Ca 50 000 in rot weiß


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Fuuuußball!
Es ist soweit. Die Tickets in der Tasche geht’s Richtung Stadion. Im Umkreis von etwa einem Kilometer sind bereits die Straßen abgesperrt, und rot-weiß ist die dominierende Farbe der T-Shirts. Ich trage mintgrün, damit ich auch wirklich nichts riskiere. (Mutig wären blau-weiße Streifen gewesen.)

Ich habe noch die Reste meiner Pizza in einer Tüte dabei und hoffe, daß ich sie mit ins Stadion nehmen kann. Insgesamt muß ich durch drei Kontrollen, wobei bei der ersten nur nach den Tickets gefragt wird.
Die Leute um mich rum müssen Wasserflaschen (auch die aus Plastik), Taschenspiegel und anderes wegschmeißen, über meine Pizza lachen sie nur.
Alle, wie immer, hilfsbereit und stets zum plaudern aufgelegt.

Endlich im Stadion. Es geht rauf, rauf, rauf, bis ganz nach oben. Keine Sitzplätze, nur Steintreppen. Aber naja, waren ja auch die günstigsten Karten. Und dafür sitze ich im einzigen Bereich, der mit Stacheldraht eingezäunt ist. Supersicher, oder? Vielleicht soll der Stacheldraht auch eher die Hardcorefans um mich herum davon abhalten, waghalsige Aktionen Richtung Platz zu starten.

Ich finde es prima. Die Aussicht ist super, und nach einer halben Stunde legt sich auch der Schwindel meiner Höhenangst.

Das Stadion ist wirklich fast voll. (Das Stadion fasst über 65 600 Zuschauer.) Und zwar ausschließlich mit River Plate-Fans (alle nüchtern, weil im Umkreis von 1km kein Alkohol verkauft werden darf.)
Seit dieser Saison herrscht strenge Fantrennung, grundsätzlich dürfen nur noch eigene Fans ins Stadion. Das vermeidet zwar überwiegend Gewalt, sorgt aber auch dafür, daß die Gastmannschaft ganz schön verlassen ist.

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(Fotos mit Dank an Alexa Schlamp)

Neunzig Minuten Fangesänge für River. Durchgehend.
Das ist schon ziemlich beeindruckend. Ich verstehe kein Wort von dem, was gesungen wird und bitte einen Fan hinter mir, mal ein Lied zu notieren. Nach einer Zeile gibt er auf. Das falle ihm nur ein, wenn er gerade singe. Er gibt meinen Zettel weiter an den Nächsten, der die Aufgabe vollständig und gewissenhaft löst.

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Das erste Tor geht an River, das zweite an Godoy Cruz. Totenstille. Dann setzen wieder die Gesänge für River ein, und die elf blau-weiß gestreiften sind die einzigen, die sich über ihr Tor freuen.

Ungefähr achtundzwanzig gelbe und eine rote (River) Karte später gewinnt Godoy Cruz mit 2:1.
Die Köpfe hängen zwar, aber da es niemanden gibt, den man verprügeln könnte, gehen alle ziemlich friedlich aus dem Stadion und ihrer Wege.

Ich hatte ja vorher gesagt, daß ich Fan der Mannschaft werde, die gewinnt, aber ich gebe zu, daß das nicht so einfach geht. Godoy Cruz? Wer ist das überhaupt? Aber umgekehrt geht’s auch nicht. River? So schnell beuge ich mich nicht einem ganzen Stadion voller Fans.

Ich muß noch ein paar Spiele sehen und mehr Mannschaften. So einfach ist das nicht. Noch bleibe ich bei meinem sehr neutralen mintgrünen T-Shirt.

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Der Ball ist rund, und ich hab Tickets


Argentinien und Fußball scheinen untrennbar. Jeder hier ist Fan irgendeines Vereins, und im Fernsehen laufen grundsätzlich auf mindestens fünf Programmen Fußballspiele.

Es wird Zeit, daß ich mir ebenfalls ein Spiel anschaue. Live natürlich.
Da ich keinen Bezug zu den Clubs habe, ist mir eigentlich ziemlich egal, wer spielt. Viel interessanter ist die Frage, wie man an Karten kommt.
Für Spiele von La Boca brauche ich das gar nicht erst zu versuchen, sagt man mir. Die haben die Fans fest im Griff und als Normalsterblicher kriege man keine Karten.

Aber es gibt eine Partie ‚River‘ gegen ‚Godoy Cruz‘. Unter der Woche. Da müßte doch was zu machen sein.
Also Internetrecherche. Man kann Tickets übers Internet bestellen und sie dann irgendwo abholen. Aber mir wäre es lieber, direkt Karten zu kaufen.
Also mache ich mich auf den Weg zum Vorverkaufsschalter. Leider erfolglos.
Die Tickets könne man ausschließlich am Stadion kaufen. Am Tag des Spiels. Das müßte ich dann eben versuchen.

Weitere Recherche im Netz. Dummerweise ist aber der Ticketschalter am Stadion am Tag des Spiels geschlossen. Man müsse die Tickets am Tag vorher kaufen.
Es ist schon einen Tag vorher.
Dann sagt man mir, man müsse sie unbedingt vorher im Internet bestellen, sonst bekomme man keine.
Nun, dafür ist es jetzt zu spät. Denn in drei Stunden schließt der Schalter, und ich bin noch nicht mal in der Nähe. Es muß auch so gehen.
Ich fahre einfach zum Stadion und nehme in weiser Voraussicht meinen Pass mit. Man weiß ja nie, wann die Argentinier mal förmlich werden.

Am Stadion angekommen, wird schnell klar, daß ich nicht die einzige mit dieser Idee war. Die Schlange der Wartenden ist fast zwei Häuserblocks lang.

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Ich stelle mich brav ganz hinten an, und nur mal so aus Interesse – bevor ich in zwei Stunden am Schalter höre, daß es für mich keine Karten gibt – frage ich die beiden Jungs neben mir, ob es überhaupt möglich ist ohne vorherige Internetbuchung.
Ja, sei es. Aber nur mit einer Kopie des Ausweises.
Aha. Ich habe meinen Pass dabei.
Nein, es müsse eine Kopie sein.
Und wo kann ich die machen?
Es gibt einen Copyshop ungefähr 15 Minuten zu Fuß entfernt.

Na herrlich! Ich gebe meinen Platz in der Reihe, der in der Zeit immerhin schon drei Meter nach vorne gerückt war, auf und laufe los.

Im Copyshop gibt es ebenfalls eine Schlange, weil alle Kopien machen wollen, um Tickets zu kaufen.
Fünfundvierzig Minuten später stehe ich – mit Kopie – am Stadion. Schon mal jemand in Flip Flops gejoggt? Nicht ideal, kann ich sagen!

Die Schlange ist noch länger als vorher.
Ich gehe wieder brav bis zum Ende, da fällt mir erst auf, wie mich alle anstarren. Ich trage ein weißes Kleid (war ja alles so spontan, und das hatte ich eben an) und bin neben sehr wenigen anderen Frauen auch noch die einzige mit hellen Haaren. Mir egal. Ich versuche möglichst argentinisch dreinzublicken, damit ich mich irgendwie nicht ganz so fehl am Platze fühle, und höre einfach den anderen bei ihren Gesprächen zu. Zum Glück!

Ein Typ vor mir redet mit seinem Kumpel und alles, was ich verstehe, ist: die andere Schlange ist viel kürzer.
Ich mische mich ein!
Welche Schlange?
Die für die Leute, die nicht im Internet bestellt haben, sondern direkt hier kaufen und Cash bezahlen wollen. Auf der anderen Seite sei das.

Ich laufe los. Und tatsächlich. Da stehen etwa zehn Leute an.
Innerhalb von fünf Minuten bin ich an der Reihe. In letzter Sekunde drückt mir noch irgendein Typ Kohle und seine Ausweiskopie in die Hand, daß ich ihm eine Karte mitkaufe, was ich auch tue, weil es für Diskussionen jetzt eh zu spät ist.
Aber ich habe es geschafft! Und insgesamt hat es nur fast zwei Stunden gedauert!

Wenn das Spiel vorbei ist, habe ich vielleicht auch endlich eine Antwort, wenn jemand nach meiner Mannschaft hier fragt.

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Ein Ball, sechzehn Beine und das mal zwei


20131203-233011.jpgIch habe schon viel von Buenos Aires gesehen, aber noch lange nicht alles! Klar, die Stadt ist groß und hat viel zu bieten.
Zum Beispiel einen echten Volkssport, wie man mir erzählt. Wer jetzt an Fußball denkt, denkt das gleiche wie ich zuerst. Fußball ist auch eines der großen Themen hier. Boca oder River oder doch San Lorenzo… Bisher ist mir niemand ohne Lieblingsverein begegnet.

Aber in diesem Fall ging es um einen anderen Sport. Polo.

Warum auch nicht? Immerhin gibt es ja durchaus eine Tradition der Pferdehaltung in Argentinien.
Da werde ich gleich aufgeklärt; nein, die Pferde gehören meistens reichen Arabern.

Na dann…

…schaue ich mir doch diesen Nationalsport mal an.

Der Poloclub ist eine halbe Stunde zu Fuß entfernt. Klar, daß ich laufe.
Heute steht ein kleineres Turnier an, dafür ist der Eintritt frei. Ist doch ganz gut für nur mal schauen.
Auf den Plätzen der Arena sitzen weder reiche noch arme Araber. Ich entdecke gar keine. Voll ist es auch nicht, dafür beobachten aber alle ziemlich gebannt das Treiben auf dem Spielfeld. (Das viel größer ist, als ich dachte.)

Das Spiel ist wahnsinnig schnell. Die Pferde preschen übers Feld und am Schluß gewinnen die im roten Shirt.
Mir fällt auf, daß ich keine Ahnung von irgendwelchen Regeln habe. Aber hübsch anzusehen war es allemal.

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Und ich habe wieder ein Stück Argentinien mehr kennengelernt.