Geh oder stirb


6 Millionen Roller- und Mopedfahrer. Jeder, der es sich irgendwie leisten kann, hat offenbar einen zweirädrigen, fahrbaren Untersatz. In Hanoi wirkt jede Kreuzung wie der Startpunkt einer Rennstrecke. Dicht gedrängt stehen sie da wie Stiere, die mit den Hufen scharren, um endlich loszufahren – natürlich nicht bei grün, sondern dann, wenn es einer nicht mehr aushält und hupt. Wer hupt, fährt zuerst. Alle hupen, und zwar ständig – was das Überqueren einer Straße zum echten Erlebnis macht. Beim ersten Mal stehen wir ratlos da. Es gibt zwar einen Hauch von Zebrastreifen, aber ans Anhalten denkt hier niemand. Im Gegenteil: sobald wir einen Fuß auf die Straße setzen, werden wir mit lautem Hupen zurückgescheucht. Alles fährt kreuz und quer, eine Lücke im Gewusel des Verkehrs tut sich nicht auf. Das bedeutet, es gibt nur eine Lösung: einfach gehen. Luft anhalten, geradeaus schauen und losgehen. Alle Fahrzeuge ausblenden. Zögern wird bestraft, nicht nur mit weiterem Hupen, sondern auch mit Nichtvorankommen, im schlimmsten Fall mit körperlichen Schäden. Nicht zögern, einfach gehen und alles an einem vorbei ziehen lassen. Solange man beweglicher Teil des Ganzen ist, scheinen sie sich hupend den Weg an einem vorbei zu suchen. Wer steht, kann nicht eingeordnet werden.

Wir werden besser darin, die Straßen zu überqueren, ein Adrenalinkick bleibt es. Und wir können genau sehen, welche Touristen gerade erst in Hanoi angekommen sind: die, die stehen. Ratlos stehen und staunen.

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Guten Morgen


Not macht erfinderisch, und siehe da: wenn man sich ein nasses Handtuch über das Laken legt und den Ventilator nachts anlässt, kann man trotz der Hitze ganz gut schlafen. Dazu hat es ein paar Tropfen geregnet letzte Nacht, so daß es heute wahrscheinlich nur 32 und nicht 40 Grad werden.

Gleich heute Morgen gab es einen kurzen Stromausfall. Nur zehn Minuten. Nichts, was man nicht verschmerzen könnte, vor allem, wenn man bedenkt, daß hier viele Menschen mehrere Tage, sogar Wochen, ohne Strom waren im letzten Monat.
Offenbar kommen die Stromfirmen da manchmal einfach nicht hinterher, wenn Kühlschränke, Ventilatoren und Klimaanlagen laufen.
Und man stelle sich zwei Wochen ohne all das bei 40 Grad vor. Nichts, was man unbedingt erleben möchte, denke ich.

Nachdem ich also meine Erschöpfung des gestrigen Tages weggeschlagen habe, stelle ich fest, daß sich hier nichts verändert hat. Die Katze schläft, wie immer, auf dem Tisch, das Hündchen erwartet jeden freudig, der morgens aufsteht, sogar mein Kräutergarten hat überlebt und wächst und gedeiht.

Aber es riecht anders. Nach richtigem Sommer. Irgendwie nach Urlaub…