Norwegen Tag 5


  

  

Der letzte Tag an Bord bricht an. Um 10 Uhr sollen alle Koffer vorm nächstgelegenen Aufzug stehen und die Kabinen geräumt sein. 
Beim Frühstück treffe ich den Kapitän. Er begrüßt mich freundlich und fragt, ob ich schon lange wach sei. Seit acht sage ich. Er sieht mich erstaunt an. Da habe ich aber lang geschlafen. 

Wenn ich ihm noch gesagt hätte, dass ich um eins das Licht ausgemacht habe, hätte er sicher gesagt: So früh!

Tja. Möglichst wenig schlafen, ist eben nicht bei mir.
Da ich nun keinen Platz mehr zum Schneiden habe, befrage ich lediglich noch ein paar Gäste zu ihrem Aufenthalt und dann packe ich das Mikro weg. Genug jetzt. 

Der Himmel reißt auf und zum ersten Mal seit Tagen kann ich selbst wirklich entschleunigen. Ich sitze an Deck und halte mein Gesicht in die Sonne, blinzele ab und zu und erhasche einen Blick auf die vorbeiziehende Landschaft. Schroffe Felsküsten mit Nadelhölzern bewachsen. Manchmal lässt eine Lücke im Fels oder Waldstück eine satt grüne Wiese dahinter erahnen. Als wolle die Natur alles schützen, was im Land dahinter liegt. 

Das Wasser liegt wie schwarzes Glas unter uns, und ein sanfter Wind weht mir durch die Haare. 
Für etwa eine Stunde bin ich ganz allein. Nur selten läuft ein Gast an mir vorbei, und ich genieße die Stille und die wärmende Sonne. 
Selbstverständlich habe ich die Uhr immer ein bisschen im Blick. Ich darf das Mittagessen nicht verpassen. Wer weiß, ob ich auf den Flügen wieder hungern muss. Ich bin ja schließlich klug geworden. 
Und dann löse ich das Versprechen des Kapitäns ein. Obwohl ich in seinen Augen extrem lange geschlafen habe, lässt er mich widerstandslos auf die Brücke.

Er freut sich sogar regelrecht. Willkommene Abwechslung, sagt er. 
Zunächst sitze ich einfach so da und genieße die grandiose Aussicht. 

Dann fängt er an, mir zu erklären, was wir sehen. 

Er erzählt, was ihm das Land bedeutet, dass er versucht, seine Umwelt zu schützen und nachhaltig zu leben. Dass er sich auf seine Familie freut, seine beiden Kinder, die er bald wieder sehen wird: Nach 22 Tagen an Bord hat er 22 Tage frei. 

Die werde er aber auch zum Angeln nutzen. Nur er und die Natur, die Angel und die Lachse. 
Dann berichtet er mir noch freudig, dass er für seine Rückreise zwei Boxen von seinem Lieblingseis ‚getrockneter Fisch‘ bestellt hat. 

„Komisch“, meint er, „das war die billigste aller Sorten.“

Ich kann mir kaum erklären, wieso…
Und dann steuern wir Bergen an. Der erste Offizier lenkt das Schiff gekonnt rückwärts an den Pier, die Motoren verstummen, und die Gäste werden gebeten, das Schiff zu verlassen. 

Ich verabschiede mich. Es ist irgendwie ein seltsamer Abschied. Von einem Menschen, den ich kaum kenne, bestimmt nicht wiedersehen werde und der mir doch für eine Stunde das Gefühl gegeben hat, Teil einer anderen Welt zu sein. Ein schönes Erlebnis. Er nickt mir zu, und ich verlasse das Schiff. 
Die Reise ist noch nicht vorbei!
Alle strömen zu den Bussen. Ich bin mit meinem Voucher bewaffnet und halte Ausschau nach dem Unternehmen, das auf dem Zettel steht. Alle Busse sind mit anderen Firmennamen bedruckt. Ich frage den Busfahrer von einem, auf dem ‚Flughafen‘ steht, ob das der richtige Bus sei. Um ehrlich zu sein, habe er keine Ahnung. Egal. Ich solle einsteigen. Besser, als nach irgendwo da hinten oder irgendwo da unten gehen zu müssen. 
Wir kommen zwei Stunden vor Abflug am Flughafen an. Genug Zeit zum Einchecken, und ich investiere mein letztes Norwegisches Geld in Süßigkeiten für die Kollegen. Bamse Mums. Irgendwelche Bärchen mit Schokolade überzogen, die ich, zugegeben, ausschließlich wegen des lustigen Namens kaufe. 
Und dann haben wir noch mehr Zeit: Der Flug verspätet sich. 

Und noch mehr Zeit. Der Flug verspätet sich weiter. 

Insgesamt fast eine Stunde. 

Na Bravo. 

Umsteigen mit Zeitlimit kenne ich ja schon. 

Beim Anflug auf Amsterdam sagt die Stewardess, dass man den Anschlussflug nach Hamburg vielleicht noch bekommt, wenn man rennt und sich überall durchdrängelt. 
Wenigstens muss ich meinen Koffer nicht abholen. Der ist durchgecheckt bis Hamburg. 
Ich verfluche also die Laptoptasche, Mikrofon und Aufnahmegerät, die mir wie Blei auf den Schultern hängen, während ich über den Flughafen renne. Von Gate B bis ganz hinten bei Gate D. 

Vielleicht kann ich bei Olympia mit einer neuen Sportart antreten: Airport-Running. Übung hätte ich jetzt. 
Pünktlich zum Boarding komme ich an. Was? Da hätte ich mir ja regelrecht Zeit lassen können. Es sind immerhin noch zehn Minuten bis Abflug!

Ich sitze also im Flugzeug. 

Wie sich später herausstellt, war ich schneller als das Flughafenpersonal. Mein Koffer kommt nicht in Hamburg an, sondern verweilt noch in Amsterdam. 

Ich hoffe, er genießt seinen Aufenthalt und kommt dann – ganz entspannt – zu mir zurück. Ich renne ihm bestimmt nicht hinterher!

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Norwegen Tag 1


Arbeit kann ja manchmal wirklich cool sein. Wenn man auf eine Schiffsreise nach Norwegen geschickt wird zum Beispiel. 
Ich bin am Abend vorher tatsächlich etwas aufgeregt. Klappt alles? Ist der Anschlussflug von Oslo nach Tromsø nicht zu knapp gebucht worden? Irgendwann schlafe ich dann doch ein. 

Um halb fünf klingelt mein Diensthandy. Das klingelt nicht allzu oft und schon gar nicht nachts. Ich schaue aufs Display: eine mir unbekannte Nummer mit dem Hinweis „aus Rumänien“. Ich nehme nicht an. Es klingelt wieder. Ich drücke weg. Auf so was lasse ich mich gar nicht erst ein. Zwei Nachrichten auf der Mailbox, beides Mal Rauschen. Ich kopiere die Nummer und gebe sie in die Google-Suche. Kein Treffer, nur Foreneinträge über Betrugsanrufe aus Rumänien. Prima. Das ist genau das, was ich um die Uhrzeit brauche. Die Nacht ist quasi vorbei, ohne weiteren Schlaf stehe ich um 6 auf. 

Das Taxi ist pünktlich. Der Flug nach Kopenhagen auch. Von Kopenhagen nach Oslo auch kein Problem. Und dann Oslo – Tromsø. 

Planmäßige Ankunft 12.55 Uhr, nächster Abflug 14 Uhr. Und ich muss dort meinen Koffer vom Band holen, durch den Zoll, neu einchecken und durch die Sicherheitskontrollen. 

Der Flug ist etwas zu spät, und auf dem Kofferband sind viele Koffer, nur nicht meiner. Die Zeit tickt. Nur noch 25 Minuten. Noch kein Koffer. Ich bin nicht die Einzige, die wartet, aber offenbar die Einzige mit einem solchen Kamikaze-Anschlussflug. 

Noch 20 Minuten. Noch 15 Minuten. 

Mein Koffer kommt. Ich renne wie eine Irre durch den Zoll, wo genau niemand steht, den es interessiert. Treppe hoch, Koffer abgeben. „Nein“, sagt die Dame. „Das schaffen Sie nicht. Sie müssen Ihren Flug umbuchen.“

Ich gehe also zum Serviceschalter. Und die Dame dort macht einen Anruf und sagt dann zu mir: „Das schaffen Sie.“ 

Sie rennt voraus. Genau genommen dackelt sie voraus, denn sie hat einen lustig vorgebeugten Gang. Sie schummelt meinen Koffer aufs nächste freie Band und weg ist er. Aber ich bin noch da. Es ist zehn vor. 

Sie bringt mich zur Security und gibt mir einen Fast Lane Pass, und zum Glück nehmen die Norweger mich nicht wie die Hamburger auseinander. Wobei das mit einer kompletten Ausrüstung mit Mikro, Aufnahmegerät, Fotokamera mit mehreren Objektiven und Laptop irgendwie verständlich wäre.  

Ich renne. Und renne. Mit gefühlten 20 Kilo auf den Schultern. Und verdurste nahezu. Natürlich ist das Gate weit hinten. Laut keuchend, schweißgebadet und völlig fertig komme ich an. Wo ist mein Applaus? Wo ist das Empfangskomitee? Ich schiebe mich schnell durch die Ticketkontrolle. Rein ins Flugzeug. Tür zu. Es ist zwei vor Zwei. 

Ich falle in meinen Sitz während die Stewardess die Sicherheitsregeln erklärt und mir wird klar, dass ich noch nicht mal die Hälfte dieses Tages geschafft habe. 

Aber immerhin: Tromsø, ich komme!

  

Sie sind da


Heute Morgen war es soweit; ich habe meine Eltern vom Flughafen abgeholt.
Wieder einmal habe ich mich Mirtas (meine erste Vermieterin) Schwager bedient, der mich zunächst eingesammelt und dann zum Flughafen gefahren hat.
Mit einem Koffer voller Gummibärchen und Schokolade (nicht für mich!!) und einem immerhin mit Klamotten sind wir, trotz des Schwagers zuweilen schwankenden Fahrstils, heil am Hotel angekommen, direkt gegenüber meines Hauses (aus dem heute alle ausgeflogen sind).

Meine Bleibe selbst wurde mit einiger Skepsis betrachtet. Vor allem seitens meiner Mutter. Durch die Augen anderer sehe ich, daß die Standards hier doch simpler sind, was mich bisher keinen Tag gestört hat, und mir mittlerweile kaum noch auffällt.

Das Hotel erfüllt glücklicherweise alle europäischen Gewohnheiten; schick, neu, modern.
Und Bier gibt’s ja in der Stadt zum Glück auch. Und so richtig Urlaub ist schließlich erst, wenns vom Glas eiskalt aufs Bein tropft.
Prost also!

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Es geht schon wieder los


Und da sitze ich schon wieder. Am Flughafen. In zwei Stunden geht’s los. Ein weiteres Mal Richtung Argentinien.
Die Zeit in der Heimat ist verflogen, Freunde treffen, Silvester in Berlin (Berliner Silvester = so stelle ich mir Krieg vor! Schrecklich!), die Tage mit der Familie genießen. Ich bin gerne in Deutschland.
Aber jetzt wird es mir langsam doch zu kalt, auch wenn alle über den extrem milden Winter staunen. Seit gestern läuft meine Nase, und ich sehne mich nach Wärme.

Ob ich das Spanisch, das ich konnte, als ich aus Argentinien kam, noch kann?
Ob ich mich genauso wohl fühle wie beim letzten Mal?
Ob ich es diesmal schaffe, allen kilogeschwängerten Verführungen zu widerstehen?

Die Zeit in Deutschland hat mich auch in ernährungstechnischen Dingen wieder auf einen besseren Weg gebracht. Ich fühle mich schon viel leichter und muß unbedingt argentinischen Gewohnheiten wie extrem spät essen, literweise Eis, Gebäck in allen Formen und zu viel Bier und Wein den Kampf ansagen. Leicht wird es nicht.

Morgen werde ich erstmal die Sonne genießen. Das ist ja auch schon ein guter Anfang.
Und dann mal sehen, was noch so kommt.

Abheben


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Und schon bald bin ich wieder im Kreise meiner Familie, habe einen Temperaturunterschied von 30 Grad und spreche und höre ausschließlich deutsch.

Meine Fahrt zum Flughafen war übrigens… interessant. Der Schwager von Mirta, meiner ersten Vermieterin, hat mich letztendlich für einen Obolus gefahren. Was ich nicht wußte, ist, daß er eigentlich Taxifahrer ist. Und zwar nachts.
Das heißt, er hat gestern Abend um acht mit seiner Arbeit abgefangen und quasi nicht geschlafen. Mit kaninchenroten Augen begrüßt er mich, überfährt innerhalb der ersten zehn Minuten eine rote Ampel und fast eine Frau und geht leider noch zwischendurch ans Handy, was zu zusätzlichen Spurwechseln führt.

Aber nun gut. Ich bin hier.
Ich hatte ja sowieso überlegt, den Bus auszuprobieren, wenn ich zurückkomme.

Reisen um zu reisen


Ich kann es kaum fassen, aber in zwei Tagen sitze ich erstmal wieder im Flugzeug nach Deutschland.
Die Zeit ist einfach so geflogen.
Ich unterbreche quasi mein kleines Abenteuer, um Weihnachten im Kreise meiner Liebsten zu verbringen. Meiner Familie.

Das heißt also, daß ich am Donnerstag irgendwie zum Flughafen kommen muß.
Als ich ankam, bin ich im Taxi gefahren. Aber mittlerweile denkt man ja sich besser auszukennen und eine günstigere Methode finden zu können.
Ist gar nicht so einfach. Es gibt einen Bus, der direkt bis zum Flughafen fährt, allerdings müßte ich bis zu dessen Haltestelle erstmal ca vierzig Minuten in einem anderen Bus fahren. Und danach dauert die Reise bis zum Ziel immer noch etwa zwei Stunden.
Nicht, weil der Flughafen so weit wäre, sondern weil ein Bus nunmal Haltestellen hat. Viele. Und nicht auf dem schnellsten, sondern eben auf seinem Weg fährt.
Ich könnte also diese Reise für umgerechnet etwa 50 Cent antreten, insgesamt drei Stunden einplanen, mich mit meinem Koffer bei ungefähr 35 Grad Hitze versuchen, in einen meist vollen Bus zu quetschen und hoffen, daß nichts außerplanmäßiges passiert.

Ganz ehrlich, ich bin ja sonst sparsam, aber…

Letztendlich werden es ca 20 Euro. Der Schwager von Mirta, der Vermieterin meines ersten Zimmers, macht solche Fahrten privat und verdient sich was dazu.
Dafür holt er mich vor der Haustür ab. Und die Fahrt dauert eher so 30 bis 40 Minuten, ganz ohne Umsteigen.

Und wenn ich dann im Januar wiederkomme, kann ich ja immer noch die Busvariante testen.