Tanten-Alarm


Mein letzter Hilfeschrei nach Sprachvermögen wurde offenbar erhört. Es geht schon seit einiger Zeit wieder erheblich besser mit dem Spanisch.
Manchmal denke ich tatsächlich, ich könnte mich ja auch mal wieder einer Auffrischung des Französischen widmen. Immerhin treffe ich oft Leute aus Frankreich, die auf der Durchreise sind. Das sollte ich mal irgendwann nutzen, um die paar Erinnerungen, die ich noch an die Sprache habe, hervorzuholen.

Trotzdem es mit dem Spanisch soweit ganz gut klappt, mußte ich gestern mal fliehen. Hier aus dem Haus.

Die Tante war zu Besuch. Und die Tante spricht nicht nur schneller als alle anderen zusammen, sie spricht auch ununterbrochen. Und laut.
Und die zwei Male, die sie mich angesprochen hat, hab ich sie wirklich nicht verstanden.
Zwischendurch flüstert mir der Hausherr in der Küche zu: „Nun, wenn die Tante einmal anfängt, dann redet sie sehr viel.“

Gestern wars mir dann einfach zu viel. Die permanente Tanten-Beschallung hat mich schon etwas früher aus dem Haus getrieben, als ich eigentlich geplant hatte. Und ich hatte fast das Gefühl, daß es den ein oder anderen gab, der am liebsten mitgegangen wäre…

Ab und zu brauchen Kopf und Ohren eben einfach ihre Pause.

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Gewitter?! Woooo?


Plötzliches Losregnen ist ja hier nichts Neues. Von einem heißen, schwülen Tag bis zum Gewitter ist der Weg nicht weit.
Das, was jetzt schon seit Stunden passiert, ist aber für mich neu.

Es ist das lauteste Gewitter der Welt!

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so lauten Donner gehört. Seit vier Uhr morgens etwa zieht das Grollen über die Stadt, entfernt sich kurz und kommt dann wieder.
Wie oft ich kurz in einen Schlaf verfallen und dann beinahe vor Schreck aus dem Bett gefallen wäre, weiß ich nicht.
Es ist, als fände ein Himmelskrieg über Buenos Aires statt. Als würden Riesen dicht über den Häusern ganze Berge gegeneinander schlagen.

Auch der Regen prasselt auf die Dächer und Straßen, als sei es das letzte Mal, daß es in diesem Jahrtausend überhaupt regnet.

Eigentlich mag ich Gewitter. Eigentlich finde ich es gemütlich, dem Regen zuzuhören und im Trockenen zu sitzen, während es draußen grollt.

Dieses Gewitter hat mir aber eindeutig zu schlechte Laune!

Dann bitte doch lieber die altbekannte, aber launige Gewitteroma:

Fernsehen? Na klar!


Ich gehe zum Bäcker. Ich bin ganz verrückt nach Chipa! Das sind kleine Brötchenbällchen mit einem Hauch von Käse.
Hier gehe ich auch komplett ungeschminkt auf die Straße, ohne Mascara und Co. In Deutschland wäre ich mir da eher nackt vorgekommen, hier ist es mir meistens egal.
In der Bäckerei bedient mich ein Mädchen mit einer Stimme, die noch kleiner ist, als sie selbst.
Ungewöhnlich. Normalerweise sprechen die Argentinierinnen seeeeehr laut. Man hat eigentlich ständig das Gefühl angeschrien zu werden.

Sie piepst mir die Preise vor (mittlerweile verstehe ich auch Piepsstimmen, yeah!), und als ich meinen Einkauf beendet habe, fragt sie mich mit großen Augen, woher ich komme.
Aus Deutschland.
Und, arbeitest Du hier?
Nein, noch nicht. Aber ich würde gern.
Beim Fernsehen?
Äh, weiß nicht.
Naja, Du könntest doch beim Fernsehen arbeiten.
Ich werde mal drüber nachdenken. Danke.

Also, ich werde mal drüber nachdenken…
Aber erst esse ich meine Chipas.

Hörbuch


Meine Mitbewohnerin hat offenbar einen Freund.
Und dazu ist sie sehr argentinisch. Das heißt, laut und impulsiv.
Und die Wände in der Wohnung sind seeeehr dünn.

Also letzte Nacht:
Ich lag schon im Bett, als sie nach Hause kam. Sie ist Tangolehrerin und -Tänzerin.
Ca. 15 Minuten danach kam dann auch ihr Freund. Erstmal an. Später mehr.

Erst Kichern. Vielleicht sind sie noch nicht so lange zusammen… Und dann wird es lauter. Eine Diskussion.
Ich verstehe nicht alles. Aber ungefähr so: er hat mit irgendeinem Mädchen getanzt und es ihr nicht gesagt, aber sagt, er hätte es gesagt, hat er aber wohl doch nicht, und was ist überhaupt mit ihr und dem Typ, ach der, der war überhaupt nicht da, als sie da war, und so.
Es bleibt nicht beim Wortwechsel. Der Streit wird in das kleine Esszimmer/Wohnzimmer verlegt.
Er ist beleidigt, dann wird er eben jetzt gehen. Nein, er soll sich gefälligst hinsetzen. Nur, wenn sie sich endlich beruhigt!

Dann weint sie. Es wird still.
Dann wäre ich fast eingeschlafen. Aber nur fast. Denn dann war später…

Hört, hört!


Mirta hört schlecht. Deshalb hört sie Fernsehen eher, als daß sie Fern sieht.
Und sie hört gerne Fern. Es ist das erste was sie morgens macht und das letzte in der Nacht.

Mirta hört gerne in Stereo. Das heißt nicht etwa, daß sie Kopfhörer trägt. Nein, sie dreht den Fernseher im Wohnzimmer auf und den in ihrem Zimmer. Natürlich mit zwei unterschiedlichen Programmen!

Leider liegt mein Zimmer zwischen ihrem und dem Wohnzimmer. Quasi eine permanente Beschallung.

Ich hoffe, daß das spanische Gemurmel, das mich in den Schlaf begleitet und mich aufweckt, mir tief im Inneren beim Lernen hilft!

Bailando ODER Man, bin ich deutsch! ODER Ich muß mal!


Tanzstunde.
Nach einer Woche Lernen und Kopf rauchen, brauche ich physischen Ausgleich. Da reicht auch der Weg zur Schule jeden Morgen nicht. Also gehe ich mit einer anderen Deutschen, die hier wohnt, zu einer Tanzstunde. Was genau das wird, weiß ich noch nicht. Ist ja auch egal, Hauptsache ein bißchen Bewegung.

Außer uns sind noch zwei Mädels aus Argentinien da und die Lehrerin. Alle ungefähr 1,55m groß, zierlich, laut – sehr laut! – und gut gelaunt. Bevor man mit der Stunde anfängt, müssen erstmal die privaten Zustände erörtert werden… Ist die eine noch mit ihrem Freund zusammen, wohin will die andere umziehen, was gibt es Neues bei der Schwester der Dritten…

Und dann geht es los. Reaggaton nennt sich die Musik und Tanzart. Wie Reggae, nur viel schneller und härter. Und zwar sehr schnell. Es stellt sich heraus, daß die anderen Mädels bereits in den Wochen zuvor mit einer Choreographie begonnen haben. Da bin ich also erstmal raus. Aber ich kann ja bei den neuen Teilen einsteigen. Leichter gesagt als getan. Die Damen bewegen sich so schnell, schütteln Hüften und Popos und sehen dabei einfach nur gut aus. Ich fühle mich wahnsinnig deutsch.
Bei einem Tanzschritt versucht mir die Lehrerin was zu erklären. No entiendo! Also übersetzt die andere Deutsche für mich: ein bißchen so, als müßtest Du aufs Klo.
Aha. So sehe ich also beim Tanzen aus. Na, sehr freundlich!
Zum Glück ist die Stunde bald vorbei. Mir reicht’s! Das Missverständnis klärt sich leider erst danach auf. Nicht ich sehe so aus, als müsse ich aufs Klo, sondern die Beinhaltung bei dem Tanzschritt soll so aussehen.

Ich bin ein bißchen erleichtert. Beim nächsten Mal werde ich einfach vorher sehr viel trinken. Vielleicht klappt’s dann!