Der Herbst naht


Es wird ganz klar Herbst, obwohl die Sonne heute scheint, und wir einen schönen Tag haben.
Aber Herbst auch, was meine Reise betrifft. Nur noch etwas über einen Monat, dann werde ich ins Flugzeug nach Deutschland steigen.
Geplant war eigentlich bis August, aber da gibt es Probleme mit dem Flug, und für einen komplett Neuen fehlt ein bißchen das liebe Geld.

Ich freunde mich ganz langsam mit dem Gedanken an.
Zumindest, Buenos Aires erstmal zu verlassen. Wieder ganz in Deutschland zu sein? Noch nicht richtig. Wenigstens wird es dort dann Sommer, das erleichtert mir das Ganze vielleicht.

Aber mein kleiner Kräutergarten wird ohne mich wachsen müssen, die Avocados reifen hoffentlich, aber ohne, daß ich sie probieren könnte.
Die Straßen, die ich mittlerweile so gut kenne, die Menschen, mit denen ich meine Zeit verbringe, die Stadt, die ich lieben gelernt habe, wird langsam vor meinem inneren Auge verblassen. Wird nur noch eine Erinnerung sein.

Ich darf noch nicht zu viel darüber nachdenken.
Aber es ist, wie es ist. Und das Leben hält sicher neue Abenteuer für mich bereit. Vielleicht soll es auch einfach so sein.

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Keine Zeit


Momentan ist es zeitlich gar nicht so einfach, etwas zu schreiben.
Freizeitstress!
Es gäbe genug, aber da ich den Morgen mit Wäsche machen, den Tag planen und mich selbst in einen vorzeigbaren Zustand bringen beginne, ihn mit Ausflügen zusammen mit meinen Eltern fortsetze und schließlich nach einem guten Abendessen und Konversation totmüde im Bett beende, habe ich einfach gerade nicht viel Zeit.

Morgen kann ich wahrscheinlich auch nichts schreiben, denn es steht eine Bootsfahrt nach Uruguay an. Keine Zeit!

Und daß das bitte niemand falsch versteht: ich beschwere mich darüber nicht im Geringsten! Diese Art von Stress kann ich sogar bedenkenlos weiterempfehlen.

Fast Food und die liebe Geschwindigkeit


Verabredung und drei Minuten zu früh an Ort und Stelle. (ICH KANN EINFACH NICHT ANDERS; DAS LIEGT IN MEINEN GENEN!)
Wie praktisch, McDonald’s befindet sich direkt neben mir, dann hole ich mir noch schnell einen Kaffee.

Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, daß hier irgendwas schnell geht! Eigentlich müßte ich es doch besser wissen!

Drei junge Mädchen hinter dem Tresen versuchen sich an der Kaffeemschaschine, um meinen Kaffee zuzubereiten. Ich bin übrigens der einzige Kunde.
Nach fünf Minuten ist die Aktion mit Erfolg gekrönt. Ich halte meinen Kaffee in der Hand und werde freundlich angelächelt und verabschiedet. Tja, fehlt nur mein Wechselgeld! Als ich das erwähne, geraten die drei Mädchen in Aufruhr.
Oh, natürlich! Es sei nur gerade kein Kleingeld (ich wartete auf 30Pesos) in der Kasse.

Also, die Kasse nebenan.

Ob ich nicht Platz nehmen und es mir bequem machen wolle.
Nein, ich habe Eile.

Ungefähr weitere acht Minuten später habe ich dann auch mein Wechselgeld.
Fast eine Viertelstunde für einen Kaffee in einem leeren Schnellrestaurant!

Also wirklich! Da plagen wir uns ab in Deutschland mit einem Salatblatt im Wrap oder einer frischen Tomate auf dem Burger, damit es zum gesünderen Slowfood werden kann. Wie umständlich!

Die Argentinier lassen sich einfach so viel Zeit, daß alles automatisch zu Slowfood wird!

Entdeckung der Langsamkeit


Einkaufen. Das Gute ist, daß die Supermärkte täglich bis neun geöffnet haben. Und meine Theorie ist, daß sie das auch müssen, weil sonst niemand zum Kaufen käme, denn ein Besuch im Supermarkt nimmt Zeit in Anspruch!

Ich möchte ein Stück Käse kaufen, Brot, eine Avocado, eine Zitrone und eine Zwiebel. Ich könnte in den Käseladen gehen, dann zum Bäcker und zum Gemüsehändler. Oder ich versuche es eben im Supermarkt, denn da gibt es alles.

Zeiträuber 1: sämtliche Käsestücke sind eher für Familien abgewogen als für eine Einzelperson. Ich möchte kein halbes Kilo Käse kaufen, also suche ich nach dem kleinsten Stück. Das dauert und kostet verhältnismäßig viel.

Zeiträuber 2: Gemüse muß man abwiegen lassen. Ein Mann wiegt alles, und da alle irgendwelches Gemüse kaufen, ist die Schlange dementsprechend lang. Und selbstverständlich wird jedes Stück in eine eigene Tüte verfrachtet.

Mittlerweile, eine halbe Stunde später, habe ich also vier Tüten. Eine mit einer Zitrone, eine mit einer Avocado, eine mit einer Zwiebel und eine mit Brot. Dazu kommt mein abgepackter Käse.

Zeiträuber 3: die Kasse. Es gibt zwar viele Kassen, aber vor allen steht jeweils eine lange Schlange. Also anstellen. Und teilhaben an der Entdeckung der Langsamkeit!
Die Kassiererinnen ziehen einen Artikel nach dem anderen vor den Sensor, wie in Deutschland, nur viel laaaangsamer. Und es gibt pro Einkauf immer ein oder zwei Artikel, die Probleme bereiten. Die der Sensor nicht lesen kann zum Beispiel. Aber bevor man die Nummer manuell eingibt, versucht man es lieber zwanzigmal. Und wenn man dann die Nummer manuell eingibt, vertippt man sich am besten und fängt von vorne an.
Und es gibt auch grundsätzlich kein Wechselgeld. Also schreit die Kassiererin jedesmal nach ihren Kolleginnen, ob die vielleicht gerade Kleingeld haben. Haben sie nicht normalerweise. Wenigstens wird der Einkauf großzügigerweise um ein paar Centavos abgerundet.

Ich habe also jetzt ein Stück Käse, eine Zitrone, eine Avocado, Brot und eine Zwiebel. Etwa eine Stunde nach Betreten des Supermarktes.

Das nächste Mal gehe ich zum Bäcker, zum Gemüsehändler und zum Käseladen.

Das war Woche Nr. 2


Jetzt bin ich schon zwei Wochen hier. Oder erst? Ich weiß selbst nicht so genau. Aber ich weiß, daß mir die Zeit hier nicht langweilig wird.
Es gibt so viel zu sehen und zu entdecken. Jeden Morgen auf dem Schulweg sehe ich etwas, das mir zuvor noch nicht aufgefallen war. Jeden Nachmittag, wenn ich durch die Straßen spaziere, entdecke ich Parks, besondere Geschäfte, bezaubernde Ecken, einladende Gerüche und unbekannte Geräusche. Die Stadt erscheint mir unendlich. Vielleicht weil ich ERST zwei Wochen hier bin. Vielleicht aber auch, weil ich SCHON zwei Wochen hier bin, und meine Augen und Ohren sich mehr und mehr öffnen für das, was um mich ist.
Jede Straße hat ein gewisses eigenes Flair. Hinter der nächsten Ecke kann sich der schönste Platz offenbaren oder der dreckigste Hinterhof.

Bisher habe ich mich auf meine Schule konzentriert, aber morgen ist mein letzter Schultag. Vorerst. Es wird Zeit, daß ich ein bißchen einen auf Tourist mache und mir die Dinge anschaue, die mein Reiseführer empfiehlt. Auch das gehört dazu.

Und dann muß ich auf Wohnungssuche gehen, denn meine Zeit bei Mirta neigt sich dem Ende entgegen (auch, wenn sie mich heute als ihre Adoptivtochter bezeichnet hat).
Und auf Jobjagd.

Ich bin mir sicher, ich bin ERST zwei Wochen hier. Das war erst der Anfang!