Sri Lanka 8 – Sechs Stunden Bahn


Der Zug tuckert los. Eigentlich dachten wir, dass die Türen aufbleiben und man sich richtig rauslehnen kann. Geht auch, allerdings nur in den unreservierten Abteilen und um ehrlich zu sein, sind wir froh, dass wir uns da nicht reinquetschen müssen. Die Abteile platzen aus allen Nähten, die Menschen stehen dicht gedrängt.
Wir haben unsere Sitzplätze und können die Fahrt am offenen Fenster miterleben.

Auf den sechs Stunden kann man sicher auch mal schlafen, dachten wir vorher. Die Wahrheit sieht etwas anders aus: Wir sind immer noch in der dritten (und letzten) Klasse und die Sitzbänke zwar gepolstert, aber trotzdem hart und die Lehnen kerzengerade im 90 Grad Winkel. Da bleibt man lieber wach, es gibt aber auch genug zu sehen auf unserer Fahrt durch Sri Lanka.

Schon nach recht kurzer Zeit fragen wir uns, wie man eigentlich weiß, wann man aussteigen muss. Auf der Anzeige im Zug steht zwar die rasende Geschwindigkeit von ca 30km/h, aber auch die falsche Zugnummer, die falsche Endstation und niemals die nächste Haltestelle. Naja, wir werden eben so in sechs Stunden aussteigen.

Während der Zug sich langsam voranschiebt, verändert sich die Landschaft um uns herum. Vom saftigen Grün der Palmen und regenwaldartiger Vegetation zum noch satteren Grün der zahlreichen Teeplantagen im Hochland. Man kann die Augen kaum abwenden. Hinter jedem Tunnel scheint sich das Land verändert zu haben, jede Brücke führt in eine neue, atemberaubende Gegend. Manchmal blickt das Auge weit in die Täler und Schluchten hinab, dann wieder in die Dichte der Wälder.
Eine der schönsten Eisenbahnstrecken der Welt? Kann ich mir durchaus vorstellen.

Die Eisenbahn schlängelt sich die Schienen entlang, viele Mitreisende hängen sich regelrecht aus den Türen um ein einmaliges Foto zu ergattern. Das einzige, das diese wunderschöne Fahrt trübt, sind die Plastikflaschen und der sonstige Müll, der an einem vorbei fliegt. Leider nutzen die Einheimischen die Natur als Mülleimer, und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Jede Flasche bereitet uns regelrechten Schmerz und man kann nur hoffen, dass auch hier irgendwann ein Bewusstsein für das Einzigartige, dass die Menschen hier haben, eintritt.

Mit steigender Höhe wird es frischer. Irgendwann binden wir sogar unsere Tücher um. Im Hochland soll es nachts bis auf 5 Grad runtergehen, in Ella immerhin bis auf 12 oder 13. Kalt für hiesige Verhältnisse.

Wir haben zwar die sechs Fahrtstunden fest im Blick, freundlicherweise kommt trotzdem der Schaffner um uns zu sagen, dass wir nun aussteigen müssen.
Langsam reicht es auch. Der Po ist eingeschlafen und wir freuen uns auf Bewegung, die Fahrt hat sich allerdings voll gelohnt.

Zwei Nächte in Ella liegen nun vor uns und es sollen nicht die schönsten werden…

Sri Lanka 7 – Eine Bahnfahrt, die ist…


Wir fahren zurück vom schönen Berg Pidurangala. Stolz, dass wir den Aufstieg geschafft haben. Da hält unser Fahrer noch einmal an. „Famous temple. Cave temple of Dambulla.“ Naja, immerhin haben wir jetzt die passende Kleidung. Und die 15 Minuten, die man sich so einen Tempel anschaut…

Pustekuchen. Gefühlte weitere 500 Stufen später, die wir in der Hitze steil bergauf gehen, erreichen wir das Kassenhäuschen. Naja, wir sind hier, dann gehen wir auch rein. Der Eintritt ist teurer als der für den Berg, das muss ja ganz toll sein.

Weitere wahrscheinlich fünf Millionen Stufen später (das ist natürlich völlig übertrieben, fühlte sich aber so an) erreichen wir den Tempel. Wir müssen unsere Schuhe zur Aufbewahrung abgeben und stehen nun barfuß da. Die Steine haben mit gefühlter Sicherheit ca. 100 Grad, jedenfalls sind sie viel zu heiß für unsere europäischen Füße. Wir hüpfen regelrecht von Schatten zu Schatten und blicken jeweils kurz in die einzelnen Räume, die in den Felsen gehauen sind. Bei all der Hitze können wir die Faszination für das, was wir sehen, mit unserem Fahrer leider nicht teilen. Wir können auch die zahlreichen Buddhastatuen nicht voneinander unterscheiden. Hier hätte man sicher Erklärungen gebraucht. Außerdem sind unsere Fußsohlen beinahe verbrannt.

Wir entscheiden, dass wir für heute genug gelaufen sind und machen uns auf den Rückweg. Lieber Fahrer, bring uns bitte einfach nur nach Hause.
Trotzdem müssen wir noch einmal den Berg unserer Unterkunft runter und wieder hoch laufen, wenn auch nur ein Stück, denn sonst gibt es nichts zu Essen. Der Muskelkater, den wir heute gewonnen haben, begleitet uns die nächsten drei Tage.

Wir freuen uns aber auf den neuen Tag. Heute gibt es ein besonderes Abenteuer: wir werden 6 Stunden mit der Eisenbahn fahren. Von Kandy nach Ella.
Die Eisenbahn in Sri Lanka ist noch eher vom alten Schlag und tuckert mit 30km/h durch die Landschaft. Die Strecke von Kandy nach Ella soll zu den schönsten der Welt gehören.

Wir hatten schon vor zwei Tagen versucht, Tickets zu buchen. Keine Chance. Wir können höchstens unser Glück am Tag selbst versuchen. Vielleicht bekommen wir dann noch welche vom schmalen Kontingent, hatte man uns gesagt. Und der Tag selbst ist heute. Unser Gastgeber gibt uns den Tipp, es eine Haltestelle vor Kandy zu versuchen. Da startet der Zug und es ist nicht so viel los. Das hatten wir in einem Reiseblog bereits gelesen und machen es also genauso.

Um 7 fährt uns ein Taxi in den 20 Minuten entfernten Ort, in dem es außer der Bahnstation auch nicht so viel zu geben scheint. Der Taxifahrer rät uns, unbedingt zum Reservierungsschalter zu gehen und es da zu probieren. Und tatsächlich; wir bekommen drei Tickets für die dritte Klasse mit Sitzplätzen. Nun versucht uns der Ticketverkäufer noch zu erklären, welchen der Züge wir nehmen müssen, denn die Durchsagen sind nur auf singhalesisch. Es gibt einen um Viertel vor neun. Der fährt von hier nach Kandy und kommt dann zurück. Er ist dann gegen Viertel nach neun wieder hier. Dann könnt Ihr einsteigen oder eben schon vorher. Es gibt auch noch einen um neun, der direkt nach Ella fährt. Auf jeden Fall Gleis 1.

An Gleis 1 sitzen noch ein paar andere Touristen. Auf dem Schild steht aber ‚to Colombo‘, also in die andere Richtung. Wir fragen einen anderen Mitarbeiter: Ihr müsst auf Gleis 2.
Wie ziehen um. Mit uns die anderen Touristen – mittlerweile werden es stetig mehr. Gegen Viertel vor neun setzt sich plötzlich der gesamte Touristentrupp in Bewegung. Irgendjemand hat gesagt, der Zug fahre von Gleis 3. Wir fragen mehrmals ‚to Ella‘? Ja, platform 3 to Ella.
Wir gehen also mit. Und es wird hektisch, denn der Zug soll gleich schon kommen. Gleis 3 ist nicht um die Ecke; man muss über einen Sandweg, eine alte Treppe hinauf und über eine Brücke. Vorsichtshalber zeige ich einem Einheimischen kurz vor Gleis 3 unser Ticket.
Nein, der fährt von Gleis 2. Und der müsste gleich von Kandy zurück kommen.

Wir machen kehrt. Nun wird es richtig hektisch. Mit unseren Koffern rennen wir den Bahnsteig zurück. Da kommt ein älterer Herr zu uns, schaut auf unser Ticket, bestätigt Gleis 2 und meint, wir hätten noch viel Zeit.
Aber der kommt doch um Viertel nach neun? – „Maybe“, sagt er und lächelt.
Tatsächlich kommt er so gegen kurz vor zehn. Aber unsere Reservierungen stimmen, wir finden glücklich unsere Plätze. Das war der erste hektische Moment unserer Reise bisher.

Und was dann kommt, ist jede Minute wert…

Sri Lanka 6 – Rauf auf den Berg


Unser Tag beginnt früh. Eigentlich sogar noch früher, weil die buddhistischen Gebete singenderweise bereits um 5 Uhr den Morgen einläuten und das dann etwa eine Stunde lang.

Heute soll es auf den Berg gehen. Den berühmten Sigiryia. Wobei… So ganz sicher sind wir noch nicht, denn es gibt einen Nachbarberg, der auch wunderschön sein soll, aber nicht so überlaufen. Da die Berge so nah beieinander liegen, können wir das noch spontan entscheiden. Ersteinmal Kaffee.

Unser Gastgeber hat uns freundlicherweise einen Kaffee gekocht, den wir – nachdem er sich kurz rumdreht – schnellstmöglich im Ausguss entsorgen. Bei aller Liebe, aber das war Schimmelwasser! Es geht also ohne Kaffee los. Unser Fahrer ist freundlich, sagt aber nicht so viel. Wir fragen ihn, welchen Berg er besser findet.
Wenn wir Religion und Kultur wollen, dann Sigiryia, denn der ist so eine Art Heiligtum, die Aussicht und die Höhe sind bei beiden allerdings gleich, sagt er uns. Und übrigens: Sigiryia kostet mehr als das 10fache.

Dann ist doch die Entscheidung schnell gefällt. Wir nehmen Pidurangala.

Auf dem Weg dahin kommt dann doch noch ein bisschen Butterfahrt. Der Fahrer hält an einem Kräutergarten. Wir stimmen eigentlich nur zu, weil wir auf die Toilette müssen, aber an den haarsträubenden Erklärungen des pummeligen und etwas kurzatmigen „Kräuterkundlers“ kommen wir nicht vorbei. Er läuft durch den Garten, zeigt uns Kräuter, die es auch bei uns gibt und beschreibt deren regelrecht magische Wirkung. Eigentlich dürfte kein Mensch mehr alt werden, dick sein, Potenzprobleme haben, unter Migräne leiden, Cellulite bekommen oder krank werden. Wir fragen uns nur, warum er dann offensichtlich nicht selbst seine Wunderelixiere nimmt.

Und dann kommt der Moment: er mischt zwei Öle in seinen Patschehänden und fragt, wer sie mal testen möchte. Freiwillige vor. Wie im Film gehen meine zwei Mitreisenden einen Schritt zurück, ich stehe vorn und habe auch schon Bruchteile von Sekunden später seine Finger im Gesicht. Und er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Er reibt und knetet und verteilt. Bis ich irgendwann zurückweichen muss, auch auf die Gefahr hin, unhöflich zu sein. Zu viel der fremden Hände in meinem Gesicht und das Zeug riecht komisch.
Er merkt dann auch schnell, dass wir nicht zu seinem Klientel gehören und entlässt uns, ohne dass wir mit ihm in den Shop gehen müssen. Auf die Toilette dürfen wir trotzdem.

Es ist heiß, wir sind ausgerüstet mit Wasser, Sonnencreme und Turnschuhen. Alles für den Berg. Trotzdem müssen wir Klamotten kaufen, sagt der Fahrer. Vor dem Berg durchläuft man eine Tempelstätte – Arme und Beine müssen also bedeckt sein. Na toll. Er steuert irgendeinen Laden an, der heute offen hat, denn zufällig ist auch noch ein Feiertag.

In dem Laden haben wir die Wahl zwischen hässlichen Kitteln und noch hässlicheren Kleidern. Wir entscheiden uns für zwei echte Schönheiten, die zum Glück aber umgerechnet zusammen nur 4€ kosten. Der Fahrer lacht: das tragen die Frauen in Sri Lanka ausschließlich zu Hause. Nun, ich werde damit durch einen Tempel laufen.

Und dann sind wir endlich da. Pünktlich zur Mittagshitze beginnen wir mit dem Aufstieg. Ich stilecht im Kittel. Zum Glück muss ich den nur auf der Anlage tragen und kann mich danach davon befreien. Am Tempeleingang kann man übrigens kostenlos Tücher leihen, um Arme und Beine zu bedecken.

Es ist zwar heiß, aber wir laufen unter Bäumen, die am Berg entlangwachsen. Stetig geht es bergauf, die Aussicht wird schöner, wir steigen höher. Dann kommt das letzte Stück. Keine Stufen mehr, die uns nach oben führen. Wir müssen durch ein Nadelöhr von Felsen klettern. Die Rucksäcke müssen wir absetzen und vorschieben, weil die Passagen zu eng sind.
Man hilft sich gegenseitig. Die Sri Lankaner haben den Feiertag genutzt und sind inklusive Kleinkinder auf den Berg geklettert. Wir helfen ihnen herunter, sie helfen uns hinauf. Wir halten Babies, während die Mütter sich durch die Felsen quetschen, und reichen sie hinterher.

Dann sind wir endlich oben. Und werden für den Aufstieg belohnt. Der Ausblick ist so atemberaubend, dass man den Moment kurz einfangen möchte. Wir schauen direkt auf den Sigiryia und sehen, wie sich die Leute dort dicht gedrängt die Stufen in sengender Hitze hochschieben und haben das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.

Wir atmen die Weite ein. Für einen kleinen Augenblick fühlt es sich an, als könnten wir fliegen.

Sri Lanka 5 – Hoch hinaus


„Sweetie“ ist ein guter Fahrer. In den vier Stunden bis Kandy erklärt er uns immer wieder, was wir so sehen, zeigt uns einen Baum, in dessen Krone hunderte von Flughunden hängen und weicht geschickt sämtlichen Bussen und Tuk Tuks aus, die zufällig gerade auf unserer Spur fahren oder die ihm beim Überholen entgegenkommen.

Ein kleines Missverständnis ergab sich noch am Morgen mit Ranga. Er meinte, dass uns der Fahrer bestimmt in den Blumenladen bringen würde, aber da könnten wir ja kurz rein und abgehakt wäre die Sache. Naja, wir wissen zwar nicht, was wir in einem Blumenladen sollen, aber wenn es für den Fahrer wichtig ist… Aber Blumen kaufen wir bestimmt nicht. Was sollen wir denn damit?

Kurz vor Abfahrt haken wir nochmal nach: Blumenladen? – Ja, Blumenladen. Das ist schön, da könnt Ihr rumlaufen.
Da fällt es meiner Reisebegleitung wie Schuppen von den Augen: Blumen Garden???
– Ja, ja, sag ich ja. Der ist sehr bekannt.
Ach, der botanische Garten? – Ja, ja. Der ist wirklich sehr schön!

Nun, wir sind etwas erleichtert, dass wir nicht aus Höflichkeit Blumen kaufen müssen. Wirklich keine praktische Gepäckbeilage. Aber in den botanischen Garten wollen wir auch nicht. Das Land zeigt so fantastische Vegetation, dass man sich kaum satt sehen kann, da brauchen wir keine künstlichen Anlagen.

Also, direkt nach Kandy.
Dort angekommen, geht es hoch und höher. „Sweetie“ schlängelt den Van durch kleine Straßen, die immer höher den Hügel hinaufklettern. Unsere 7€-Unterkunft lässt wohl weit blicken. Und so ist es.
Gefühlt am höchsten Punkt liegt das großzügige Haus mit Blick auf die gesamte Stadt. Wir sind begeistert!

Der Besitzer empfängt uns wieder einmal mit viel Herzlichkeit und gibt uns, begleitet von stetem Kopfwackeln, Tipps für gute Restaurants.

Wir machen uns auf in die Stadt. Runter vom Berg wird ja wohl noch gehen, vielleicht gibt’s auf dem Rückweg dann ein Tuk Tuk.

Kandy ist laut! Und hektisch und voll. So ziemlich das Gegenteil vom beschaulichen Strandabschnitt, an dem wir die letzten zwei Tage verbracht haben. Überall gehen die Menschen ihrem Alltag nach. Preisen Waren an, kaufen ein, kommen von der Arbeit. Es fällt auf, dass man außer uns nur wenige Europäer sieht. Auswirkungen von Corona?

Wir finden eines der empfohlenen Restaurants und retten uns hinein. Weg von den Massen, weg von der Hektik und Lautstärke. Das Stresslevel, das morgens noch bei 0 lag, senkt sich gerade von 90 auf ca. 80.
Aber zumindest essen wir wirklich gut. Dosas. So eine Art frittierter Teig mit Füllungen nach Wahl und verschiedenen Dips, wie Kichererbsencurry und Linsen-Curry. Total gut, aber auch total sättigend.

Wir beschließen, erstmal ein paar Meter zu laufen, aber in jedem Fall den Weg Richtung Unterkunft anzutreten. Genug der Hektik. Tatsächlich laufen wir den gesamten Berg hoch. Schweißgebadet, aber auch ein bisschen stolz waschen wir uns den Staub der Stadt ab.

Wir lassen den Tag sacken mit Blick auf die hektische Stadt. Da fliegen ein paar Flughunde an uns vorbei. Batman live, auch spannend.

Für morgen früh hat uns der Besitzer schon einen Fahrer organisiert. Denn wir wollen noch weiter hinauf. Schweiß und Muskelkater werden nicht ausbleiben…