Im Rausch


Wir hatten uns vorgenommen an einem Tag die Stadt und am anderen Tag das Umland Hoi Ans zu erkunden. Naja. Manchmal bleiben Pläne auch einfach Pläne.

Nach einem einfachen, aber guten Frühstück – Baguette mit Omelette – gehen wir los. Alle sind verwundert, dass wir den ‚weiten‘ Weg zu Fuß bewältigen wollen. Wir könnten uns doch ein Taxi nehmen. Hier bewegt sich eben keiner ohne fahrbaren Untersatz, aber wir sind sicher, dass wir die 20 Minuten in die Altstadt auch diesmal schaffen.

Die Schwester unserer Gastgeberin hat eine der vielen Schneidereien des Ortes. Bi gibt uns ihre Adresse. Wir sollen doch einfach mal schauen.

Um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich nichts, was ich mir maßschneidern lassen möchte. Oder doch?

Hoi An ist voll mit Schneidereien, die einem jeden Modewunsch in Stoff verwirklichen. Ich bin trotzdem skeptisch, aber eine Sache fällt mir ein: ein Trachtenjanker passend zu meinem Dirndl. Ich hatte im vergangenen Jahr einen an, aber aufgrund des Preises nicht gekauft.

Bei Bis Schwester angekommen, suche ich ein Bild im Internet. Ich bin mir wirklich nicht sicher. Kriegen die sowas hin? Die Art Jacke haben sie auch noch nie gesehen, geschweige denn mein Dirndl, von dem ich ein Bild zeige, damit wir wegen einer passenden Farbe schauen können. Und dann beginnen die Verhandlungen. Sie startet mit 90 Dollar. Nein. Das ist mir zu viel für so ein Experiment. Vielleicht gefällt es mir gar nicht. Es geht hin und her. Wir suchen währenddessen nach passenden Stoffen, denn die bestimmen einen großen Teil des Preises. Schließlich werden wir uns einig: für 45 Dollar gehe ich das Wagnis ein.

Und schon geht es los; ich werde komplett vermessen, jeder Teil meines Oberkörpers. Die Mädels sind so flink mit dem Maßband, dass ich kaum mitkriege, wo sie gerade anlegen. Fertig. Morgen Mittag kann ich zur Anprobe kommen.

Ich bin sehr gespannt.

Den Rest des Tages lassen wir uns durch die hübschen Gassen treiben – und geraten in einen Rausch. Kaufrausch. Wir müssen unbedingt von dem vietnamesischen Kaffee haben, dessen Duft immer wieder durch die Straßen weht. Und die Lampions, die hier typisch sind und meist in Handarbeit hergestellt werden, natürlich auch. Und ein paar Bilder möchte ich für meine Wohnung haben.

Bei den Klamotten halte ich mich zurück, ich habe ja etwas, auf das ich mich hoffentlich freuen kann, aber ich bin ja nicht allein unterwegs. Und so sind wir gefühlt in jedem der kleinen Läden, die alle ähnliche Kleidungen anbieten. Auch die Stoffe wiederholen sich.

In einem Laden hat die Besitzerin einen kleinen Sohn. ‚Win‘ ist sechs. Er weist mich darauf hin, dass ich mir doch ein Shirt mit Bananendruck kaufen könnte – ein Muster, das bei vielen Touristen wohl gut ankommt. Nein, sage ich, keine Bananen. ‚Magst Du keine Bananen? Nicht schlimm. Dann nimm doch Melonen.‘ So einfach könnte es manchmal sein. Ich fliege trotzdem ohne Obst nach Hause.

Irgendwann ist man in dem tagsüber vor allem mit japanischen Touristen vollgestopften Ort ganz benebelt von Hitze, Staub, Enge und dem Gefühl von Stoffen an der Haut. Ich mag schon nichts mehr anfassen, weil mich die ewige Wiederholung und die Vorstellung, wie viele Hände das Kleidungsstück vor mir angefasst haben, regelrecht lähmt. Trotzdem schaffen wir es, zwei Tage damit zu verbringen. Das Umland haben wir erst auf der Fahrt zum nächsten Punkt erahnen können.

Aber erstmal habe ich eh noch eine Anprobe vor mir…

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