Norwegen Tag 1 – Teil 2


   
Ich war also endlich in Tromsø. 

Jetzt habe ich viel Zeit! Natürlich ist aber diesmal mein Koffer einer der ersten, die aufs Band fallen. Na gut. Er ist zumindest wirklich mitgekommen. 

In Tromsø soll ich den Bus-Transfer zum Hafen nehmen. Dafür habe ich einen Voucher. Flybussen heißt der Bus. 

Ich schaue in den Unterlagen nach: ‚es ist der offizielle Flughafentransfer‘. 

Alles klar. Ich verlasse das Flughafengebäude und da steht auch schon ‚Flybussen Haltestop‘ (oder sowas ähnliches auf Norwegisch). Ich warte. Und warte. Dann kommt nach Ca 15 Minuten ein Bus, auf dem Flybussen steht. Prima. 

Ich zeige dem Busfahrer meinen Voucher und er entschuldigt sich. Er könne mich nicht mitnehmen. Das sei eine andere Gesellschaft. 

???

Aha. Und wo fährt dann der richtige Bus ab? „Irgendwo da hinten“, zeigt er. 

Ich laufe also mit meinem Gepäck nach irgendwo da hinten. Da ist aber nur eine verlassene Tankstelle und ein halb voller Parkplatz. 

Ein älterer Herr spricht mich an, ob ich Hilfe bräuchte. Ich erkläre ihm meine Bussuche.

„Nein“, sagt er. „Das ist nicht hier sondern da vorn, wo der Bus steht. Dann kommt bestimmt gleich der Richtige. Von einer anderen Gesellschaft.“

Ich gehe also von irgendwo da hinten zurück nach da vorn. Und vorsichtshalber frage ich mal im Flughafengebäude jemanden, der offiziell aussieht. Der fragt einen Kollegen. Der fragt dann einen Kollegen. 

Also, die Busgesellschaft habe gewechselt, und die alte – die auf meinem Voucher – hat die Haltestelle irgendwo da unten. 

Aha. 

Ich gehe also raus, um mich auf den Weg nach irgendwo da unten zu machen, da begegne ich wieder dem Busfahrer von vorhin. „Ok. Kannst mitfahren“, sagt er. „Mein Bus ist eh nicht voll.“ 

Na, geht doch. Und als wir vom Flughafen die Straße hinab fahren, frage ich mich wirklich, wo da eine Haltestelle irgendwo da unten hätte sein sollen. 
Ich komme also endlich am Hafen an. Es ist etwa halb fünf nachmittags, und das Schiff, auf dem ich mitfahren soll, kommt gegen halb zwölf nachts.

Zunächst sitze ich noch ein bisschen in der Sonne. Aber dann wird es ziemlich kühl und windig. Klar, ich bin quasi in der Arktis. 
Ich laufe ein paar Runden durch die Innenstadt, aber mit Koffer und schwerem Handgepäck macht das nur mäßig Spaß. Das, was ich von Tromsø sehe, ist allerdings sehr hübsch. 

Trotzdem; mir ist kalt, ich bin müde und ich habe Hunger! Schließlich gab es auf keinem der drei Flüge auch nur einen Cracker und Zeit zwischendurch blieb mir ja nicht. 

Die norwegischen Preise auf den Speisekarten sind angsteinflößend. 

Das hilft aber jetzt alles nichts. Ich suche mir einen Pub direkt am Hafen, bestelle mir eine kleine Pizza und ein Bier. Das teuerste Bier, das ich je hatte. Schmeckt nicht mal besonders gut. Doch ich habe es mir verdient!
Was macht man nun fast fünf Stunden in einem Pub? Nein, in diesem Fall ist Trinken keine Antwort. Erstens ist es zu teuer, zweitens bin ich auf Dienstreise. Ein Bier zum Essen ist ok, aber mehr lässt mein Pflichtgefühl nicht zu. 

Die anderen Gäste sind eher älter und die zwei Jungs, die dort noch sitzen, sehen ungewaschen aus und müffeln. 

Zum Glück gibt es WLAN. 

Warum habe ich eigentlich kein Buch mitgenommen? Achja. Weil mein Handgepäck schon tausend Kilo wiegt. 

Meine erste offizielle Amtshandlung im Sinne der Dienstreise wird der Besuch eines Mitternachtskonzertes sein um anschließend Interviews dazu zu führen. Ich hoffe aufrichtig, dass ich nicht währenddessen einschlafe. 
Die Leute kommen und gehen. Der Pub füllt sich. Gegen halb elf beginnt Livemusik, und ich bin mittlerweile wirklich müde. 

Es ist kurz nach elf. Nicht mehr lang. 

Ich schaue aus dem Fenster und da ist sie: die Nacht, die nicht dunkel wird.

Es ist so wie ganz früh am Morgen draußen. Vielleicht wäre es noch heller, wenn der Himmel nicht wolkenverhangen wäre. 
Um viertel nach elf verlasse ich den Pub. Draußen steht schon der Bus, der uns zum Mitternachtskonzert bringen soll. Ich erbitte mir verfrühten Einlass, weil es wirklich kühl ist. Der Busfahrer spricht zwar nur norwegisch, aber er lässt mich einsteigen. Mit norwegischen Busfahrern kann ich ja jetzt ganz gut. 

Pünktlich um viertel vor zwölf läuft das Schiff ein, die anderen Gäste sitzen im Bus und los geht’s. 
Meine Angst, dass ich einschlafen könnte, war unbegründet. Das Konzert in der Eismeerkathedrale ist bezaubernd. Norwegische Flöten-Klänge und Gesang in einer kleinen Kirche mit toller Akustik. Das helle Licht der Mitternachtssonne fällt durch die bunten Glasscheiben. 

Und willige Gesprächspartner habe ich nach dem Konzert auch noch. 
Als wir rauskommen, haben sich doch noch ein paar Wolken verzogen. Es ist taghell. Fühlt sich völlig verrückt an. Hinter der Hügelkette liegt ein leichter orange-roter Schimmer. 
2 Uhr morgens. Endlich an Bord und endlich im Bett. Ich brauche nicht lange zum Einschlafen. Zum einen bin ich todmüde, zum anderen wiegt mich das Schiff sanft in den Schlaf. Was für ein Tag. 
 

Advertisements

Ein Tag mehr in Salta


Argentinien ist immer für eine Überraschung gut, bzw war die Überraschung in diesem Fall nicht ganz so groß, weil sie schon im
Vorhinein angekündigt wurde: Generalstreik im ganzen Land.
Nichts geht mehr. Keine Busse, Züge, Taxen, Flüge, selbst die Mehrzahl der Geschäfte bleibt geschlossen (zumindest in Salta).

Dementsprechend ist auch mein Flug gestrichen.
Ich mache mich also schon morgens auf den Weg ins Büro der Fluggesellschaft und lasse mein Ticket auf den nächsten Tag umschreiben.
Ein Tag mehr in Salta also.

Da nichts fährt, muss ich zwangsläufig in der Stadt bleiben. Da das Wetter leider nicht besonders toll ist, macht das Rumlaufen auch nur bedingt Spaß.
Also besuche ich ein Museum.
Das ‚Museo de Arqueología de Alta Montaña‘.

In ganz Argentinien gibt es immer mindestens zwei Preise. Einen für Einheimische, einen für Ausländer, und der ist immer wesentlich höher.
An der Kasse werde ich also gefragt, wo ich her komme (es gibt blonde Argentinier, also…). Ich antworte wahrheitsgemäß. Die Dame fragt weiter, ob ich dann vielleicht einen Studentenausweis habe.
Nein, habe ich auch nicht.
‚Aber Du sprichst sehr gut Spanisch. Ich berechne Dir den Preis für Einheimische.‘
Man kann sich vorstellen, wie mich das gefreut hat.

Und das Museum ist wirklich interessant. Es erzählt viel über die Geschichte und das Leben der Inka, die auch hier im Norden Argentiniens ansässig waren. Noch immer leben hier ihre Nachfahren.

1999 wurden auf dem Berg Llullaillaco in 6700 Metern Höhe bei Ausgrabungen drei Kinder gefunden. Eingegraben in der Erde. Sie wurden bei einer feierlichen Zeremonie geopfert, zusammen mit vielen detaillegetreuen Grabbeigaben. Die Kälte und sauerstoffarme Luft des Berges haben sie perfekt konserviert. In dem Museum werden die Grabbeigaben, sowie eines der Kinder, aber eben auch Materialien, die die Inka benutzen, und andere interessante Dinge gezeigt. Klein, aber einen Besuch wert.

Nachdem ich das Museum gesehen habe, fehlt mir noch die Kirche. Die Kirchturmuhr beschallt die Innenstadt alle fünfzehn Minuten mit einer Melodie, und noch mehr Musik erwartet mich innen.
Ein Orchester probt gerade, und ich komme in den Genuss eines hübschen Stückes für Streicher und Oboe, keine Ahnung welches Komponisten.

Ich streife noch ein wenig über den zitrusbaumgesäumten Platz und genieße den restlichen Tag mit dem Duft von Orangen in der Nase.
Gar nicht so schlecht, wenn alles streikt in Argentinien.

20140411-130119.jpg

20140411-130145.jpg

Etwas leiser bitte!


Das Viertel, in dem ich wohne, ist laut. Keine Frage. Es ist eine typische Ausgehgegend und nachts, vor allem Freitags und Samstags, ist hier die Hölle los.
Komischerweise stört mich das nicht so. Ich schließe das Fenster und fertig.

Letzte Nacht bzw. heute Morgen hätte ich allerdings am liebsten einen Lautstärkeregler für meine Umwelt gehabt.
Mittwochnacht. Eigentlich nicht ganz so laut. Aber…
…um zwei Uhr Morgens finden sich offenbar Betrunkene auf der Straße vorm Haus ein, um das ein oder andere Ständchen vor sich hin zu gröhlen. Die Gesangsleistungen sind wirklich beeindruckend, und mein Schlaf hat sich verstört in eine Ecke verzogen.
…um vier Uhr morgens fährt irgendeine Art LKW durch die kleine Straße, so daß mein Bett regelrecht bebt.
…um sechs Uhr morgens fühlt sich das Familienhündchen durch irgendwen gestört und bellt, daß die Wände wackeln.
…um acht Uhr morgens veranstalten ALLE Autos, die sich in der Straße vorm Haus befinden, ein Hupkonzert von etwa fünf Minuten. Vielleicht waren es auch alle Autos von Buenos Aires.

Also Freunde, ganz ehrlich: meine Siesta fällt heute wohl etwas länger aus!

Und dann war plötzlich Beethoven


Eine wichtige Touristenattraktion fehlte mir noch. Eines der ersten Gebäude, die viele ansteuern, blieb bisher von mir unbesichtigt.
Das Teatro Colón.
Berühmt für seine schöne Ausstattung, Architektur und vor allem Akustik.

Also mache ich mich auf den Weg und schließe mich einer der (gar nicht mal so günstigen) Führungen an. Selbstverständlich auf Spanisch.
Die Geschichte des Gebäudes, die Bedeutung, die das Theater Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hatte (hauptsächlich sehen und gesehen werden), und die Erklärungen zur Ausstattung sind wirklich interessant. Und der Saal, der sich sieben Etagen in die Höhe erstreckt, ist zwar kleiner als erwartet, aber wunderschön.
Trotzdem fehlt nach fünfzig Minuten Führung das Entscheidende: eine Klangprobe.

Mir wird klar, daß ich für das Geld der Führung auch eine Eintrittskarte hätte kaufen können, um mir etwas anzuschauen bzw. anzuhören. Sogar zwei. Denn die billigsten Plätze sind zwar ganz oben, aber aufgrund der guten Akustik qualitativ fast genauso wie die extrem teuren Plätze in der ersten Reihe (natürlich müssen die Augen noch dementsprechend mitspielen).

Und die Sache eilt. Denn am selben Tag feiert eine Verdi Oper Premiere, die aber nur fünfmal aufgeführt wird. Dann kommt Mitte Dezember Schwanensee, und dann geht der Spielplan erst im April weiter.

Am Folgetag beschließe ich also den Gang zum Ticketschalter. Um fünf Minuten vor fünf am Nachmittag stelle ich mich in die Schlange, um eine Karte für den Abend zu kaufen, da kommt ein Mitarbeiter des Theaters vorbei.

„Noch jemand für das Konzert um fünf?“ fragt er.
„Welches Konzert?“
„Jetzt um fünf gibt es ein Konzert im Theater. Gratis. Ich habe noch eine Karte.“

Und zack, rannte ich mit meinem frisch ergatterten Ticket in die sechste Etage des Teatro Colón.
Genau um fünf sitze ich atemlos in – für mich – schwindelnder Höhe, da geht es auch schon los.

20131206-020614.jpg
Beethovens Zweite und Dritte. Ein Klavierkonzert, ein Riesenchor, wunderbare Solostimmen. Ich schließe die Augen und lasse die Töne durch den Raum bis zu mir nach oben kommen. Nichts geht verloren, dafür hört man auch, daß eine Violine manchmal etwas hinterher hinkt, und der ein oder andere Ton tatsächlich manchmal daneben liegt. Aber so leicht und so wenig, daß es kaum stört.
Und die Erklärung bekomme ich nach eineinhalb Stunden Konzert. Denn das war quasi die Abschlussprüfung für einige Orchestermitglieder, die bisher Musikstudenten der Universität waren. Da kann man den ein oder anderen Ton sicher der Aufregung zuschreiben.

Ich selbst kann mein Glück aber kaum fassen! Welch ein Zufall!
Beseelt fahre ich nach Hause.
Und Beethoven liegt sowieso viel leichter im Magen als Verdi.

20131206-020734.jpg