Die Farben von Hoi An


Kurz nach 18 Uhr erreichen wir endlich unser Ziel. Unsere Unterkunft in Hoi An ist fußläufig von der Bushaltestelle aus zu erreichen. Wir zerren unsere Koffer hinter uns her. Der Weg wäre kein Problem, wenn man nicht permanent auf der Straße laufen müsste, weil der Gehsteig mit Mopeds und Rollern vollgestellt ist. Naja, man muss eben Prioritäten setzen.

Wieder werden wir herzlich empfangen. Nach dem langen Tag sollten wir erstmal entspannen, geredet wird später, sagt Bi, die Betreiberin dieses Homestays und zeigt uns stolz das Zimmer. Frühstück sei dann bis zehn, aber bis elf sei auch kein Problem. Schließlich hatten wir Verspätung.

Wir springen unter die Dusche, ziehen uns frische Sachen an und machen uns, zusammen mit dem Pärchen, mit dem wir bereits Frühstück, überlange Pause und Pannenzeit geteilt und dank guter Gespräche überstanden haben, auf in die Altstadt.

Hoi An soll so schön sein, hieß es, aber dass es so bezaubernd sein würde, hätten wir nicht erwartet. Die für Hoi An typischen Seidenlampions hängen im gesamten Ort über den Straßen, vor den Restaurants, beleuchten die Boote auf dem Fluß, tauchen die kleine Stadt in die schönsten Farben; orange, rot, grün, lila, weiß, das Auge kann sich kaum satt sehen. Bunte Papplampen, von Kerzen erhellt, schwimmen auf dem Wasser und suchen sich ihren Weg unter der Brücke hindurch. Wir sind vollkommen hingerissen und folgen dem Treiben.

Ein Ziel haben wir aber doch und das lautetet: Essen.

Es gilt, die vegetarische Herausforderung anzunehmen und endlich dafür zu sorgen, dass wir Straßenessen bekommen. Ich bin vorbereitet. Aus meinem Reiseführer habe ich abgeschrieben, was ‚ich bin Vegetarier‘ heißt. Überall stehen sehr kleine Wagen, die Essen anbieten, teilweise undefinierbares. Bei einem gibt es eine Art Fladen, gegrillt mit irgendwas drauf. Ich halte meinen Zettel hin und siehe da; die Verkäuferin nickt. Ihr Helfer ist sogar ganz begeistert und betont, er esse selbst oft ‚chay‘, also vegetarisch. Es ist der 16. März. Obwohl die Vietnamesen eigentlich alles mit Fleisch essen, machen sie um die Monatsmitte oft eine Ausnahme. Da viele Buddhisten sind, haben sie Achtung vor denen, die kein Tier zur Nahrungsaufnahme töten möchten.

Sie bereitet den Fladen also vegetarisch zu: mit Frühlingszwiebeln, Röstzwiebeln, Wachteleiern, Mayonnaise und Chilisoße.

Ich finde es super! Alle warnenden Worte wie ‚Mayonnaise bei der Hitze‘, ‚die Eier liegen einfach so rum‘ erschlage ich mit ‚wurde doch jetzt gegrillt, ist doch alles abgetötet‘. Um ehrlich zu sein, ist keiner von uns vieren daran interessiert, das Essen schlecht zu reden. Wir lachen darüber und beißen beherzt zu. Dieses Ding schmeckt wirklich gut. Das haben wir nicht zum letzten Mal gegessen.

Trotzdem haben wir noch Hunger auf was Richtiges. Mehr als ein Snack muss es schon sein. Am Ufer entlang sind kleine Holztische mit Stühlen aufgebaut. Jeder Abschnitt scheint zu einem anderen Koch zu gehören. Wir haben Glück; ich zeige meinen Zettel und der gut gelaunte Vietnamese scheint sich zu freuen, dass er unserem Wunsch nachkommen kann. Er zeigt uns alle Gerichte, die er ohne Fleisch und Fisch machen kann. Wir nehmen fast alle.

Kurze Zeit später sind wir im Streetfood-Paradies: scharfer Papayasalat, dicke Nudeln mit Gemüse, herzhafte Pancakes in Reispapier mit frischen Kräutern und frisches Kokoswasser. Wir sind völlig begeistert. Genauso hatte ich mir das vorgestellt. Nur das Bier kann uns unser neuer Freund nicht bieten, dafür hat er keine Lizenz, aber das bekommen wir wenig später in einer Rooftopbar, beleuchtet mit den Farben Hoi Ans.

Ein guter erster Abend.

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Gestrandet


Am nächsten Morgen geht es früh weiter. Mit dem Bus. Hoffentlich nicht wieder ein Schlafbus, wir fahren ja am Vormittag.

Zum Frühstück gibt es wieder gebratenen Reis, den ich wirklich mag. Ich frage die Mädels in der Küche, ob ich ein Foto machen darf. Sie kichern und plötzlich gesellen sich noch weitere Mitarbeiter dazu, die unbedingt aufs Foto wollen.

Mit uns im Frühstücksraum sitzt ein deutsches Pärchen. Sie haben eine Polaroidkamera dabei und machen nicht nur für sich selbst Bilder, sondern hinterlassen diese Erinnerung auch den Menschen auf den Fotos. Eine tolle Idee, denn die Kleine vom Vortag freut sich wie ein Honigkuchenpferd über das Bild und kichert vor sich hin. Wir sollten auch mit drauf und so haben auch wir die schöne Erinnerung.

Der Bus hat Verspätung und es ist… ein Schlafbus. Dieser ist nicht ganz so dreckig wie der erste, aber schön ist es trotzdem nicht. Immerhin sind wir um eins schon da.

Dachten wir.

Die Fahrt plätschert vor sich hin, keine besonderen Vorkommnisse. In Hue gibt es einen Stopp, von dem wir zunächst denken, dass wieder ein paar Leute ein- und Aussteigen. Wir bleiben sitzen… und erfahren gerade noch rechtzeitig, dass wir für Hoi An den Bus wechseln müssen. Also, aussteigen. Wir werden mit samt unseres Gepäcks in den Eingangsbereich eines Hostels geschoben mit der Information, dass in einer halben Stunde der andere Bus kommt.

Kommt er aber nicht. Er kommt auch nicht nach einer weiteren halben Stunde. Wir machen es uns gemeinsam mit dem deutschen Pärchen vom Morgen in einem Café gegenüber bequem und warten weiter. Insgesamt zweieinhalb Stunden.

Dann kommt tatsächlich ein Bus. Das bekannt Geschreie und Geschubse geht wieder los und wir suchen uns erneut einen Platz auf einer der Liegen.

Nach einer Weile halten wir wieder an. 30 Minuten Stopp. Na klar. Das kennen wir ja schon.

Wir sind irgendwie im Nirgendwo, an der Straßenecke gibt es wenigstens Toilettenmöglichkeiten und wir haben direkten Blick auf den sogenannten Wolkenpass. Nicht ganz schlecht also. Aus der Straße, die seitlich entlang geht und überwiegend unbefahren ist, dröhnt Musik. Hier frönt man eindeutig der Liebe zur Karaoke. Ein offenbar häufiges Hobby der Vietnamesen. Umso länger wir uns dort aufhalten, umso schräger scheint der Gesang zu werden. Und wir halten uns dort länger auf, denn der Bus hat eine Panne. Die Klimaanlage ist ausgefallen.

Mitten im nirgendwo zeigen die Vietnamesen Erfindergeist. Ein paar Mechaniker rollen an mit einer Hand voll Ersatzteile und einem zweiten Wagen, aus dem man für den Notfall noch was rausholen kann, wenn man es braucht. Sie schrauben und tüfteln und einer der Kerle ist so klein und zart, dass er regelrecht im Motorraum versinkt.

Es dauert insgesamt eine Stunde zwanzig bis unsere Fahrt weitergeht.

Die Zeit hat ein mobiler Straßenverkäufer genutzt und die anderen mit einem gefüllten Hefeteig versorgt. Den Ofen auf dem Gepäckträger seines Mopeds war unsere Panne sein Glück. Er verlässt uns mit einem Strahlen im Gesicht.

Ein Wunder


Es ist also 5 Uhr morgens. An der Bushaltestelle werden wir tatsächlich empfangen. Eine kleine Vietnamesin, die aussieht wie 15 – sie ist 21, erfahren wir später – strahlt uns entgegen. Die gebuchte Unterkunft ist direkt hinter uns. Sie nimmt unsere Pässe und fragt, was wir vorhaben. Ich bin seit fast 24 Stunden wach, meine Knie zittern und ich bin sooo müde. Eigentlich war die Idee, Phong Nha auf eigene Faust zu erkunden, aber daran kann ich gar nicht denken. Wir fragen sie also, welche Möglichkeiten sich bieten. Eine Tour gleich am Morgen. Ja, buchen wir. Mit anderen Worten: in drei Stunden.

Obwohl wir so früh ankommen, dürfen wir bereits ins Zimmer. Wir können auch um halb acht frühstücken, wenn wir wollen. Eigentlich haben wir nur eine Nacht gebucht und Frühstück erst am nächsten Tag, aber die Leute hier sind wahnsinnig freundlich.

Mir bleiben also zwei Stunden Schlaf, bevor wir uns auf eine Tagestour begeben. Ich schlafe so schnell ich kann.

Zum Frühstück gibt es zum Glück starken Kaffee. Die Küche liegt direkt am Speiseraum, der auch gleichzeitig Eingangsbereich ist. Es ist so blitzblank sauber, wie ich es selten gesehen habe. Aus der Küche kommt leiser Gesang, während die zierlichen Mädels meinen Bratreis zubereiten. Ich brauche jetzt was um den Tag zu überstehen.

Wir werden mit einem kleinen Shuttlebus abgeholt und in einer Gruppe von sieben Leuten zum Nationalpark gefahren. Es ist alles so anders als in der Halong Bucht. Hier hat man das Gefühl, dass man die Natur wirklich bewahren möchte. Natürlich nutzt man den Tourismus, aber man lehrt den Besuchern Respekt vor dem, was sie sehen.

Unser erster Halt ist die Paradise Cave. Von ca 31km Höhlengang ist ein Kilometer für die Öffentlichkeit zugänglich. Nicht mit in den Fels gehauenen Stufen, sondern einer Holzkonstruktion, die versucht möglichst viel unbeschadet zu lassen. Was sich hinter dem Eingang bietet, macht mich sprachlos: Diese Höhle, die sich als riesiges Gewölbe unter der Erde ausbreitet, gehört zu den schönsten Dingen, die ich in meinem Leben jemals gesehen habe. Die Tropfsteine funkeln in verschiedenen Farben von hellem Grün über zartem Rosa, Himmelblau bis hin zu Creme und Elfenbein. Die Formen, die die jahrmillionen alten Stalagmiten und Stalaktiten bilden, sind so unterschiedlich, dass man keine findet, die der anderen ähnelt; Dort sitzt ein Kaiser auf seinem Thron, da blickt eine Eule auf alle herab, ein Zwerg schaut aus der Wand, tausende von Blüten bedecken eine Hütte in Form eines Pilzes. Es ist, als habe die Natur selbst eine Kathedrale erbaut. Einfach magisch.

Ich halte inne und atme noch einmal die leicht feuchte Luft in dem angenehm temperierten Höhlensaal ein – und gehe mit einer Erinnerung, die zu den schönsten meiner Reisen gehört, nach draußen ins Sonnenlicht.

Und der Tag ist noch nicht vorbei…

Check-In ins Dschungelcamp


In Hanoi haben wir noch ca eineinhalb Stunden Zeit. Wir haben einen Nachtbus nach Phong Nha gebucht. Um sechs Uhr soll es losgehen und wir dürfen mit unserem Gepäck in dem Reisebüro warten, in dem wir gebucht haben.

Cherry, die Betreiberin, ihr einjähriger Sohn und dessen Großmutter sind beschäftigt: während Oma den Enkel in der oberen Etage bei Laune hält, macht Cherry die Geschäfte unten im Büro.

Wir fragen, ob wir die Toilette benutzen dürfen. Nach einiger Diskussion zwischen Tochter und Oma nickt man uns zu. Oma spricht gar kein Englisch, deshalb kommuniziert sie mit uns, indem sie uns richtungsweisend auf Schultern und Beine haut – ein bisschen wie bei einer Kuh, die man vorantreibt. Sie führt uns durch eine Hintertür zu einem Raum, der gleichzeitig Küche und Toilette ist, nur durch einen schmalen Pavillon getrennt. Klingt eigentlich unhygienisch, aber der Raum war so sauber, wie es nur geht. Ein großer Schlauch und die Nässe überall deuteten darauf hin, dass hier regelmäßig einfach alles komplett abgespritzt wird. Wir müssen selbstverständlich unsere Schuhe ausziehen und in bereitgestellte Latschen schlüpfen. Mit Schuhen betritt hier niemand einen Wohn- oder Essbereich.

Wir selbst halten uns für sauber und reinlich, aber ich habe das Gefühl, dass die Vietnamesen das anders sehen. Nur schwer kann die Oma ihren Widerwillen verbergen. Und nachdem wir den Raum verlassen haben, schreitet sie zur Tat und macht ihn einmal komplett sauber.

Der Bus hat Verspätung. Erst ca 40 Minuten später kommt ein Shuttle, der uns zum eigentlichen Bus bringt. Wir müssen zwar nicht ins rollende Gefährt einsteigen, aber der Ton ist rau. Ab jetzt werden wir gefühlt die nächsten drei Stunden angeschrien und zurecht geschoben.

Unser Nachtbus hat 43 Betten insgesamt und wird übervoll. Wir werden aufgefordert, uns einen Platz zu suchen und müssen unsere Namen aufschreiben. Wir sind froh, dass wir uns in Hanoi noch zwei Plätze aussuchen können; Reisende, die später hinzu steigen, müssen teilweise mit dem Boden vorlieb nehmen.

Auch, wenn die Liegen eigentlich bequem sind, sind wir völlig entsetzt; die kleinen Gardinen an den Fenstern stehen vor Dreck, alles ist dreckig. Wir werfen die bereitgelegten Decken auf andere Plätze – bitte keinen Hautkontakt.

Notdürftig wischen wir mit Feuchttüchern die zerschrubbten Kunstlederliegen ab und sind froh, dass wir dem Tipp anderer Reisender gefolgt sind: man hat uns zu Sleeping Bags geraten – einfache Hüllen aus reiner Seide, die man problemlos in jede Tasche stecken kann. Wir wickeln uns vollständig darin ein, um so wenig wie möglich mit dem Bus selbst in Kontakt zu kommen.

Noch bis elf Uhr bleibt es bei zusteigenden Gästen in anderen Orten. Geschubse und Befehlston. Ich komme mir vor, als wollte ich ins Dschungelcamp einchecken.

Dann wird endlich das Licht gelöscht und Ruhe kehrt ein – fast. Neben mir, unten auf dem Boden, liegt der Ersatzfahrer und sägt im Schlaf den gesamten Wald Vietnams ab. Schlaf finde ich leider keinen.

Nach ca elf Stunden hält der Bus in Dong Hoi.

Es wird wieder laut, und wir werden zur Eile beim Aussteigen gedrängt. Dann schaue ich dem Fahrer ins Gesicht: er schreit mich zwar an, aber er lächelt. Er ist freundlich – und mir wird klar: es ist nicht seine Schuld, dass seine Sprache in meinen Ohren laut und hart klingt.

Eine gute Erkenntnis um 5 Uhr morgens am Rande des Regenwalds…

Same same but different


Die Hektik Hanois lassen wir am dritten Tag erstmal hinter uns. Wir haben einen Trip in die Ha Long Bucht gebucht. Ein Paket mit Übernachtung auf einem Boot.

Alle schwärmen von der Ha Long Bucht. Da wollen wir natürlich mitschwärmen.

Um alles individuell zu buchen, ist unsere Zeit zu knapp, deshalb wählen wir die Variante Reisepaket. Offenbar scheint das aber auch die einfachste Methode für die meisten zu sein – und so oder so landen am Ende so gut wie alle auf einem der mit Touristen vollgestopften Ausflugsboote.

Vorher probieren wir uns noch am Hotelfrühstück, das in meinem Fall aus einer der typischen Suppen, einer Pho, besteht. Auch, wenn sie offiziell vegetarisch ist, besteht die Basis eindeutig aus einer kräftigen Rinderbrühe. Ein bisschen zu viel für mich am frühen Morgen. Ich esse die Reisbandnudeln und das Gemüse aus der Suppe und versuche den Tiergeschmack mit viel Chili und Limette zu mildern. Man muss aber sagen, dass man sie als Fleischesser sicher als sehr gut bezeichnet hätte.

Wir werden am Hotel abgeholt. Noch herrscht Hanoi-Stress. Der Tourguide schreit uns nur kurz zu, dass wir uns beeilen sollen. Wir rennen mit unseren Koffern hinter ihm her. Der Bus, in dem wir fahren sollen, rollt langsam die enge Straße entlang – und hält auch nicht an. Der schmächtige Tourguide schmeißt unsere Koffer in den fahrenden Bus. Während wir noch ungläubig glotzen, ruft er uns irgendwas zu, was eindeutig nach BEEILUNG klingt. Wir springen also auch in den fahrenden Bus. Immerhin sind wir an Bord, und der Fahrer hupt sich seinen Weg aus der bunten, lauten, vollen, faszinierenden Stadt.

Während der zierliche Tourguide eben noch wie ein Sklaventreiber wirkte, entpuppt er sich jetzt als humoriger und extrem freundlicher Mensch, der wohl lediglich selbst versucht hat, in der Eile sein Bestes zu tun.

Gegen Mittag erreichen wir den Hafen. Ein Boot reiht sich ans andere. Alle im gleichen Stil. Alle bereit, die Tausenden von Touristen durch die Bucht zu schippern. Auch, wenn sich unser Tourguide Mühe gibt, unserer Gruppe von insgesamt 17 Leuten ein anderes Gefühl zu geben – er erzählt alles so begeistert, als sagte er es zum ersten Mal – schreit alles nach Massenabfertigung.

Das Wetter ist leider nicht ganz so, wie wir es uns erhofft haben. Es ist eher frisch und ein paar Tropfen Regen kriegen wir auch ab. Dementsprechend grau sind Himmel und Wasser und ebenso die Felsen, die zahlreich aus dem Wasser herausragen und das typische Bild der Ha Long Bucht prägen. Ich gebe zu – und man möge mich hierfür nicht steinigen – es erinnert mich an die Küste Norwegens, an der ich vor eineinhalb Jahren entlangfuhr. ‚Same same, but different’, um es mit den Worten der Vietnamesen zu sagen. Und für mich persönlich heißt das in diesem Falle: schön, aber nicht atemberaubend. Vielleicht liegt es aber wirklich am Wetter.

Unser Zeitplan ist extrem eng getaktet. Noch am Nachmittag geht es zu einer Insel, in der wir eine Höhle besuchen. Mit ungefähr 2000 anderen Menschen. Die ‚Amazing Cave‘ Hang Sung Sot ist eine Tropfsteinhöhle und wirklich wunderschön. Doch allein schon die Treppen, die aus dem bestehenden Boden gehauen wurden und damit einen Teil dieses Millionen Jahre alten Wunders zerstört haben, geben mir das Gefühl, dass wir eigentlich nicht hier sein sollten. Wenn man bedenkt, wie viele Menschen hier täglich durchgeschleust werden, ohne Erklärungen, wie lange es eigentlich dauert, bis eine solche Höhle entsteht, ohne Hinweise auf Achtsamkeit, ohne Rücksicht auf Verluste, frage ich mich, wie lange es noch dauert, bis ein weiterer Teil faszinierender Natur zerstört ist. Das gilt für die gesamte Bucht. Im Wasser schwimmen leichte Ölfilme und stellenweise Plastikteppiche, alles ist dreckig und ich sehe leider nur tote Fische.

Unser Tourguide hält seine Schäfchen liebevoll zusammen, zählt uns regelmäßig durch und spricht in einem bezaubernden Englisch, das überwiegend aus S und Sch-Lauten zu bestehen scheint. Ich frage mich, ob diese Laute im Vietnamesischen nicht vorkommen, weil es ihn offenbar große Mühe kostet, sie zu bilden. Er schaut ständig auf die Uhr, alles ist genau berechnet: die Zeit in der Höhle, die Stunde Kayak fahren, wann und wie lange es für alle Essen gibt….

Beim Essen gibt die Crew alles. Sie tischen so viel auf, dass es unmöglich ist, alles zu essen. Als Vegetarier gibt es immer zwei oder drei Extra-Teller. Unser Tisch steht voll und selbst zu sechst schaffen wir es nicht, ihn zu leeren.

Ich bin erstaunt, dass alles eher ungewürzt ist. Zimt scheint ein gängiges Gewürz zu sein, aber im Großen und Ganzen sind die Dinge entweder frittiert oder gedünstet, aber relativ geschmacklos. Naja. Wir haben ja noch Zeit, die vietnamesische Küche kennenzulernen.

Nach ziemlich genau 24 Stunden auf dem Boot, die ich trotzdem insgesamt als positive Erfahrung, aber nicht als Empfehlung, bezeichnen würde, bin ich froh, dass uns der Bus zurück Richtung Hanoi bringt.

Schließlich ist das nächste Abenteuer nur noch wenige Stunden entfernt…

Der Duft von Hanoi


Die Dusche bleibt kalt, weil das Wasser einfach nicht warm wird. Zehn Minuten nachdem der Strom eingeschaltet ist, sollte es warm werden, sagte die Dame, haben wir zumindest so verstanden – tatsächlich sind es eher so 20 Stunden.

Egal, kaltes Wasser ist gut fürs Bindegewebe. Hauptsächlich wollen wir sowieso endlich was essen.

Wir verlassen unser Hotel mitten in einer kleinen Gasse in der Altstadt – und da stehen wir. Umgeben von Menschen, die auf der Straße stehen und sitzen. Sie kochen, braten, hacken Fleisch und Fisch, zupfen Gemüse zurecht, schälen Obst, und drum herum verpesten die Mopeds und Autos die Luft mit ihren stinkenden Abgasen. Die Gerüche sind, gelinde gesagt, dramatisch. Hunger, geschweige denn Appetit, ist wie weggeblasen. Es mischt sich der Geruch von getrocknetem Fisch, Dieselgestank und bei 20 Grad mehrere Stunden ungekühltem Fleisch. Die Garküchen, von denen ich noch drei Stunden zuvor dachte, dass ich sie testen werde, entpuppen sich als Woks auf Bunsenbrennern am Boden, Essen serviert auf ungewaschenen Plastiktellern, das mir schon beim Anblick auf den Magen schlägt. Nein. Heute keine Garküche. Der Tag war zu lang, die Reizüberflutung zu groß, alles so laut. Vielleicht morgen. Vielleicht an einem anderen Tag in den nächsten zwei Wochen.

Wir wandern noch zweimal um den See, bis wir die Gerüche soweit aus der Nase haben, dass die Nahrungsaufnahme möglich scheint. Es wird ein kleines Lokal, wenige Plätze, aber bebilderte Karte. Das Essen ist vietnamesisch und gut, das Bier schenkt uns die nötige Bettschwere. Ein anstrengender Tag. Ein aufregender Tag. Ich freue mich, hier zu sein.

Norwegen Tag 4


  
Es ist ziemlich unwahrscheinlich, bei Vollpension zu verhungern, aber nicht unmöglich. Das weiß ich spätestens seit dem Vortag. Da ich nicht der große Frühstücker bin, hatte ich mich morgens auf Kaffee und Knäckebrot mit einer Scheibe Käse (diesen Käse muss ich unbedingt importieren) beschränkt. Mein Plan allerdings, mittags ordentlich zu essen, wurde durch meinen plötzlichen Aufbruch zum Eiderenten-Paradies vereitelt. 
Wir waren gegen fünf zurück vom Archipel und das bedeutete, dass ich mich noch bis acht gedulden musste. Abends wird ein Drei-Gänge-Menü serviert, und meine Tischzeit lautet 20 Uhr. 

Ohne Essen bin ich kein besonders friedlicher Mensch, und selbst wenn ich den Ärger des gesamten Vega-Archipels auf mich gezogen hätte; Eiderente wäre jetzt bestimmt super gewesen. 

Es wurde dann aber doch Bulgur mit Gemüse. Und das gerade noch rechtzeitig, um die Sicherheit der Mitreisenden zu bewahren. 

Diesen Fehler würde ich nicht wiederholen. 
Klug, wie ich also nun gerade geworden bin, esse ich zum Frühstück mehr als ein Knäckebrot und schaffe es auch zum Mittagessen. 

Ansonsten ist der Tag überwiegend mit Schnittarbeit am Laptop ausgefüllt. Kabine anstatt Deck. 
Am Nachmittag steht noch ein Interview mit dem Chefkoch aus. Der Arme schwitzt vor Aufregung und fühlt sich am Mikrofon nicht besonders wohl. 
Ganz im Gegenteil dazu der Kapitän. Den treffe ich um 18 Uhr. Ob ich mal mit auf die Brücke will, fragt er. Na klar! 

Und da bin ich. Die Offiziere sitzen in ihren Sesseln an einem Pult voller Technik und Bildschirme, vor ihnen das riesige Panorama-Fenster. Die allerbeste Sicht an Bord und der absolut coolste Platz hier. 
Für das Interview gehe ich mit dem Kapitän in die Cafeteria. Er will Kaffee trinken. Meinetwegen gern. Dazu erzählt er über seine Arbeit, seine Familie, und sein heißer Tipp für das beste Erlebnis an Bord: so wenig Schlaf wie möglich, damit man nichts verpasst. 

Nun, folgte ich seinem Rat, würde ich wahrscheinlich sogar im Sommer Nordlichter sehen, denn Schlaf ist für mich ähnlich wie Essen: zu lange ohne – und damit meine ich, weniger als acht Stunden pro Nacht – löst bei mir existenzielle Grenzerfahrungen aus, die ich nicht positiv bewerten kann. 
Er erzählt weiter vom regionalen Essen, das er so liebt. Hier an Bord gibt es Eiscreme direkt von der Küste. Ob ich das nicht probieren wolle. 

Klar will ich! Ich liebe Eis! 

Er freut sich und steht auf, um mir eins zu holen. „Ich bringe Dir meine Lieblingssorte: getrockneter Fisch!“
Wie bitte?? Haben wir nicht gerade von Eis gesprochen? Ich versuche noch irgendetwas von Vegetarier zu murmeln, aber es ist zu spät. Er kommt zurück mit – gnädigerweise einem sehr kleinen Löffel – Eis. 

Ich schnuppere vorsichtig. Nichts. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Augen zu und durch. 
Er schaut mich erwartungsvoll an, vielleicht auch damit rechnend, dass sich gleich meine Gesichtsfarbe in leichtes Grün verändert. 

Ich schiele auf meine Kaffeetasse. Leer. Nichts zum Nachspülen. 

Aber so schlimm ist es auch gar nicht. Ich bin erstaunt. Es schmeckt eigentlich einfach wie Sahneeis. Als ich ihm das sage, fängt er an zu schwärmen: es gebe auch Erdbeer- und Blaubeereis von der gleichen Firma, aber getrockneter Fisch sei die beste Sorte. Und während er das sagt, entfaltet sich in meinem Mund die volle Fischexplosion. Ich versuche, an Erdbeere und Blaubeere zu denken und wünsche mir meine Zahnbürste. Zum Glück hält sich der Geschmack nur kurz, und in seinen Augen scheine ich die Probe bestanden zu haben: „Du kannst morgen jederzeit zu uns auf die Brücke kommen, wenn Du Zeit und Lust hast.“
Na, das war es doch wert. 
Und dann sind es auch nur noch eineinhalb Stunden bis zum Abendessen. Das halte ich gut aus. 
Zur Auswahl stehen für mich an diesem Abend Pilz-Risotto oder… Fisch. Wenigstens nicht getrocknet. Ich weiß, dass ich keine Pilze mag und kein großer Risottofan bin. Also probiere ich den Fisch?
Ist das ein sehr fischiger Fisch, frage ich den Kellner. Er guckt mich mit großen Augen an. Was ich damit meine, will er wissen. 

Ja. Klar. Blöde Frage für jemanden, der in einem Land mit einer kulinarischen Fischkultur aufgewachsen ist. Er hätte mich fragen können, ob eine Tomate sehr tomatig ist. 

Liebes Norwegen, ich entschuldige mich hiermit für alle Eiderenten- und Fisch-Faux-Pas. 
Aber immerhin habe ich mich für den Fisch entschieden. Wenn ich Eis mit getrocknetem Fisch überlebe, dann wohl auch frischen, gekochten Fisch. 

Und es war gar nicht mal so schlecht.