La Catedral


20131113-133253.jpgJa, ich besuche ‚La Catedral‘. Allerdings nicht an einem Sonntagmorgen sondern an einem Dienstagabend.

‚La Catedral‘ ist eine Milonga. Also ein Ort, an dem Tango getanzt wird, und diese Milonga scheint eine der bekanntesten zu sein.
Schließlich will ich endlich meine erste Tangostunde haben.

Von außen sieht das Gebäude nicht sehr sakral aus, mehr wie ein heruntergekommenes Fabrikgebäude. Also lieber reingehen.

Ich habe mich informiert. Um neun ist eine Stunde Gruppenunterricht für Anfänger. Etwa um zehn vor neun bin ich da.
Der Herr vorm Tanzsaal sitzt an seinem kleinen Tisch und schaut mich mürrisch an. Ich erkläre ihm freundlich, daß ich die Stunde um neun mitmachen möchte und noch nie Tango getanzt habe. Das ist ihm egal.
Die Stunde um neun ist jetzt die Stunde um zehn, sagt er mir. Welche ich also mitmachen will. Die um neun oder die um zehn?
Naja, die um neun. – Ja, aber die ist jetzt um zehn. Ob ich die, die jetzt anfängt, mitmachen will??
Das weiß ich nicht. Was ist denn das jetzt für eine Stunde? Ist das sinnvoll? (Ich hatte ihm ja gesagt, daß ich noch nie Tango getanzt habe. Ist ihm immer noch egal.)
Gemurmel. Ich solle mich doch jetzt bitte entscheiden, welche Stunde ich mitmachen will!
Ok, dann die, die jetzt um neun anfängt, die aber nicht die Stunde um neun ist, weil die um zehn anfängt.
Alles klar. Macht vierzig Pesos (etwa 4Euro). Ich gebe 100.
Wie genervt kann ein Mensch sein!? Ob ich es denn nicht kleiner habe? Er brauche Wechselgeld!
Kleiner habe ich nur 37 Pesos. Keine Gnade. So dringend will er das Wechselgeld dann auch nicht, daß er mir die drei Pesos erlässt, stattdessen gibt er mir, begleitet von weiterem Gemurmel, das ich zum Glück nicht verstehe, auf meine Hundert raus.

Endlich habe ich den bisher unfreundlichsten Menschen Argentiniens überstanden, da fängt die Stunde auch schon an. Etwa 25 Pärchen stehen auf der großen Tanzfläche, in der Mitte die Lehrer und drum herum Tische und Stühle, gefüllt mit Leuten, die zum Essen, Trinken und Schauen gekommen sind. Und, ein Glück, ich habe eine Anfängerstunde erwischt.

Wir lernen die ersten einfachen Schritte, und dann soll sich jeder einen Partner suchen. Mit sowas habe ich ja immer besonders viel Glück. Der einzige Typ, der offenbar ohne weibliche Begleitung gekommen ist, wird mir zugeteilt, hat Mundgeruch, ist klein, spricht nur Portugiesisch und kann noch weniger tanzen als ich.
Während die anderen Paare Fortschritte machen und wörtlich den Dreh raushaben, latscht er konsequent in die falsche Richtung und will auch erst glauben, daß der Schritt so nicht stimmt, als der Tanzlehrer ihn korrigiert.

Nach einer Stunde sind wir zwar immer noch das schlechteste Tanzpaar, aber wenigstens habe ich eine Ahnung davon, daß es durchaus Spaß machen kann (als der Tanzlehrer ihm den Schritt gezeigt hat, hat er kurz mit mir getanzt).

Der Portugiese lädt mich zu seinen portugiesischen Pärchenfreunden an den Tisch ein, an dem sie ausschließlich Portugiesisch sprechen, und er weiter Mundgeruch hat.
Und um halb elf fängt dann die Stunde an, die nicht die Stunde um neun ist, weil sie heute um zehn anfängt.

Ich komme bestimmt noch mal wieder.
Dann aber so gegen achtzehn Minuten vor oder nach zehn und einer Tasche voll Pfefferminzbonbons.

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Tango bei Nacht


imageEine interessante Nacht. Mit einem Zettel bewaffnet, auf dem meine eigene Adresse und die meines Zielortes steht, zusätzlich die Busnummer und die Haltestellen, habe ich mich gestern auf den Weg gemacht. Bus fahren ist so eine Sache. Es gibt viele Busse, und bisher waren sie alle voll, aber das Rätsel um die Haltestellen ist für mich noch nicht ganz gelöst. In nur wenigen Fällen gibt es irgendwo einen Unterstand, sondern meistens eher eine Art Laternenmast, an dem irgendeine Nummer steht. Für den Kenner und das aufmerksame Auge sichtbar.

Die meisten Strassen, bis auf einige große, sind Einbahnstraßen. Wenn man also weiß, wo man ungefähr einsteigen muß, fährt man zumindest automatisch in die richtige Richtung.  Aber aussteigen ist wieder eine Sache für sich, denn die Stationen richten sich nach den Straßenkreuzungen. Man muß also grob wissen, welche Straße als nächstes kommt. Oder man schreibt sich, so wie ich, einen Satz auf Spanisch auf, um den Busfahrer zu bitten, einem Bescheid zu sagen, wenn man da ist. Das sorgt für Amüsement beim Busfahrer und Aussteigen an der richtigen Haltestelle.

Und dann bin ich ihm zum ersten Mal begegnet: dem TANGO!

Kurz nach Mitternacht in einer Seitenstraße, hinter einer Tür, an der man im Normalfall vorbeigehen würde (ähnlich wie die coolen Berliner In-Bars, von denen man wissen muß, daß sie existieren und wo). Die erste ‚Milonga‘, die ich von innen gesehen habe.

Man stelle sich einen mittelgroßen Ballettsaal vor, ohne Flügel, mit Bar und an den Wänden kleine Holztische und Stühle. Und mittendrin Pärchen zwischen 30 und 40, die langsam vor sich hin schwofen, wie bei einem 5-Uhr-Tanz-Tee. Gegen halb eins nachts. Ich hatte mir Tango generell etwas leidenschaftlicher vorgestellt, aber man hat mir gesagt, daß hier überwiegend geübt wird. Nur der Anfang also.

Und dann kam sie doch noch, die Leidenschaft, das Temperament. Wenn einer die Freundin eines anderen zum Tänzen auffordert und sie dann noch zur Bar begleitet und unangebracht berührt, dann rutscht offenbar schon mal eine Hand aus. Und trifft den Kopf des Nebenbuhlers. Einer Schlägerei wurde durch gutes Zureden Einhalt geboten. Die Musik verstummt, die Türen schließen sich und jeder geht seiner Wege.

Bis zur nächsten Milonga, in einer anderen Nacht…