Wilde Nacht


Dass unsere Nacht ruhig und friedlich würde, haben wir nicht erwartet. Wenn man ein Hotel in der lautesten Straße Saigons hat, ist die Vorstellung von ungestörtem Schlaf absurd. Aber wir haben ja unsere Oropax.

Der arme Junge, der den Laden schmeißt allerdings, scheint sein Leben an der Rezeption zu verbringen – und das bedeutet nicht, eine bequeme Theke in einer großen Eingangshalle. Wenn man das Hotel betritt, steht man mittendrin – in seinem Wohnzimmer, Schlafzimmer und Büro. Der winzige Raum mit Sofa und kleinem Schreibtisch ist alles.

So hatte er uns auch vorher gesagt, dass wir klingeln müssten, wenn wir nach Mitternacht zurück kämen. „Oh“, sage ich, „dann holen wir Dich von irgendwoher aus dem Bett?“ „Ich schlafe hier!“, antwortet er und zeigt auf das Sofa direkt neben der Tür. Er schläft also auf einer kleinen Couch neben der lautesten Straße Saigons und wird regelmäßig von feiernden und nicht feiernden Gästen aus dem Schlaf geklingelt. Ungefähr genauso sieht er auch aus. Ringe unter den Augen, verstrahlter Blick. Allerdings könnte da auch noch die ein oder andere Substanz involviert sein. Jedenfalls versteht auch er fast nichts. Er will uns aber mitteilen, dass er 23 und Single ist. Na, dann. Nicht interessiert, danke.

Gleich bei Ankunft hatten wir gesagt, dass wir sein Angebot des Airport-Shuttles in Anspruch nehmen wollen. Sonntagmorgen um 6 Uhr. Er macht große Augen, nickt aber. Ein bisschen seltsam ist er schon.

Wir fallen wirklich müde ins Bett. Von Matratze kann keine Rede sein. Es ist eher ein Holzbett mit einer bezogenen Wolldecke als Unterlage. Naja, hart schlafen soll ja gut für den Rücken sein.

Ich presse mich in meine Sleeping Bag, stöpsele mir die Oropax ein und versuche es mit ein bisschen Schlaf. So richtig gelingt es mir nicht. Ich denke an meine Wolkenmatratze zu Hause, aber die Erinnerung macht es nicht besser. Es ist eine Nacht mit eher so einer Art Sekundenschlaf.

Um halb sechs auf einmal hämmert es gegen unsere Tür. Erst denke ich, dass ich mich geirrt habe, oder dass es eines der vielen Geräusche von draußen ist, dass lediglich lauter ist. Aber nein: es hämmert wieder. Ich fahre hoch vor Schreck. Oh nein, denke ich. Jetzt hat der arme Kerl das falsch verstanden und dachte, dass wir heute schon zum Flughafen wollen. Dabei haben wir doch schon für zwei Nächte bezahlt. Aus der Sleeping Bag komme ich nicht schnell genug raus. Ich spiele also Sackhüpfen bis zur Tür. Mit den Ohrstöpseln in der Hand öffne ich. Da steht der Kerl, verpeilter, gequälter Blick. Ich presche gleich vor: ‚no, no. Tomorrow. Tomorrow 6 o‘clock Airport.‘ Ich habe festgestellt, dass ich bei Menschen, die kaum Englisch sprechen, sofort in ein astreines Pidgin English verfalle, was mir im Nachhinein immer etwas peinlich ist.

Wie auch immer – er druckst nur rum, sagt erstmal nichts. Und dann sagt er: ‚silence please‘. Ich traue meinen Ohren nicht. Wie bitte? Ja, wir sollen leise sein, wir seien so laut. Ernsthaft??? Hat er uns atmen hören? Er wohnt, schläft und arbeitet an der lautesten Straße Saigons und meint, dass wir seinen Schlaf stören?

Ich zeige auf meine Sleeping Bag und die Ohrstöpsel und sage ‚no, no. Not loud. Sleeping. No talking. Nothing.‘ und mache die Tür zu.

Ein bisschen erwacht im Nachhinein der Gedanke, dass der 23jährige Single einfach mal sein Glück bei den zwei deutschen Mädels versuchen wollte. Aber das bleibt natürlich Spekulation.

Am Folgetag hält er uns sein Handy hin. Per Google Translater hat er eine Entschuldigung aufgeschrieben, die irgendwas mit einer schreienden Frau zu tun hat, die erst ausgecheckt habe und dann wieder reingerannt kam. Er sei nur besorgt gewesen. Wer weiß, wie viele wirre Geschichten sich in seinem von Schlaflosigkeit gefolterten Hirn zu dieser hier gesponnen haben.

Wir erinnern ihn erneut an den Flughafentransfer um 6 Uhr morgens für den nächsten Tag. Er schaut überrascht. Dann möchte er, dass wir bezahlen. Wir erinnern ihn daran, dass wir bereits bezahlt haben. Dann nennt er uns einen anderen Preis. Ich werde ungeduldig. Ich haue ihm mein feinstes Pidgin English um die Ohren, so dass der kleine Junge noch kleiner wird. Jetzt will ich eine Rechnung. Die gebe es nicht, sagt er. Oh doch, mein Freund. Die gibt es jetzt! Ich verlange Stift und Zettel und schreibe die Rechnung selbst. Ich habe das Gefühl, dass er etwas zittert. Freiwillig zeigt er mir seinen Reisepass, damit ich seinen Namen abschreiben kann, und er unterschreibt. Zugegeben: ein offizielles Dokument sieht anders aus, aber ich habe zumindest was in der Hand. ‚Tomorrow! 6 O‘Clock! Don‘ t forget!‘

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Butter statt Pfeffer


Unser geplanter Ausflug wurde mangels Teilnehmer um einen Tag verschoben. Nicht so schlimm, dann widmen wir uns dem Strand. Trotzdem freuen wir uns auf unsere kleine Tour durch den Norden der Insel. Schließlich sollen wir lernen, wie der hiesige Pfeffer angebaut und produziert wird, wie man Austern züchtet und Honig macht. Darüber hinaus haben wir eineinhalb Stunden an einem der angeblich schönsten Strandabschnitte der Insel und besuchen einen Nationalpark.

Am entsprechenden Morgen stehen wir also pünktlich mit Bikini und Handtuch in der Tasche parat und warten auf unseren Tourguide.

Es hat die Nacht durchgeregnet. Und nicht nur ein bisschen, sondern so, als würde sich alles Wasser der Welt über der Insel ergießen. Immer, wenn man dachte, dass es nicht stärker werden könne, legte der Himmel noch einen drauf. Ohrenbetäubende Lautstärke.

Jetzt ist es aber trocken und warm sowieso. Wir sind also guter Dinge.

Unser kleiner Ausflugsbus kommt pünktlich, außer uns sind noch sieben weitere Personen dabei. Los geht die Fahrt. Als erstes besuchen wir die Pfefferfarm, sagt der Guide. Mehr sagt er nicht. Auch nicht viel mehr, als wir auf der Pfefferfarm sind. Nur, dass das eine Pfefferpflanze ist und da der Shop, wo wir ihn kaufen können.

Austern sehen wir gar keine, wir werden direkt zum Perlenladen geschleust.

Rein in den Bus, 200 Meter Fahrt, raus aus dem Bus. Von einem Shop in den nächsten. Schnell wird uns klar, dass das hier nicht der Ausflug ist, den wir uns erhofft hatten, sondern eine vietnamesische Butterfahrt. Lediglich auf der Bienenfarm können wir etwas zwischen den Bienenstöcken herumlaufen und man öffnet uns den Deckel, damit wir reinschauen können. Da dort aber wieder mal kaum jemand englisch spricht, kann uns auch niemand unsere Fragen zur Produktion beantworten.

Inzwischen hat es wieder angefangen zu regnen. In den Nationalpark können wir so nicht, sagt der Guide. Zu nass.

Entschuldigung? Das ist das einzige, was den Tag noch retten kann.

Vielleicht später, sagt er. Erstmal fahren wir an den Strand. Dort gibt es Mittagessen. Na toll. Bei Regen an den Strand.

Eigentlich dachten wir, dass „Essen am Strand“ irgendwas idyllisches mit Picknick-Atmosphäre ist, wir werden aber in ein Restaurant gekarrt, dass am Fließband Anreisende versorgt. Wir kriegen einen Teller Nudeln mit Sellerie. Wenigstens gibt es ein Bier dazu. Das brauche ich gerade wirklich. Nach dem Essen haben wir noch eine Stunde Zeit, sagt der Guide. Wir könnten uns ja den schönen Strand anschauen. Immerhin hat es aufgehört zu regnen.

Wir gehen also runter zum Strand – und sind regelrecht erschlagen! Erschlagen vom Geruch nach Müll, vom Plastik, das überall herumliegt, von der Öllache, die über ein Rohr ins Meer sickert, von den Ölringen, die sich bereits auf dem Wasser gebildet haben. Hier wären wir auch bei schönstem Sonnenschein nicht reingegangen.

Wir laufen noch etwas weiter und sehen ein Fleckchen, das einst schön gewesen sein muss. Wie stumme Zeugen einer anderen Zeit stehen hier verwitterte Holzliegestühle in einer kleinen Bucht, mittlerweile ebenfalls umgeben von Müll. Es erinnert uns an die hübsche Anlage, durch die wir täglich zum Strand laufen, die offenbar dem Tode geweiht ist, denn das schnelle Geld liegt nicht in der Bewahrung der Natur und Umgebung, sondern der Massenabfertigung in großen Betonhotels.

Der Umgang mit dem Tourismus auf der Insel ist fatal.

Auf der Weiterfahrt kommen wir an einer Ebene vorbei, auf der sich nur Straßen befinden. Was einst hier stand, wurde abgeholzt. „Hier entsteht eine neue Stadt“, sagt der Tourguide. Und ich frage mich, wie lange es noch dauert, bis die Natur hier komplett der Gier gewichen ist.

Schließlich können wir doch noch in den Nationalpark. Dafür hätten wir aber auch keine Tour gebraucht. Wir gehen lediglich auf einem Pfad nicht mal einen Kilometer durch den Regenwald spazieren. „Früher gab es hier Tiger“, sagt der Tourguide. „Aber die sind zum Glück alle tot oder in Laos. Es gibt keine Tiger mehr in Vietnam. Dafür hat die Army schon gesorgt. Die Krokodile hier haben wir alle in ein Gebiet getrieben. Das ist jetzt eingezäunt. So haben wir unsere Ruhe vor ihnen.“

Ich habe genug gehört. Zum Glück sind wir um kurz nach drei schon zurück an der Unterkunft. Die Sonne scheint mittlerweile und wir legen uns nochmal an unseren Strand, der offenbar zu den wenig noch schönen Orten der Insel gehört.

Ich mache das selten, aber hiermit appelliere ich an alle Reisenden: fahrt nicht dorthin. Unterstützt den Wahnsinn nicht. Wer an den Strand will… auf Malle ist es auch schön!

Ab an den Strand


Eigentlich haben wir gar nicht so schlecht geschlafen. Zum einen haben die Oropax das Dröhnen der Discomusik gemildert und zum anderen waren wir wirklich müde. Schauen wir also mal, was die Umgebung bei Licht bringt.

Zu allererst bringt der Tag ein reichhaltiges Frühstücksbüffet. Das erste, das uns auf unserer Reise begegnet. Sonst wurden wir immer gefragt, was wir essen möchten oder haben, wie in der letzten Unterkunft, einfach Baguette und Omelette bekommen.

Hier gibt es vietnamesische Pho, Reis, Gemüse, Eier und andere Köstlichkeiten und alle, wirklich alle mit Fleisch. Selbst im puren Reis liegen Brocken Schweinefleischs.

Na toll. Für mich gibt es also erstmal Kaffee.

Die Suppe sieht einfach so gut aus, aber die Brocken, die darin schwimmen, lachen mich wirklich nicht an. Vielleicht kann ich ja nur die Einlagen haben, die in kleinen Schälchen da stehen und von den Angestellten für jeden frisch in den Sud gegeben werden. Leider habe ich meinen schlauen Zettel mit dem vietnamesischen Hinweis auf mein vegetarisches Essverhalten nicht dabei. Dann muss ich es eben mit Händen und Füßen versuchen. Ich zeige auf die Nudeln und das Gemüse und mache mit Wedeln und Kopfschütteln deutlich, dass ich es nicht begrüßen würde, wenn es in der Fleischbrühe landet. Große Blicke.

‚No meat, no fish.‘ Große Blicke. ‚Chay‘, sage ich, in der Hoffnung in die Nähe der korrekten Betonung und Aussprache gekommen zu sein, was im Vietnamesischen für jeden Europäer offenbar eher Glückssache ist.

Aber siehe da, sie guckt mich an, nimmt eine Schüssel mit Nudeln und verschwindet damit. Etwa zehn Minuten später kommt sie mit einer dampfenden Suppe zurück: klare Brühe, kein Fleischgeruch oder -geschmack. Glücklich haue ich mir noch Sojasoße, Limette und Chili rein und finde, dass diese Art Frühstück auch in Deutschland etabliert werden sollte.

Wir haben uns überlegt, am Folgetag die Insel anzuschauen. Da wir mit Ausflügen insgesamt bisher gute Erfahrungen gemacht haben, haben wir uns für eine Rundfahrt durch den Norden entschieden. Hier soll es die schönsten Strände geben. Außerdem ist der Pfeffer auf der Insel bekannt für seine Qualität und wird dort angebaut. Wir buchen und machen uns dann auf zum Strand.

Dazu müssen wir die Straße überqueren, vorbei an den offenen Mülltonnen. Wenigstens schlafen die Ratten wohl gerade. Schön ist es auch bei Tag nicht, aber auch nicht mehr ganz so schlimm wie im Licht unserer Ankunft.

Ein kleiner Pfad durch eine urwaldähnliche Anlage führt uns zum Strand. Die Anlage besteht aus einzelnen kleinen Bambushütten, die offenbar einst Domizil Reisender waren. Wirklich hübsch. Jetzt ist alles verlassen und verwittert. Den Grund können wir uns vorstellen: direkt daneben hat man einen riesigen Hotelklotz hingebaut. Dessen Klimaanlagen an der Hauswand zeigen zu der hübschen Anlage und dröhnen so laut, dass hier sicher so manchem Tag und Nacht verdorben wurde. Außerdem wirft der Betonbau Schatten auf die hübschen Häuschen und lässt sie so, selbst bei strahlendem Sonnenlicht, im Dunkel versinken. Die Großen fressen die Kleinen – diesen Eindruck bekommen wir noch häufiger auf der Insel, auch wenn unsere Theorien unbestätigt bleiben, denn um zu fragen, spricht keiner gut genug Englisch.

Dann sind wir am Strand. Weißer, feiner Sand, aufgewühltes, aber schönes (warmes) Wasser und Palmen. Bleiben wir doch einfach hier. Mit Sand paniert wie ein Schnitzel, die Füße an ‚unsere‘ Palme gelehnt, und einer Kokosnuss in der Hand lassen wir es uns gut gehen. Land und Leute passen sich nicht den Erwartungen an, aber ich passe mich gerne diesem schönen Strand Phu Quocs an. Es war doch kein Fehler, hergekommen zu sein.

Welcome to Phu Quoc


Wir packen ein weiteres Mal unsere Sachen. Diesmal verabschieden wir uns von Hoi An. Und von Bi. Sie fällt mir in den Arm. Sie hat uns sowieso bei jeder Gelegenheit angefasst – und sie war nicht die einzige. In der Stadt hat es sich ein kleiner asiatischer Junge nicht nehmen lassen, mich mit großen Augen anzuschauen, während er mir beherzt die Hand auf die Beine legte. Wieder andere wollten sich mit der Blonden aus Europa fotografieren lassen. Das fühlt sich wirklich schräg an.

Bi jedenfalls drücke ich zurück und erinnere mich an die Schneiderin nach der Jackenübergabe. Auch sie fiel mir um den Hals, besser gesagt um die Taille, weil sie mir gerade bis zur Brust reichte. Herzliche, kleine Menschen.

Wir freuen uns jetzt auf unsere Strandtage. Beide Flüge (der erste geht von Danang nach Saigon und dann weiter nach Phu Quoc) haben Verspätung, so dass wir erst im Dunkeln ankommen. Wir erwarten ein noch überwiegend unerschlossenes Eiland, mein Reiseführer ist von 2016 und berichtet darüber, dass zum Zeitpunkt der Recherche noch nicht viel Auswahl an Unterkünften bestand und erst nach und nach gebaut werde. Was wir schon auf der Fahrt zu unserer Bleibe sehen, macht leider einen ganz anderen Eindruck. Die gesamte Küstenstraße entlang, zumindest auf dem Abschnitt, sehen wir einen dicken Hotelklotz nach dem anderen. Dazwischen improvisierte Supermärkte und aufgerüschte Restaurants. Zum ersten Mal sehen wir Tischdecken in Vietnam.

Die Straße vor unserer Unterkunft ist laut und stark befahren, es stinkt nach Müll und vor uns huschen Ratten ins Dunkel. Zu allem Überfluss dröhnt der Bass einer anliegenden Diskothek bis in unser Zimmer. Wie sind einigermaßen geschockt.

Aber meine Haltung in solchen Momenten ist: wenn man reist, passen sich Land und Leute eben nicht den Erwartungen an; man muss sich anpassen und das Beste daraus machen oder weiterziehen.

Also trinken wir ein Bier, lachen über das ‚wunderschöne‘ Bild in unserem Zimmer, stecken uns Oropax in die Ohren und schauen einfach mal, was der nächste Tag bringt.

Meine Füße hatte ich heute noch nicht im Sand.

Planänderung


Die Abende in Hoi An sind lang. Wir genießen die warme Abendluft und die schöne Lichterstimmung.

Direkt am Ankunftstag kommen wir später zurück zur Unterkunft als geplant. Herbergsmutter Bi hat uns einen Schlüssel für das Torschloss gegeben mit dem ausdrücklichen Hinweis, wir sollten in den Bars auf den Tischen tanzen und es uns gut gehen lassen.

Als wir also nachts wieder beim Homestay ankommen, ist das Tor verschlossen. Und zwar nicht nur mit dem Schloss, zu dem wir einen Schlüssel haben, sondern zusätzlich mit einem Zahlenschloss. Noch ehe wir darüber nachdenken können, kommt gefühlt aus dem Nichts ein zahnloser Opa von der Straße und gibt die Zahlenkombination ein. Genauso schnell wie er da war, verschwindet er auch wieder.

Am folgenden Abend stehen wir vor der gleichen Situation. Diesmal ohne Opa.

Ich schlage vor, dass wir es mit 0000 oder 1234 probieren. Meine Reisebegleitung bekommt in diesem Fall ein Bienchen; sie hat in der Nacht zuvor aufgepasst und kann Variante 2 bestätigen. Was Passwörter angeht, sind die Vietnamesen generell eher einfach. Mit einer Reihe von eins bis acht oder neun kommt man auch in so manches WLAN, haben wir bereits erfreut festgestellt.

Vor lauter Kaufrausch, kulinarischer Entdeckungen und abendlicher Gemütlichkeit haben wir uns keine großen Gedanken um die Weiterreise gemacht.

Wir wissen nur: Mui Ne soll es werden. Ein Ort, an dem Dünen ins Meer laufen. Und wir wollen Zug fahren, bitte nicht mehr im Nachtbus.

An unserem letzten Tag in Hoi An recherchiere ich – und stelle fest, dass von hier kein Zug nach Mui Ne zu fahren scheint. Also doch wieder Bus? Die Fahrt würde uns allerdings insgesamt über 30 Stunden kosten. Sogar, wenn wir nach Ho Chi Minh City fliegen und wieder ein Stück hoch fahren würden, wäre es so lange, weil wir zwischendurch stundenlang warten müssten.

Dann doch ein anderer Strandort entlang der Küste? Die anderen Optionen sind ähnlich. Und überhaupt müssen wir dann noch Reisezeit bis Ho Chi Minh City einplanen, von wo wir zurück fliegen.

Nein. Bitte keine zwei volle Tage mit Busreisen verschwenden. Dann fliegen wir doch einfach woanders hin. Nach Phu Quoc zum Beispiel. Die Insel im Süden Vietnams soll traumhafte Strände haben und sowieso wunderschön sein. Und ein paar Tage Strand wären schon wünschenswert.

Wir verbringen also eine Stunde unserer Zeit in Hoi An im Reisebüro. Dafür haben wir am Ende einen Flug nach Phu Quoc und einen zurück nach Ho Chi Minh City inklusive Transfer zum Flughafen. Ist doch super.

Nur das mit der Unterkunft haben wir etwas schleifen lassen. Aber auch die haben wir um zwei Uhr morgens dann – quasi im Halbschlaf – noch gebucht.

Sehr gut! Ich hoffe also sehr, dass ich schon am folgenden Nachmittag meine Füße in den Sand strecke. Tja, hoffen darf man ja…

Maßgefertigt


Hoi An macht uns zum ersten Mal in Vietnam so richtig kulinarisch glücklich. Wir entdecken eine Essenshalle in der Stadtmitte, in der wir problemlos vegetarische Gerichte bekommen. Wir bestellen zu zweit vier davon, damit wir ordentlich probieren können. Es ist laut und wuselig, die Damen an den Kochstationen haben kaum Platz und zaubern doch die tollsten Sachen. Auberginen in Tomatensoße, wieder Papayasalat, Reisbandnudeln mit Kräutern und Salat und Bratnudeln mit Gemüse. Alles so gut. Und am Ende zahlen wir zu zweit für alles umgerechnet ca 4€. Wenn das so weiter geht, könnte es wortwörtlich eng werden mit meiner maßgeschneiderten Jacke.

Am Mittag ist Anprobe. Ich bin sehr aufgeregt und hoffe, dass ich keine Diskussionen führen muss, weil es überhaupt nicht der Vorlage entspricht oder einfach nicht passt. Es muss auch heute fertig werden, da wir am nächsten Tag schon abreisen.

In der Schneiderei angekommen, werden wir erstmal platziert und mit Wasser versorgt, währenddessen macht eine kanadische Familie Modenschau. Sie haben sich Abendgarderobe in mehrfacher Ausführung schneidern lassen, und wenn sich über Geschmack selbstverständlich streiten lässt, sitzt alles perfekt.

Ich habe also Hoffnung. Und dann bin ich an der Reihe. Sie kommen mit der Jacke und neben mir höre ich ein Lachen: „Wie witzig ist das denn; die sieht tatsächlich bayerisch aus!“ Ich atme auf. Sie passt perfekt und ist durch die andere Farbe sogar noch schöner als die Vorlage. Hier und da wird noch ein bisschen abgesteckt und die Knöpfe fehlen noch, aber heute Abend kann ich das gute Stück in Händen halten. Erleichterung und Freude. Das wäre geschafft. Ein gutes Experiment. Beim nächsten Mal wird es dann ein Dirndl.

Im Rausch


Wir hatten uns vorgenommen an einem Tag die Stadt und am anderen Tag das Umland Hoi Ans zu erkunden. Naja. Manchmal bleiben Pläne auch einfach Pläne.

Nach einem einfachen, aber guten Frühstück – Baguette mit Omelette – gehen wir los. Alle sind verwundert, dass wir den ‚weiten‘ Weg zu Fuß bewältigen wollen. Wir könnten uns doch ein Taxi nehmen. Hier bewegt sich eben keiner ohne fahrbaren Untersatz, aber wir sind sicher, dass wir die 20 Minuten in die Altstadt auch diesmal schaffen.

Die Schwester unserer Gastgeberin hat eine der vielen Schneidereien des Ortes. Bi gibt uns ihre Adresse. Wir sollen doch einfach mal schauen.

Um ehrlich zu sein, habe ich eigentlich nichts, was ich mir maßschneidern lassen möchte. Oder doch?

Hoi An ist voll mit Schneidereien, die einem jeden Modewunsch in Stoff verwirklichen. Ich bin trotzdem skeptisch, aber eine Sache fällt mir ein: ein Trachtenjanker passend zu meinem Dirndl. Ich hatte im vergangenen Jahr einen an, aber aufgrund des Preises nicht gekauft.

Bei Bis Schwester angekommen, suche ich ein Bild im Internet. Ich bin mir wirklich nicht sicher. Kriegen die sowas hin? Die Art Jacke haben sie auch noch nie gesehen, geschweige denn mein Dirndl, von dem ich ein Bild zeige, damit wir wegen einer passenden Farbe schauen können. Und dann beginnen die Verhandlungen. Sie startet mit 90 Dollar. Nein. Das ist mir zu viel für so ein Experiment. Vielleicht gefällt es mir gar nicht. Es geht hin und her. Wir suchen währenddessen nach passenden Stoffen, denn die bestimmen einen großen Teil des Preises. Schließlich werden wir uns einig: für 45 Dollar gehe ich das Wagnis ein.

Und schon geht es los; ich werde komplett vermessen, jeder Teil meines Oberkörpers. Die Mädels sind so flink mit dem Maßband, dass ich kaum mitkriege, wo sie gerade anlegen. Fertig. Morgen Mittag kann ich zur Anprobe kommen.

Ich bin sehr gespannt.

Den Rest des Tages lassen wir uns durch die hübschen Gassen treiben – und geraten in einen Rausch. Kaufrausch. Wir müssen unbedingt von dem vietnamesischen Kaffee haben, dessen Duft immer wieder durch die Straßen weht. Und die Lampions, die hier typisch sind und meist in Handarbeit hergestellt werden, natürlich auch. Und ein paar Bilder möchte ich für meine Wohnung haben.

Bei den Klamotten halte ich mich zurück, ich habe ja etwas, auf das ich mich hoffentlich freuen kann, aber ich bin ja nicht allein unterwegs. Und so sind wir gefühlt in jedem der kleinen Läden, die alle ähnliche Kleidungen anbieten. Auch die Stoffe wiederholen sich.

In einem Laden hat die Besitzerin einen kleinen Sohn. ‚Win‘ ist sechs. Er weist mich darauf hin, dass ich mir doch ein Shirt mit Bananendruck kaufen könnte – ein Muster, das bei vielen Touristen wohl gut ankommt. Nein, sage ich, keine Bananen. ‚Magst Du keine Bananen? Nicht schlimm. Dann nimm doch Melonen.‘ So einfach könnte es manchmal sein. Ich fliege trotzdem ohne Obst nach Hause.

Irgendwann ist man in dem tagsüber vor allem mit japanischen Touristen vollgestopften Ort ganz benebelt von Hitze, Staub, Enge und dem Gefühl von Stoffen an der Haut. Ich mag schon nichts mehr anfassen, weil mich die ewige Wiederholung und die Vorstellung, wie viele Hände das Kleidungsstück vor mir angefasst haben, regelrecht lähmt. Trotzdem schaffen wir es, zwei Tage damit zu verbringen. Das Umland haben wir erst auf der Fahrt zum nächsten Punkt erahnen können.

Aber erstmal habe ich eh noch eine Anprobe vor mir…