Tango… tanzt hier niemand


Ganz offenbar spalten sich die Bewohner hier in zwei Gruppen. Die, die tanzen und die, die der Meinung sind, daß niemand tanzt.

Bisher kannte ich nur Leute, die irgendwie was mit Tango und generell mit Tanzen zu tun haben. Sei es Salsa, Bachata, Reaggeton. Sei es in der Milonga, in Bars oder zu Hause im Wohnzimmer.
Aber mittlerweile sind mir auch einige Personen begegnet, für die das mehr oder weniger alles nur ein Gerücht ist.

Tango… hat man früher getanzt. Ist fast ausgestorben. Gibt es kaum noch. Und überhaupt sind die Argentinier, oder zumindest die in Buenos Aires, nicht so die Tänzer. Sind ja quasi alles Europäer ursprünglich. Und die haben ja auch nicht so den Rhythmus im Blut.

Wie hoch nun tatsächlich der Prozentsatz der tanzenden Bevölkerung ist, kann ich nicht sagen. Aber irgendwie passe ich mich automatisch an: Eine Woche lang habe ich fast täglich getanzt, eine Woche irgendwie quasi gar nicht.

Es gibt eben schlicht und einfach Beides.

Mein zweiter Geburtstag


Der Tangotanzlehrer hat Geburtstag. Seinen 31. Also haben wir nach dem Unterricht gefeiert. Wie es sich gehört wieder mal mit einem Asado.

Diesmal in kleiner Runde. Nur das Pärchen, das mit mir Unterricht nimmt, zwei Bekannte und die beiden Tanzlehrer.
Das heißt aber nicht, daß es dann weniger zu Essen gibt. Wiedereinmal landeten Kiloweise Fleisch auf dem Grill, dazu Brot, etwas Salat und viel Wein.

Wiedereinmal gab es anschließend auch Nachtisch in Form einer tollen Schokotorte.

Und wiedereinmal habe ich schlicht und einfach zu viel gegessen. Mein Magen war erst am späten Nachmittag des Folgetags wieder aufnahmefähig, und ich muß endlich lernen, daß es keine gute Idee ist, alles zu probieren, wenn man bestimmte Dinge nicht gewohnt ist.

Also: Das nächste Mal muß ich die Schokotorte unbedingt weglassen!

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Zweiter Versuch


Portugiesen mit Mundgeruch möchte ich heute vermeiden, aber das mit dem Tango will ich schon gerne nochmal ausprobieren.
Wir praktisch, daß meine Mitbewohnerin Tangolehrerin ist. Zusammen mit ihrem Tanzpartner gibt sie Unterricht in einem winzigen Saal ganz in der Nähe unserer Wohnung.

Natürlich ist ihr Unterricht etwas teurer, aber umgerechnet ca. 8€ für eine Stunde Rundumbetreuung kann man wohl ganz gut verkraften.

Außer mir ist noch ein sehr sympathisches Pärchen aus der französischen Schweiz dabei, die gemeinsam schon einige Stunden hinter sich haben.
Meine Mitbewohnerin kümmert sich um deren Fortschritte, und ihr Tanzpartner bringt mir die Basisschritte des Tango bei.

Was für ein Unterschied!
Das, was hier passiert, hat nichts mit der klitzekleinen Choreographie zu tun, die wir im Gruppenunterricht gelernt haben. Viel eher ist es ein ’sich auf etwas einlassen‘. Das Spüren der Bewegung. Die Stunde vergeht wie im Flug, und ich habe tatsächlich das Gefühl, daß ich etwas gelernt habe. Eigentlich ist es eher das Gefühl, daß ich etwas verstanden habe. Ich weiß noch nicht genau, was, und es ist auch nicht einfach zu beschreiben, aber morgen gehe ich wieder hin, und vielleicht kann ich es irgendwann in Worte fassen.

La Catedral


20131113-133253.jpgJa, ich besuche ‚La Catedral‘. Allerdings nicht an einem Sonntagmorgen sondern an einem Dienstagabend.

‚La Catedral‘ ist eine Milonga. Also ein Ort, an dem Tango getanzt wird, und diese Milonga scheint eine der bekanntesten zu sein.
Schließlich will ich endlich meine erste Tangostunde haben.

Von außen sieht das Gebäude nicht sehr sakral aus, mehr wie ein heruntergekommenes Fabrikgebäude. Also lieber reingehen.

Ich habe mich informiert. Um neun ist eine Stunde Gruppenunterricht für Anfänger. Etwa um zehn vor neun bin ich da.
Der Herr vorm Tanzsaal sitzt an seinem kleinen Tisch und schaut mich mürrisch an. Ich erkläre ihm freundlich, daß ich die Stunde um neun mitmachen möchte und noch nie Tango getanzt habe. Das ist ihm egal.
Die Stunde um neun ist jetzt die Stunde um zehn, sagt er mir. Welche ich also mitmachen will. Die um neun oder die um zehn?
Naja, die um neun. – Ja, aber die ist jetzt um zehn. Ob ich die, die jetzt anfängt, mitmachen will??
Das weiß ich nicht. Was ist denn das jetzt für eine Stunde? Ist das sinnvoll? (Ich hatte ihm ja gesagt, daß ich noch nie Tango getanzt habe. Ist ihm immer noch egal.)
Gemurmel. Ich solle mich doch jetzt bitte entscheiden, welche Stunde ich mitmachen will!
Ok, dann die, die jetzt um neun anfängt, die aber nicht die Stunde um neun ist, weil die um zehn anfängt.
Alles klar. Macht vierzig Pesos (etwa 4Euro). Ich gebe 100.
Wie genervt kann ein Mensch sein!? Ob ich es denn nicht kleiner habe? Er brauche Wechselgeld!
Kleiner habe ich nur 37 Pesos. Keine Gnade. So dringend will er das Wechselgeld dann auch nicht, daß er mir die drei Pesos erlässt, stattdessen gibt er mir, begleitet von weiterem Gemurmel, das ich zum Glück nicht verstehe, auf meine Hundert raus.

Endlich habe ich den bisher unfreundlichsten Menschen Argentiniens überstanden, da fängt die Stunde auch schon an. Etwa 25 Pärchen stehen auf der großen Tanzfläche, in der Mitte die Lehrer und drum herum Tische und Stühle, gefüllt mit Leuten, die zum Essen, Trinken und Schauen gekommen sind. Und, ein Glück, ich habe eine Anfängerstunde erwischt.

Wir lernen die ersten einfachen Schritte, und dann soll sich jeder einen Partner suchen. Mit sowas habe ich ja immer besonders viel Glück. Der einzige Typ, der offenbar ohne weibliche Begleitung gekommen ist, wird mir zugeteilt, hat Mundgeruch, ist klein, spricht nur Portugiesisch und kann noch weniger tanzen als ich.
Während die anderen Paare Fortschritte machen und wörtlich den Dreh raushaben, latscht er konsequent in die falsche Richtung und will auch erst glauben, daß der Schritt so nicht stimmt, als der Tanzlehrer ihn korrigiert.

Nach einer Stunde sind wir zwar immer noch das schlechteste Tanzpaar, aber wenigstens habe ich eine Ahnung davon, daß es durchaus Spaß machen kann (als der Tanzlehrer ihm den Schritt gezeigt hat, hat er kurz mit mir getanzt).

Der Portugiese lädt mich zu seinen portugiesischen Pärchenfreunden an den Tisch ein, an dem sie ausschließlich Portugiesisch sprechen, und er weiter Mundgeruch hat.
Und um halb elf fängt dann die Stunde an, die nicht die Stunde um neun ist, weil sie heute um zehn anfängt.

Ich komme bestimmt noch mal wieder.
Dann aber so gegen achtzehn Minuten vor oder nach zehn und einer Tasche voll Pfefferminzbonbons.

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