Guten Morgen


Not macht erfinderisch, und siehe da: wenn man sich ein nasses Handtuch über das Laken legt und den Ventilator nachts anlässt, kann man trotz der Hitze ganz gut schlafen. Dazu hat es ein paar Tropfen geregnet letzte Nacht, so daß es heute wahrscheinlich nur 32 und nicht 40 Grad werden.

Gleich heute Morgen gab es einen kurzen Stromausfall. Nur zehn Minuten. Nichts, was man nicht verschmerzen könnte, vor allem, wenn man bedenkt, daß hier viele Menschen mehrere Tage, sogar Wochen, ohne Strom waren im letzten Monat.
Offenbar kommen die Stromfirmen da manchmal einfach nicht hinterher, wenn Kühlschränke, Ventilatoren und Klimaanlagen laufen.
Und man stelle sich zwei Wochen ohne all das bei 40 Grad vor. Nichts, was man unbedingt erleben möchte, denke ich.

Nachdem ich also meine Erschöpfung des gestrigen Tages weggeschlagen habe, stelle ich fest, daß sich hier nichts verändert hat. Die Katze schläft, wie immer, auf dem Tisch, das Hündchen erwartet jeden freudig, der morgens aufsteht, sogar mein Kräutergarten hat überlebt und wächst und gedeiht.

Aber es riecht anders. Nach richtigem Sommer. Irgendwie nach Urlaub…

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Das war Woche Nr. 2


Jetzt bin ich schon zwei Wochen hier. Oder erst? Ich weiß selbst nicht so genau. Aber ich weiß, daß mir die Zeit hier nicht langweilig wird.
Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken. Jeden Morgen auf dem Schulweg sehe ich etwas, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war. Jeden Nachmittag, wenn ich durch die Straßen spaziere, entdecke ich Parks, besondere Geschäfte, bezaubernde Ecken, einladende Gerüche und unbekannte Geräusche. Die Stadt erscheint mir unendlich. Vielleicht weil ich ERST zwei Wochen hier bin. Vielleicht aber auch, weil ich SCHON zwei Wochen hier bin, und meine Augen und Ohren sich mehr und mehr öffnen für das, was um mich ist.
Jede Straße hat ein gewisses eigenes Flair. Hinter der nächsten Ecke kann sich der schönste Platz offenbaren oder der dreckigste Hinterhof.

Bisher habe ich mich auf meine Schule konzentriert, aber morgen ist mein letzter Schultag. Vorerst. Es wird Zeit, daß ich ein bißchen einen auf Tourist mache und mir die Dinge anschaue, die mein Reiseführer empfiehlt. Auch das gehört dazu.

Und dann muß ich auf Wohnungssuche gehen, denn meine Zeit bei Mirta neigt sich dem Ende entgegen (auch, wenn sie mich heute als ihre Adoptivtochter bezeichnet hat).
Und auf Jobjagd.

Ich bin mir sicher, ich bin ERST zwei Wochen hier. Das war erst der Anfang!

Der frühe Vogel


Meine Schule beginnt diese Woche etwas früher. Weil der Montag frei war, wird der fehlende Tag durch eine Stunde mehr Unterricht täglich ersetzt.
Ich gehe immer noch zu Fuß zur Schule. Mittlerweile ist es schon morgens ziemlich warm, und mich zur Stoßzeit in einen überfüllten Bus zu quetschen, erscheint mir nicht sehr erfreulich.

Wenn ich zur Schule gehe, sind die meisten Geschäfte noch geschlossen. Nur die Kioske, die es hier an jeder Ecke gibt, und in denen man quasi alles bekommt, was man im Notfall braucht, sind schon offen. Und einige der ‚panaderías‘ – Bäckereien, die mit einem Angebot an Torten und Gebäck aufwarten, wie es sich Naschkatzen nur erträumen können.

Die Stadt erwacht.

Buenos Aires ist laut. Der anscheinend nie enden wollende Verkehr, die Straßen voll mit Menschen.
Buenos Aires ist sehr laut.
Und dreckig. Besonders am frühen Morgen fällt auf, wie viel vom vergangenen Tag liegen geblieben ist. Müll türmt sich überall am Straßenrand, Gerüche kriechen aus überquellenden Tonnen, und jeder kehrt vor seiner eigenen Tür. Die Bürgersteige werden gefegt, Türschilder poliert, die Eingangsstufen geschrubbt, die letzten Penner der Nacht beiseite geschoben, sogar die Mülltonnen selbst werden vom gröbsten Schmutz befreit. Das heißt nicht, daß es danach sauber ist. Nur für den Moment nicht mehr ganz so dreckig.

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Und dann passiert es: die Ampeln schalten auf rot, die Autos müssen sich einen Moment gedulden und schweigen, es wird unerwartet still, die Vögel singen ihre bezaubernden Melodien, die Sonne wirft die Schatten der Bäume auf die Straße, und die Tür einer panadería öffnet sich und verströmt den Duft von frischgebackenen Croissants.

Buenos Aires. Du laute, dreckige, charmante, schöne, magische Stadt!

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