Kühler Start


Nachdem es die ganze Nacht durchgeregnet und gestürmt hat, hat es sich tatsächlich erheblich abgekühlt. Sogar so sehr, daß ich im Laufe der Nacht die Überdecke über mich geworfen habe. Schon spannend, was der Körper hier so mitmachen muß: mal eben von tropisch feuchten fast 40 Grad auf frische 18.

Die Temperaturen tun gut, aber trotzdem weiß ich noch nicht, ob es ein guter Tag ist.

Die positive Nachricht ist, daß meine Wäsche, die ich auf dem Dach vergessen hatte, nicht weggeflogen ist. Natürlich ist sie noch pitschnass… oder schon wieder.
Was es aber bedeutet, daß mein Tag damit anfängt, daß das Familienhündchen sich vor meine Zimmertür erbricht, weiß ich nicht so genau. Dazu ist noch das Toilettenpapier und der Kaffee leer.
Also, saubermachen, einkaufen, den kühlen Tag für ein Schläfchen nutzen und noch mal neu anfangen, würde ich sagen.
Dann wird’s bestimmt gut.

Regenreich


Der Himmel erbricht sich.
Was für ein Wolkenbruch! Ich liege wach und höre dem Regen und Donner zu. Und die frische Luft erfüllt den Raum.
Heute war es unerträglich heiß und vor allem schwül. Schweiß tropfte aus allen Poren eines jeden, der sich aus dem Dunstkreis einer Klimaanlage entfernte.
Wie immer kommt zuerst der Wind und zerrt an den Bäumen, kündigt das Gewitter an. Und wenn es regnet, dann nicht nur ein bißchen, sondern so richtig.

Meine Kräuter muß ich einen Tag lang nicht gießen, aber dummerweise hängt meine Wäsche noch auf der Dachterrasse…wenn der Wind sie nicht fortgeweht hat.

Doof.

Mädchenparadies


Heute versprach der Himmel nicht nur Abkühlung, heute hielt er sich auch daran. Mehrere Stunden schüttete es heute Morgen wie aus Eimern. Das bedeutet, daß der Nachmittag zwar heiß, aber einigermaßen erträglich wird.
Dementsprechend bietet sich eine kleine Shoppingtour an. Der erste Weg führt in das Hinterzimmer eines Schmuckladens. Ohne Schmuck, aber mit Pesos in der Tasche wird der nach wenigen Minuten wieder verlassen. Heute geht es nicht um Schmuck, sondern um Schuhe.

Ich bin eigentlich nur Begleitung, denn es soll um Tangoschuhkauf gehen, und da meine Tangokarriere so unbedeutend, man könnte sagen schlichtweg nichtexistent, ist, daß es sich noch nicht lohnt, dafür extra Schuhe zu kaufen, schaue ich lieber zu.
Ein spezieller Laden, der nicht gleich ersichtlich in einem Hinterhaus versteckt liegt. Nachdem wir klingeln, macht man uns auf, und wir stehen im Paradies. Im Paradies für alle Frauen, die schöne Schuhe lieben (also alle Frauen!), nicht nur des Tangos wegen.

Schon wenige Minuten später stapeln sich zu unseren Füßen die feinsten, hochhackigen Tanzschuhe. In allen Farben, Materialien, Mustern. Ein Paar schöner als das andere. Vielleicht lohnt es sich allein dafür, das Tanzen anzufangen.
Dementsprechend lange dauert der Kauf, aber langweilig wird es bestimmt nicht.

Zwei Paar verlassen mit uns den Laden, und ich muß dazu sagen, daß ich tatsächlich standhaft geblieben bin und keins gekauft hab.
Für soviel Abstinenz habe ich mir ein Eis verdient.
Nochmal gehe ich bestimmt nicht ohne neue Schuhe aus so einem Laden raus.

Wein doch nicht


Wettervorhersagen sind hier so eine Sache für sich. Eigentlich stimmen sie so gut wie nie.
Innerhalb eines Tages kann der Himmel sich zuziehen und aussehen, als sei das größte Gewitter im Anmarsch, und wieder aufreißen als sei nichts gewesen (war ja dann auch nicht).
Und wenn es heißt, daß es heute regnet, kann das auch übermorgen sein oder nächste Woche. Das Wetter ist eben sehr argentinisch.

Ich sitze im Park, die Sonne scheint…und es tropft.
Ich laufe durch die Straße, die Sonne scheint…und es tropft.
Wieso tropft es ständig? Hat sich ein Vogel über mir geparkt?
Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Und das liegt nicht an der Unberechenbarkeit des Wetters. Nach einigen Tagen höchster Aufmerksamkeit und Recherche in freier Wildbahn wird mir klar, was da ständig auf mich einregnet.

Ein Baum!

Die Stadt ist im großen und ganzen ziemlich grün. Es gibt viele Alleen, die die Straßen säumen, und unter all den Bäumen ist auch einer, der regelrecht weint.
Umso wärmer es ist, umso mehr läßt er seine Tränen auf den Boden tropfen. Eben manchmal so viel, daß es sich wie ein Schauer anfühlt.

Auch wenn dieser Baum ein bißchen nervig ist, weil es ihn fast überall gibt, bin ich doch froh, daß die Quelle des ständigen Betropfens daher rührt, und nicht aus dem Hinterteil eines Vogels kommt…

Tren de la Costa


Ausflug mit Mirta. Auch, wenn ich nicht mehr bei ihr wohne. Aber am Montag hat sie mich gefragt, ob wir den Sonntag zusammen verbringen und was unternehmen wollen. Na klar. Dann begleite ich sie eben. Warum nicht.

Schon vorher hat sie mir vom ‚Tren de la Costa‘ erzählt. Klar, ‚tren‘ ist Zug. Küstenzug also. Aber gleichzeitig hat sie immer davon geredet, zu diesem Zug hinzufahren und dann einen Kaffee zu trinken. Das sei besonders. Also bin ich irgendwie davon ausgegangen, daß es ein Café gibt, das so heißt.

Kein Problem, da fahren wir hin. Ich hab zwar immer noch nicht kapiert, wohin genau, aber: Sicheres Auftreten bei völliger Ahnungslosigkeit.

Wir sitzen im Bus und steigen nach etwa einer Stunde aus.
Eine ziemlich weite Fahrt, um einen Kaffee zu trinken, oder?
Von der Bushaltestelle laufen wir fünf Minuten um ein sehr seltsames Gebäude zu betreten.
Das sei der Bahnhof, sagt mir Mirta. Aha, es geht also tatsächlich um einen richtigen, echten Zug und nicht um ein Café, das so heißt. Aber das soll ein Bahnhof sein? Die Halle ist menschenleer, dafür voll mit alten Möbeln. Es sieht eher aus wie in einem längst vergessenen Antiquitätenladen.

20131111-092932.jpg
Aber irgendwo, eine Treppe nach oben und ganz hinten, findet sich dann doch ein kleiner Schalter, an dem wir Tickets kaufen. Gleich daneben geht es raus zum Bahnsteig.

Und dann beginnt unsere Fahrt. Durch hübsche kleine Dörfer mit Palmen und Gärten entlang des Rio de la Plata. Endlich hab ich es kapiert. Dieser Zug fährt durch all diese schönen Orte, damit man zwischendurch aussteigen und sich was anschauen kann, um irgendwann weiter zu fahren.
Und genau das machen wir. Wir steigen aus, streifen über Märkte, trinken frischgepresste Säfte, essen frisch gebackenes Brot, entdecken andere Welten, steigen wieder ein und fahren weiter. Bis zum Delta in Tigre.

20131111-093029.jpg

20131111-093042.jpg

20131111-093237.jpg
Und obwohl für den ganzen Tag Regen angesagt war, scheint die Sonne.

Mirta fragt mich, ob wir diese Woche vielleicht mal nach San Telmo fahren.
Ich glaube schon.