Der frühe Vogel


Meine Schule beginnt diese Woche etwas früher. Weil der Montag frei war, wird der fehlende Tag durch eine Stunde mehr Unterricht täglich ersetzt.
Ich gehe immer noch zu Fuß zur Schule. Mittlerweile ist es schon morgens ziemlich warm, und mich zur Stoßzeit in einen überfüllten Bus zu quetschen, erscheint mir nicht sehr erfreulich.

Wenn ich zur Schule gehe, sind die meisten Geschäfte noch geschlossen. Nur die Kioske, die es hier an jeder Ecke gibt, und in denen man quasi alles bekommt, was man im Notfall braucht, sind schon offen. Und einige der ‚panaderías‘ – Bäckereien, die mit einem Angebot an Torten und Gebäck aufwarten, wie es sich Naschkatzen nur erträumen können.

Die Stadt erwacht.

Buenos Aires ist laut. Der anscheinend nie enden wollende Verkehr, die Straßen voll mit Menschen.
Buenos Aires ist sehr laut.
Und dreckig. Besonders am frühen Morgen fällt auf, wie viel vom vergangenen Tag liegen geblieben ist. Müll türmt sich überall am Straßenrand, Gerüche kriechen aus überquellenden Tonnen, und jeder kehrt vor seiner eigenen Tür. Die Bürgersteige werden gefegt, Türschilder poliert, die Eingangsstufen geschrubbt, die letzten Penner der Nacht beiseite geschoben, sogar die Mülltonnen selbst werden vom gröbsten Schmutz befreit. Das heißt nicht, daß es danach sauber ist. Nur für den Moment nicht mehr ganz so dreckig.

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Und dann passiert es: die Ampeln schalten auf rot, die Autos müssen sich einen Moment gedulden und schweigen, es wird unerwartet still, die Vögel singen ihre bezaubernden Melodien, die Sonne wirft die Schatten der Bäume auf die Straße, und die Tür einer panadería öffnet sich und verströmt den Duft von frischgebackenen Croissants.

Buenos Aires. Du laute, dreckige, charmante, schöne, magische Stadt!

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Bailando ODER Man, bin ich deutsch! ODER Ich muß mal!


Tanzstunde.
Nach einer Woche Lernen und Kopf rauchen, brauche ich physischen Ausgleich. Da reicht auch der Weg zur Schule jeden Morgen nicht. Also gehe ich mit einer anderen Deutschen, die hier wohnt, zu einer Tanzstunde. Was genau das wird, weiß ich noch nicht. Ist ja auch egal, Hauptsache ein bißchen Bewegung.

Außer uns sind noch zwei Mädels aus Argentinien da und die Lehrerin. Alle ungefähr 1,55m groß, zierlich, laut – sehr laut! – und gut gelaunt. Bevor man mit der Stunde anfängt, müssen erstmal die privaten Zustände erörtert werden… Ist die eine noch mit ihrem Freund zusammen, wohin will die andere umziehen, was gibt es Neues bei der Schwester der Dritten…

Und dann geht es los. Reaggaton nennt sich die Musik und Tanzart. Wie Reggae, nur viel schneller und härter. Und zwar sehr schnell. Es stellt sich heraus, daß die anderen Mädels bereits in den Wochen zuvor mit einer Choreographie begonnen haben. Da bin ich also erstmal raus. Aber ich kann ja bei den neuen Teilen einsteigen. Leichter gesagt als getan. Die Damen bewegen sich so schnell, schütteln Hüften und Popos und sehen dabei einfach nur gut aus. Ich fühle mich wahnsinnig deutsch.
Bei einem Tanzschritt versucht mir die Lehrerin was zu erklären. No entiendo! Also übersetzt die andere Deutsche für mich: ein bißchen so, als müßtest Du aufs Klo.
Aha. So sehe ich also beim Tanzen aus. Na, sehr freundlich!
Zum Glück ist die Stunde bald vorbei. Mir reicht’s! Das Missverständnis klärt sich leider erst danach auf. Nicht ich sehe so aus, als müsse ich aufs Klo, sondern die Beinhaltung bei dem Tanzschritt soll so aussehen.

Ich bin ein bißchen erleichtert. Beim nächsten Mal werde ich einfach vorher sehr viel trinken. Vielleicht klappt’s dann!

Die aus der ersten Reihe


Mein vierter Tag in der Schule. Ich mache Fortschritte, alle anderen auch. Es läuft also. Auch der junge Mann, gerade mal so Mitte 40 (ich entschuldige mich für vorherige Formulierungen), hat mittlerweile sein Labyrinth verlassen und sich den Weg zur spanischen Sprache freigekämpft. Wir sind alle lernfreudig. Fast alle. Alle, bis auf diesen Typ aus Schweden. Der ist am zweiten Tag zu uns gestoßen und seitdem geht es etwas schleppender voran. Denn statt auf Spanisch stammelt er lieber auf englisch und statt zuzuhören, spielt er lieber an seinem Handy rum. Und er hält uns auf!

Oh je. Ich klinge wie die Klassenstreberin aus der ersten Reihe. Aber das ist der Unterschied, wenn man lernen will und nicht muß. Außerdem kostet die Schule Geld! (typisch Deutsch: ich will was haben für mein Geld)

Nächste Woche wäre ich nur mit dem Schweden und dem Herrn aus Seattle in einer Klasse. Tut mir leid, das geht so nicht.
Meine Lehrerin hat das auch so gesehen und mit der Direktorin gesprochen (wenn, dann mache ich die Pferde richtig scheu).

Die Lösung ist simpel und doch harte Arbeit: morgen nach dem Unterricht und dem Test, den wir schreiben, habe ich zwei Privatstunden, in denen ich das lerne, was meine Klasse nächste Woche lernt, damit ich eine Woche überspringen kann.

Das Wochenende werde ich dann wohl recht viel mit Lernen verbringen.
Meine Mutter hätte sich gefreut, wenn ich diesen Satz mal vorm Abitur gesagt hätte…

Mein erster Schultag


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Achherrje. Wie damals. Die Tasche gepackt, was zum Schreiben und einen Block dabei, und los geht’s. Der Fußweg zur Schule beträgt ziemlich genau 45 Minuten (bei meinem Tempo, bei den Einheimischen vermutlich 12 bis 18 Minuten länger). Ich könnte auch mit dem Bus fahren, aber ich bin sowieso früh dran und habe Lust zu laufen.

In der Schule trifft man auf alle möglichen Nationen, in meiner Klasse ist ein Herr, schon Mitte vierzig, aus Seattle, ein Mädchen aus Holland, eine Schweizerin und noch ein Deutscher.

Und glücklicherweise sind sie alle auch nicht besser als ich. Und der Herr aus Seattle sogar derart ‚lost in translation‘, daß er einem schon leid tut, denn wer erinnert sich nicht an die Schultage, an denen man an die Tafel mußte und von Tuten und Blasen einfach keine Ahnung hatte.

Vier Stunden. Ganz schön intensiv.
Aber so langsam nähere ich mich den Geheimnissen der Sprache.
Das Spanisch, das hier gesprochen wird, ist nämlich ziemlich anders als das in Spanien. Man vergesse zunächst die zweite Person Plural (die gibt es hier nicht), tausche das spanische tú gegen vos, ersetze y und ll durch ein scharf gesprochenes sch und verschlucke auf dem Weg dorthin möglichst viele Exemplare des Buchstaben s. Fertig!

Und nur weil die Lehrerin freundlicherweise so langsam und verständlich spricht, heißt das noch nicht, daß man in der echten Welt irgendwen versteht. Aber ich bin frohen Mutes, morgen ist ein neuer Tag mit lernen, lernen, lernen!
Aber das heißt ja nicht, daß die Nacht davor nicht noch interessant werden könnte…