass hier sicher so manchem Tag und Nacht verdorben wurde. Außerdem wirft der Betonbau Schatten auf die hübschen Häuschen und lässt sie so, selbst bei strahlendem Sonnenlicht, im Dunkel versinken. Die Großen fressen die Kleinen – diesen Eindruck bekommen wir noch häufiger auf der Insel, auch wenn unsere Theorien unbestätigt bleiben, denn um zu fragen, spricht keiner gut genug Englisch.

Dann sind wir am Strand. Weißer, feiner Sand, aufgewühltes, aber schönes (warmes) Wasser und Palmen. Bleiben wir doch einfach hier. Mit Sand paniert wie ein Schnitzel, die Füße an ‚unsere‘ Palme gelehnt, und einer Kokosnuss in der Hand lassen wir es uns gut gehen. Land und Leute passen sich nicht den Erwartungen an, aber ich passe mich gerne diesem schönen Strand Phu Quocs an. Es war doch kein Fehler, hergekommen zu sein.

Maßgefertigt


Hoi An macht uns zum ersten Mal in Vietnam so richtig kulinarisch glücklich. Wir entdecken eine Essenshalle in der Stadtmitte, in der wir problemlos vegetarische Gerichte bekommen. Wir bestellen zu zweit vier davon, damit wir ordentlich probieren können. Es ist laut und wuselig, die Damen an den Kochstationen haben kaum Platz und zaubern doch die tollsten Sachen. Auberginen in Tomatensoße, wieder Papayasalat, Reisbandnudeln mit Kräutern und Salat und Bratnudeln mit Gemüse. Alles so gut. Und am Ende zahlen wir zu zweit für alles umgerechnet ca 4€. Wenn das so weiter geht, könnte es wortwörtlich eng werden mit meiner maßgeschneiderten Jacke.

Am Mittag ist Anprobe. Ich bin sehr aufgeregt und hoffe, dass ich keine Diskussionen führen muss, weil es überhaupt nicht der Vorlage entspricht oder einfach nicht passt. Es muss auch heute fertig werden, da wir am nächsten Tag schon abreisen.

In der Schneiderei angekommen, werden wir erstmal platziert und mit Wasser versorgt, währenddessen macht eine kanadische Familie Modenschau. Sie haben sich Abendgarderobe in mehrfacher Ausführung schneidern lassen, und wenn sich über Geschmack selbstverständlich streiten lässt, sitzt alles perfekt.

Ich habe also Hoffnung. Und dann bin ich an der Reihe. Sie kommen mit der Jacke und neben mir höre ich ein Lachen: „Wie witzig ist das denn; die sieht tatsächlich bayerisch aus!“ Ich atme auf. Sie passt perfekt und ist durch die andere Farbe sogar noch schöner als die Vorlage. Hier und da wird noch ein bisschen abgesteckt und die Knöpfe fehlen noch, aber heute Abend kann ich das gute Stück in Händen halten. Erleichterung und Freude. Das wäre geschafft. Ein gutes Experiment. Beim nächsten Mal wird es dann ein Dirndl.

Die Farben von Hoi An


Kurz nach 18 Uhr erreichen wir endlich unser Ziel. Unsere Unterkunft in Hoi An ist fußläufig von der Bushaltestelle aus zu erreichen. Wir zerren unsere Koffer hinter uns her. Der Weg wäre kein Problem, wenn man nicht permanent auf der Straße laufen müsste, weil der Gehsteig mit Mopeds und Rollern vollgestellt ist. Naja, man muss eben Prioritäten setzen.

Wieder werden wir herzlich empfangen. Nach dem langen Tag sollten wir erstmal entspannen, geredet wird später, sagt Bi, die Betreiberin dieses Homestays und zeigt uns stolz das Zimmer. Frühstück sei dann bis zehn, aber bis elf sei auch kein Problem. Schließlich hatten wir Verspätung.

Wir springen unter die Dusche, ziehen uns frische Sachen an und machen uns, zusammen mit dem Pärchen, mit dem wir bereits Frühstück, überlange Pause und Pannenzeit geteilt und dank guter Gespräche überstanden haben, auf in die Altstadt.

Hoi An soll so schön sein, hieß es, aber dass es so bezaubernd sein würde, hätten wir nicht erwartet. Die für Hoi An typischen Seidenlampions hängen im gesamten Ort über den Straßen, vor den Restaurants, beleuchten die Boote auf dem Fluß, tauchen die kleine Stadt in die schönsten Farben; orange, rot, grün, lila, weiß, das Auge kann sich kaum satt sehen. Bunte Papplampen, von Kerzen erhellt, schwimmen auf dem Wasser und suchen sich ihren Weg unter der Brücke hindurch. Wir sind vollkommen hingerissen und folgen dem Treiben.

Ein Ziel haben wir aber doch und das lautetet: Essen.

Es gilt, die vegetarische Herausforderung anzunehmen und endlich dafür zu sorgen, dass wir Straßenessen bekommen. Ich bin vorbereitet. Aus meinem Reiseführer habe ich abgeschrieben, was ‚ich bin Vegetarier‘ heißt. Überall stehen sehr kleine Wagen, die Essen anbieten, teilweise undefinierbares. Bei einem gibt es eine Art Fladen, gegrillt mit irgendwas drauf. Ich halte meinen Zettel hin und siehe da; die Verkäuferin nickt. Ihr Helfer ist sogar ganz begeistert und betont, er esse selbst oft ‚chay‘, also vegetarisch. Es ist der 16. März. Obwohl die Vietnamesen eigentlich alles mit Fleisch essen, machen sie um die Monatsmitte oft eine Ausnahme. Da viele Buddhisten sind, haben sie Achtung vor denen, die kein Tier zur Nahrungsaufnahme töten möchten.

Sie bereitet den Fladen also vegetarisch zu: mit Frühlingszwiebeln, Röstzwiebeln, Wachteleiern, Mayonnaise und Chilisoße.

Ich finde es super! Alle warnenden Worte wie ‚Mayonnaise bei der Hitze‘, ‚die Eier liegen einfach so rum‘ erschlage ich mit ‚wurde doch jetzt gegrillt, ist doch alles abgetötet‘. Um ehrlich zu sein, ist keiner von uns vieren daran interessiert, das Essen schlecht zu reden. Wir lachen darüber und beißen beherzt zu. Dieses Ding schmeckt wirklich gut. Das haben wir nicht zum letzten Mal gegessen.

Trotzdem haben wir noch Hunger auf was Richtiges. Mehr als ein Snack muss es schon sein. Am Ufer entlang sind kleine Holztische mit Stühlen aufgebaut. Jeder Abschnitt scheint zu einem anderen Koch zu gehören. Wir haben Glück; ich zeige meinen Zettel und der gut gelaunte Vietnamese scheint sich zu freuen, dass er unserem Wunsch nachkommen kann. Er zeigt uns alle Gerichte, die er ohne Fleisch und Fisch machen kann. Wir nehmen fast alle.

Kurze Zeit später sind wir im Streetfood-Paradies: scharfer Papayasalat, dicke Nudeln mit Gemüse, herzhafte Pancakes in Reispapier mit frischen Kräutern und frisches Kokoswasser. Wir sind völlig begeistert. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Nur das Bier kann uns unser neuer Freund nicht bieten, dafür hat er keine Lizenz, aber das bekommen wir wenig später in einer Rooftopbar, beleuchtet mit den Farben Hoi Ans.

Ein guter erster Abend.

Gestrandet


Am nächsten Morgen geht es früh weiter. Mit dem Bus. Hoffentlich nicht wieder ein Schlafbus, wir fahren ja am Vormittag.

Zum Frühstück gibt es wieder gebratenen Reis, den ich wirklich mag. Ich frage die Mädels in der Küche, ob ich ein Foto machen darf. Sie kichern und plötzlich gesellen sich noch weitere Mitarbeiter dazu, die unbedingt aufs Foto wollen.

Mit uns im Frühstücksraum sitzt ein deutsches Pärchen. Sie haben eine Polaroidkamera dabei und machen nicht nur für sich selbst Bilder, sondern hinterlassen diese Erinnerung auch den Menschen auf den Fotos. Eine tolle Idee, denn die Kleine vom Vortag freut sich wie ein Honigkuchenpferd über das Bild und kichert vor sich hin. Wir sollten auch mit drauf und so haben auch wir die schöne Erinnerung.

Der Bus hat Verspätung und es ist… ein Schlafbus. Dieser ist nicht ganz so dreckig wie der erste, aber schön ist es trotzdem nicht. Immerhin sind wir um eins schon da.

Dachten wir.

Die Fahrt plätschert vor sich hin, keine besonderen Vorkommnisse. In Hue gibt es einen Stopp, von dem wir zunächst denken, dass wieder ein paar Leute ein- und Aussteigen. Wir bleiben sitzen… und erfahren gerade noch rechtzeitig, dass wir für Hoi An den Bus wechseln müssen. Also, aussteigen. Wir werden mit samt unseres Gepäcks in den Eingangsbereich eines Hostels geschoben mit der Information, dass in einer halben Stunde der andere Bus kommt.

Kommt er aber nicht. Er kommt auch nicht nach einer weiteren halben Stunde. Wir machen es uns gemeinsam mit dem deutschen Pärchen vom Morgen in einem Café gegenüber bequem und warten weiter. Insgesamt zweieinhalb Stunden.

Dann kommt tatsächlich ein Bus. Das bekannt Geschreie und Geschubse geht wieder los und wir suchen uns erneut einen Platz auf einer der Liegen.

Nach einer Weile halten wir wieder an. 30 Minuten Stopp. Na klar. Das kennen wir ja schon.

Wir sind irgendwie im Nirgendwo, an der Straßenecke gibt es wenigstens Toilettenmöglichkeiten und wir haben direkten Blick auf den sogenannten Wolkenpass. Nicht ganz schlecht also. Aus der Straße, die seitlich entlang geht und überwiegend unbefahren ist, dröhnt Musik. Hier frönt man eindeutig der Liebe zur Karaoke. Ein offenbar häufiges Hobby der Vietnamesen. Umso länger wir uns dort aufhalten, umso schräger scheint der Gesang zu werden. Und wir halten uns dort länger auf, denn der Bus hat eine Panne. Die Klimaanlage ist ausgefallen.

Mitten im nirgendwo zeigen die Vietnamesen Erfindergeist. Ein paar Mechaniker rollen an mit einer Hand voll Ersatzteile und einem zweiten Wagen, aus dem man für den Notfall noch was rausholen kann, wenn man es braucht. Sie schrauben und tüfteln und einer der Kerle ist so klein und zart, dass er regelrecht im Motorraum versinkt.

Es dauert insgesamt eine Stunde zwanzig bis unsere Fahrt weitergeht.

Die Zeit hat ein mobiler Straßenverkäufer genutzt und die anderen mit einem gefüllten Hefeteig versorgt. Den Ofen auf dem Gepäckträger seines Mopeds war unsere Panne sein Glück. Er verlässt uns mit einem Strahlen im Gesicht.