Norwegen Tag 4


  
Es ist ziemlich unwahrscheinlich, bei Vollpension zu verhungern, aber nicht unmöglich. Das weiß ich spätestens seit dem Vortag. Da ich nicht der große Frühstücker bin, hatte ich mich morgens auf Kaffee und Knäckebrot mit einer Scheibe Käse (diesen Käse muss ich unbedingt importieren) beschränkt. Mein Plan allerdings, mittags ordentlich zu essen, wurde durch meinen plötzlichen Aufbruch zum Eiderenten-Paradies vereitelt. 
Wir waren gegen fünf zurück vom Archipel und das bedeutete, dass ich mich noch bis acht gedulden musste. Abends wird ein Drei-Gänge-Menü serviert, und meine Tischzeit lautet 20 Uhr. 

Ohne Essen bin ich kein besonders friedlicher Mensch, und selbst wenn ich den Ärger des gesamten Vega-Archipels auf mich gezogen hätte; Eiderente wäre jetzt bestimmt super gewesen. 

Es wurde dann aber doch Bulgur mit Gemüse. Und das gerade noch rechtzeitig, um die Sicherheit der Mitreisenden zu bewahren. 

Diesen Fehler würde ich nicht wiederholen. 
Klug, wie ich also nun gerade geworden bin, esse ich zum Frühstück mehr als ein Knäckebrot und schaffe es auch zum Mittagessen. 

Ansonsten ist der Tag überwiegend mit Schnittarbeit am Laptop ausgefüllt. Kabine anstatt Deck. 
Am Nachmittag steht noch ein Interview mit dem Chefkoch aus. Der Arme schwitzt vor Aufregung und fühlt sich am Mikrofon nicht besonders wohl. 
Ganz im Gegenteil dazu der Kapitän. Den treffe ich um 18 Uhr. Ob ich mal mit auf die Brücke will, fragt er. Na klar! 

Und da bin ich. Die Offiziere sitzen in ihren Sesseln an einem Pult voller Technik und Bildschirme, vor ihnen das riesige Panorama-Fenster. Die allerbeste Sicht an Bord und der absolut coolste Platz hier. 
Für das Interview gehe ich mit dem Kapitän in die Cafeteria. Er will Kaffee trinken. Meinetwegen gern. Dazu erzählt er über seine Arbeit, seine Familie, und sein heißer Tipp für das beste Erlebnis an Bord: so wenig Schlaf wie möglich, damit man nichts verpasst. 

Nun, folgte ich seinem Rat, würde ich wahrscheinlich sogar im Sommer Nordlichter sehen, denn Schlaf ist für mich ähnlich wie Essen: zu lange ohne – und damit meine ich, weniger als acht Stunden pro Nacht – löst bei mir existenzielle Grenzerfahrungen aus, die ich nicht positiv bewerten kann. 
Er erzählt weiter vom regionalen Essen, das er so liebt. Hier an Bord gibt es Eiscreme direkt von der Küste. Ob ich das nicht probieren wolle. 

Klar will ich! Ich liebe Eis! 

Er freut sich und steht auf, um mir eins zu holen. „Ich bringe Dir meine Lieblingssorte: getrockneter Fisch!“
Wie bitte?? Haben wir nicht gerade von Eis gesprochen? Ich versuche noch irgendetwas von Vegetarier zu murmeln, aber es ist zu spät. Er kommt zurück mit – gnädigerweise einem sehr kleinen Löffel – Eis. 

Ich schnuppere vorsichtig. Nichts. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Augen zu und durch. 
Er schaut mich erwartungsvoll an, vielleicht auch damit rechnend, dass sich gleich meine Gesichtsfarbe in leichtes Grün verändert. 

Ich schiele auf meine Kaffeetasse. Leer. Nichts zum Nachspülen. 

Aber so schlimm ist es auch gar nicht. Ich bin erstaunt. Es schmeckt eigentlich einfach wie Sahneeis. Als ich ihm das sage, fängt er an zu schwärmen: es gebe auch Erdbeer- und Blaubeereis von der gleichen Firma, aber getrockneter Fisch sei die beste Sorte. Und während er das sagt, entfaltet sich in meinem Mund die volle Fischexplosion. Ich versuche, an Erdbeere und Blaubeere zu denken und wünsche mir meine Zahnbürste. Zum Glück hält sich der Geschmack nur kurz, und in seinen Augen scheine ich die Probe bestanden zu haben: „Du kannst morgen jederzeit zu uns auf die Brücke kommen, wenn Du Zeit und Lust hast.“
Na, das war es doch wert. 
Und dann sind es auch nur noch eineinhalb Stunden bis zum Abendessen. Das halte ich gut aus. 
Zur Auswahl stehen für mich an diesem Abend Pilz-Risotto oder… Fisch. Wenigstens nicht getrocknet. Ich weiß, dass ich keine Pilze mag und kein großer Risottofan bin. Also probiere ich den Fisch?
Ist das ein sehr fischiger Fisch, frage ich den Kellner. Er guckt mich mit großen Augen an. Was ich damit meine, will er wissen. 

Ja. Klar. Blöde Frage für jemanden, der in einem Land mit einer kulinarischen Fischkultur aufgewachsen ist. Er hätte mich fragen können, ob eine Tomate sehr tomatig ist. 

Liebes Norwegen, ich entschuldige mich hiermit für alle Eiderenten- und Fisch-Faux-Pas. 
Aber immerhin habe ich mich für den Fisch entschieden. Wenn ich Eis mit getrocknetem Fisch überlebe, dann wohl auch frischen, gekochten Fisch. 

Und es war gar nicht mal so schlecht. 

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Blond und wir kommen nicht ran


Ich bin nicht mehr allein.
Vorgestern ist eine Freundin aus Berlin angereist. Früh morgens angekommen, haben wir tagsüber einen Streifzug durch das Viertel gemacht, um dann abends totmüde ins Bett zu fallen.

Aber wir hatten ja auch am nächsten Tag Pläne!
Einen Ausflug ins Blaue. Ohne so richtig zu wissen, wohin eigentlich.
Denn ein Bekannter hatte mich gefragt, ob wir mit ihm mitfahren wollen in einen kleinen Ort zwei Stunden von Buenos Aires entfernt. Natürlich. Was auch immer es da gibt.

Im Auto dann die Frage: wo fahren wir nochmal hin? – Nach San Pedro. – Aha. Und was ist da so? – Ein Fluß.

Naja. Wir werden sehen.
Nach etwa eineinhalb Stunden erreichen wir den kleinen Ort, idyllisch am Río Paraná gelegen. Trotz Sonntag ist so gut wie nichts los.
Wir spazieren ein wenig die ‚Promenade‘ entlang, aber so richtig kommen wir an den Fluß nicht ran. Zwischen uns und dem Wasser liegen Fischerclubs und Segelvereine und dementsprechend Zäune und Mauern.
Naja, ist sowieso Mittagszeit, und wir haben Hunger. Dann suchen wir uns eben ein Restaurant, das eine Terrasse zum Fluß hin hat. Sind wir clever!

Pustekuchen! Das einzige Restaurant mit einer solchen Terrasse serviert heute nur im Innenraum. Sehnsüchtig schauen wir vom Tisch aus durchs Fenster. Der Fluß bleibt in sicherer Distanz.

Aber immerhin ist das Essen gut. Ich gehe diesmal keine kulinarischen Experimente ein, denn ich habe einfach Hunger. Also Ravioli.
Meine Freundin und unser Begleiter teilen sich einen Pacú, einen hier typischen Fisch, der offenbar beide überzeugt.
Nachtisch: Queso y Dulce. Ein Stück Käse mit einem festen Gelee aus Süßkartoffeln. Kommt ebenfalls gut an. Die zwei Flaschen Wein tun ihr Übriges. Und damit meine Freundin auch gleich sieht, was eine Parrilla, also der Grill hier, ist, erbitten wir uns ein kleines Fotoshooting in der Küche, das der Asador, der Grillmeister, mit Begeisterung zulässt.
‚Nur, weil Ihr blond seid!‘, sagt unser Begleiter.
Naja, kann sein.

Ob es an der Haarfarbe liegt oder an der Freundlichkeit der Leute oder einer Kombination, letztendlich dürfen wir doch noch ans Flussufer. Man läßt uns durch die Absperrung und drückt beide Augen zu.

Also: blond und wir kommen nicht ran? In Argentinien eher unwahrscheinlich!

Karfreitag


Karfreitag.
Heute kommt die gesamte Familie zusammen. Im Restaurant treffen wir uns mit etwa zwanzig Brüdern, Schwestern, Tanten, Onkels und dementsprechendem Nachwuchs.

Es ist laut. Alle reden kreuz und quer, wie das bei einem Familientreffen so üblich ist, und natürlich wird gegessen und getrunken.
Eigentlich gibt es Paella für alle, denn an Karfreitag soll man ja auf Fleisch verzichten.
Ich bekomme eine Gemüsetarte, und es gibt doch tatsächlich einige, die es wagen Fleisch zu bestellen.
Die Nichte Fernandos zum Beispiel. Sitzt neben mir und isst ihr Fleisch so schnell, daß man kaum sehen konnte, was sie auf dem Teller hatte. Aus Angst, Gott zu erzürnen sagt sie. Und von ihrer Schwester erhält sie eine kräftige Rüge.
Nunja, bis jetzt ist nichts Schlimmes passiert. Ich glaube, Gott war nicht sehr erzürnt darüber.

Nach dem Essen legen sich die meisten hin.
Damit ich aber was von der Umgebung mitkriege, machen wir einen kleinen Ausflug an eine nahegelegene Lagune, wo sich heute viele versammelt haben, um ihren Karfreitagsfisch zu angeln.

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Danach hält mich eine Tante von der Siesta ab, die ein chronisches Redebedürfnis hat. (Ich frage mich wirklich, ob sie im Schlaf ruhig ist.) Mir fällt ein, daß sie die Tante war, die beim Mittagessen rumgegangen ist, um die Reste von den Tellern zu leeren. Bunt gemischt, von Paella über Kuchen bis hin zu Salat hat sie sich aufopferungsvoll alles in der Mund geschoben. Vielleicht der einzige Moment des Schweigens heute ihrerseits.

Schließlich ist es schon wieder Zeit zum Abendessen.
Um elf Uhr abends bin ich knatschkaputt. Die Nichte fragt erstaunt, warum ich denn müde sei.

Ganz einfach:
Weil ich ca. 20 neue Leute kennengelernt habe, in einer Sprache, die nicht meine Muttersprache ist, in ungewohnter Umgebung und Klima. Und wieder viel zu viel gegessen habe.
Ich glaube, da hat Erschöpfung Berechtigung.