Wilde Nacht


Dass unsere Nacht ruhig und friedlich würde, haben wir nicht erwartet. Wenn man ein Hotel in der lautesten Straße Saigons hat, ist die Vorstellung von ungestörtem Schlaf absurd. Aber wir haben ja unsere Oropax.

Der arme Junge, der den Laden schmeißt allerdings, scheint sein Leben an der Rezeption zu verbringen – und das bedeutet nicht, eine bequeme Theke in einer großen Eingangshalle. Wenn man das Hotel betritt, steht man mittendrin – in seinem Wohnzimmer, Schlafzimmer und Büro. Der winzige Raum mit Sofa und kleinem Schreibtisch ist alles.

So hatte er uns auch vorher gesagt, dass wir klingeln müssten, wenn wir nach Mitternacht zurück kämen. „Oh“, sage ich, „dann holen wir Dich von irgendwoher aus dem Bett?“ „Ich schlafe hier!“, antwortet er und zeigt auf das Sofa direkt neben der Tür. Er schläft also auf einer kleinen Couch neben der lautesten Straße Saigons und wird regelmäßig von feiernden und nicht feiernden Gästen aus dem Schlaf geklingelt. Ungefähr genauso sieht er auch aus. Ringe unter den Augen, verstrahlter Blick. Allerdings könnte da auch noch die ein oder andere Substanz involviert sein. Jedenfalls versteht auch er fast nichts. Er will uns aber mitteilen, dass er 23 und Single ist. Na, dann. Nicht interessiert, danke.

Gleich bei Ankunft hatten wir gesagt, dass wir sein Angebot des Airport-Shuttles in Anspruch nehmen wollen. Sonntagmorgen um 6 Uhr. Er macht große Augen, nickt aber. Ein bisschen seltsam ist er schon.

Wir fallen wirklich müde ins Bett. Von Matratze kann keine Rede sein. Es ist eher ein Holzbett mit einer bezogenen Wolldecke als Unterlage. Naja, hart schlafen soll ja gut für den Rücken sein.

Ich presse mich in meine Sleeping Bag, stöpsele mir die Oropax ein und versuche es mit ein bisschen Schlaf. So richtig gelingt es mir nicht. Ich denke an meine Wolkenmatratze zu Hause, aber die Erinnerung macht es nicht besser. Es ist eine Nacht mit eher so einer Art Sekundenschlaf.

Um halb sechs auf einmal hämmert es gegen unsere Tür. Erst denke ich, dass ich mich geirrt habe, oder dass es eines der vielen Geräusche von draußen ist, dass lediglich lauter ist. Aber nein: es hämmert wieder. Ich fahre hoch vor Schreck. Oh nein, denke ich. Jetzt hat der arme Kerl das falsch verstanden und dachte, dass wir heute schon zum Flughafen wollen. Dabei haben wir doch schon für zwei Nächte bezahlt. Aus der Sleeping Bag komme ich nicht schnell genug raus. Ich spiele also Sackhüpfen bis zur Tür. Mit den Ohrstöpseln in der Hand öffne ich. Da steht der Kerl, verpeilter, gequälter Blick. Ich presche gleich vor: ‚no, no. Tomorrow. Tomorrow 6 o‘clock Airport.‘ Ich habe festgestellt, dass ich bei Menschen, die kaum Englisch sprechen, sofort in ein astreines Pidgin English verfalle, was mir im Nachhinein immer etwas peinlich ist.

Wie auch immer – er druckst nur rum, sagt erstmal nichts. Und dann sagt er: ‚silence please‘. Ich traue meinen Ohren nicht. Wie bitte? Ja, wir sollen leise sein, wir seien so laut. Ernsthaft??? Hat er uns atmen hören? Er wohnt, schläft und arbeitet an der lautesten Straße Saigons und meint, dass wir seinen Schlaf stören?

Ich zeige auf meine Sleeping Bag und die Ohrstöpsel und sage ‚no, no. Not loud. Sleeping. No talking. Nothing.‘ und mache die Tür zu.

Ein bisschen erwacht im Nachhinein der Gedanke, dass der 23jährige Single einfach mal sein Glück bei den zwei deutschen Mädels versuchen wollte. Aber das bleibt natürlich Spekulation.

Am Folgetag hält er uns sein Handy hin. Per Google Translater hat er eine Entschuldigung aufgeschrieben, die irgendwas mit einer schreienden Frau zu tun hat, die erst ausgecheckt habe und dann wieder reingerannt kam. Er sei nur besorgt gewesen. Wer weiß, wie viele wirre Geschichten sich in seinem von Schlaflosigkeit gefolterten Hirn zu dieser hier gesponnen haben.

Wir erinnern ihn erneut an den Flughafentransfer um 6 Uhr morgens für den nächsten Tag. Er schaut überrascht. Dann möchte er, dass wir bezahlen. Wir erinnern ihn daran, dass wir bereits bezahlt haben. Dann nennt er uns einen anderen Preis. Ich werde ungeduldig. Ich haue ihm mein feinstes Pidgin English um die Ohren, so dass der kleine Junge noch kleiner wird. Jetzt will ich eine Rechnung. Die gebe es nicht, sagt er. Oh doch, mein Freund. Die gibt es jetzt! Ich verlange Stift und Zettel und schreibe die Rechnung selbst. Ich habe das Gefühl, dass er etwas zittert. Freiwillig zeigt er mir seinen Reisepass, damit ich seinen Namen abschreiben kann, und er unterschreibt. Zugegeben: ein offizielles Dokument sieht anders aus, aber ich habe zumindest was in der Hand. ‚Tomorrow! 6 O‘Clock! Don‘ t forget!‘

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